Ins Netz gegangen

Gilliéron / Koch / Wey: Homo Digitalis, Kaserne Basel / Ballhaus Ost, Berlin (Regie: Zino Wey)

Von Sascha Krieger

Steve klickt. Steve preist an. Steve verkauft. Was? Sich. Er ist ein „Homo Digitalis“, er lebt im, mit dem, durch das und vom Internet. Bekommt er fünf Sterne, geht es ihm gut, gehen die Bewertungen runter, gähnt der Abgrund. So lange er ein „Top Seller“ bleibt, hat er eine Existenzberechtigung, verliert er den Status, verschwindet er. „Ich löse mich auf“, sagt er einmal. Ohne seine Netzidentität ist er nichts. Beim Basler Kollektiv Gilliéron / Koch / Wey gibt es ihn gleich vierfach: Klone eines scheinbaren Individuums, gekleidet in Jeans und Rollkragenpullover, verwechselbar, verzichtbar. Um die Lebenswirklichkeit in einer zunehmend digitalisierten Gesellschaft soll es in diesen 70 Minuten gehen und darum, was die Anonymität, Verfügbarkeit und Schnelligkeit der(post)modernen Arbeitswelt mit dem auf Individuum trainierten Menschen machen. Eine enge Box bevölkern die vier Steves, ein Stuhl, ein Tisch, eine Matratze – und vier Laptops. Sie leben online, arbeiten online, denken online und existieren online. Ihren Körper, ihre Hände brauchen sie nicht mehr. Sie sind Pixel und Likes und Klicks. In radebrechendem Denglish preisen sie sich an, bieten ihre Dienste feil und sich selbst, werden gepriesen und verstoßen, verlieren jegliche Kontrolle über das, was sie Leben nennen, weil ihnen ein passender Begriff dafür fehlt.

Bild: Brigitte Fässler

Bild: Brigitte Fässler

Denn sein, jemand sein, etwas sein – dafür ist es zu spät. Das Netz nimmt mehr als es gibt. Für fünf Dollar verkaufen sie sich an jeden, der sie haben will. Dafür geben sie ihr Copyright auf, was zur Frage führt: „Wer bin ich, wenn ich kein Copyright mehr habe?“ Mit dem Copyright, dem Recht am eigenen Selbst, verschwindet dieses gleich mit. Was bleibt, ist eine Hülle, ein zweidimensionales Online-Image, ein Zombie, Armeen von Untoten, die im Netz unsterblich sind, aber eben auch nicht mehr richtig existieren. „You are there without being there“, singen sie, ballen die Fäuste, proben den Aufstand gegen eine Welt, in der ihre Arbeit nur noch ein paar Cent wert ist und sie selbst nur so viel wie ihre Online-Bewertung. In seiner ersten Hälfte gelingt es dem Abend, dieses Unbehaustsein, dieses in einer Art Zwischenreich leben der Generation Online-Service, der so genannten Share-Economy, in der große Plattformen Gewinne machen und der Einzelne das Risiko trägt, in der der Mensch anderen gehört und nur der Misserfolg seinem Rest-Ich, in prägnante Szene zu fassen. Das kollektive, nicht mehr individuelle ich splittert sich auf in einem Chor der Einzelstimmen, die eben nicht mehr einzeln sind. Lähmende stille steht neben satirischem Slapstick, Lächerlichkeit und existenzielle Angst stehen viel zu nah beieinander.

Das ist eindringlich, stringent und spannungsreich inszeniert – und greift natürlich viel zu kurz. Das Netz als Möglichkeits- und Entfaltungsraum, als Ideenlabor und Freiheitsort kommt nicht vor, seine praktische wie utopische Dimension bleiben außen vor. Stattdessen ist der „Homo Digitalis“ hier ein evolutionärer Rückschritt, die digitale Gesellschaft, die Zukunft der Arbeit eine reine Dystopie, die der Abend weiterspinnt zu einer Arbeitswelt ohne Menschen, einer platt abgestandenen Vision einer Computer- und Roboterwelt, in welcher der Mensch nur noch Störfaktor wäre, ein Science-Fiction-Szenario, das eigentlich schon vor Jahrzehnten zu Grabe getragen wurde. Hier feiert es im Schlussteil alles andere als fröhliche Urständ. Wenn auf die Melodie von „Ave Maria“ binäre Zahlenreihen gesungen werden, ist das ein netter Einfall, der aber keinerlei Erkenntnisanspruch hat. Und so bringt das ende auch den deutlich stärkeren – und um einiges klügeren – Beginn mit zu Fall. Natürlich ist die Analysen der Gefahren einer immer digitaleren Arbeits- und Lebenswelt von einiger Schärfe und Prägnanz, nur führt leider seine Alternativlosigkeit, das unerbittliche Schwarz-Weiß, das dieser Analyse als Schlussfolgerung folgt, zu einer Perspektive, die immer mehr einengt, selbst als die Wände der Box fallen und die Steves die babyblaue Spielfläche erobern, die Welt, in der sie erstarren, weil sie nur ihren Algorithmen zu folgen im Stande sind. Die „schöne neue Welt“, sie ist – natürlich – ein entmenschlichender Schreckensort ohne erkennbaren Ausweg jenseits seiner kompletten Ablehnung. Und so versteckt sich ein Abend, der so klug und klarsichtig begann, zunehmend in schlichtem Kulturpessimismus. Gut, dass der Besucher am Ende wieder hinaus muss, in eine Wirklichkeit, in der sich der Mensch eben (noch) nicht so leicht wegklicken lässt.

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