Katerstimmung

Felicia Zeller: Ich, dein großer, analoger Bruder, sein verfickter Kater und du, Saarländisches Staatstheater, Saarbrücken / Theater Rampe, Stuttgart  (Regie: Maria Bues)

Von Sascha Krieger

Wer zum Teufel ist Alec? Er ist plötzlich da, in der Vierer-WG, scheint anzudeuten, er sei irgendjemandes Bruder, aber keiner kennt ihn. Weg geht er trotzdem nicht und erst recht nicht sein gefräßiger Kater. Stattdessen macht sich Alec Notizen über alles, was die Bewohner*innen sagen, hinterlässt Zettel mit Hinweisen und bald auch Vorschriften, gewährt Fahrdienste und besorgt Zeitschriften und scheint irgendwie drin zu stecken, wenn ein neuer Mietvertrag Rabatte für Spitzeldienste vorsieht. Bald stellt sich in der WG Paranoia ein, man beginnt die anderen und sich selbst zu beobachten, will, obwohl sich so manches dagegen sträubt, möglichst weit vorn liegen in der Gunst einer zunehmend vagen, anonymen und gleichzeitig omnipräsenten Autorität. Felicias Zellers neues Stück, eine Auftragsarbeit des Saarländischen Staatstheaters und des Stuttgarters Theater Rampe, ist, das ist schnell klar, eine Parabel auf die digitale Gesellschaft, auf den Druck und die Bereitschaft, seine Privatheit aufzugeben im Tausch gegen vermeintliche Annehmlichkeiten, die das Leben erleichtern, effektiver machen, Zeit sparen. Der Preis, die eigenen Daten, scheint kein allzu hoher, denn was haben wir schließlich zu verbergen?

Dass das nicht die Frage ist, hat sich mittlerweile herumgesprochen und doch lässt sich dieses Argument – das natürlich auch ein kleines Fünkchen Wahrheit in sich trägt – nicht totkriegen. Zeller führt vor, wohin es – aus ihrer Sicht – führt: in die totale Überwachung. Zunächst die von außen, dann die durch die nähere Umgebung und schließlich die des Einzelnen durch sich selbst. Die WG-Mitglieder beobachten sich gegenseitig, werfen sich vermeintliches Fehlverhalten vor, interpretieren den anderen zunehmend als Gegner. Misstrauen verbreitet sich und richtet sich letztlich gegen das eigene Ich. In einer albtraumhaften Vision berichtet eine der namenlosen (!) Figuren davon, wie sie sich selbst überwacht. Big Brother gewinnt, wenn er sich selbst überflüssig macht. Bezogen auf Facebook, Google, Uber & Co. scheint die Gefahr des gläsernen Menschen groß genug, doch lässt sich die Schraube noch weiter drehen. Und so stellt Zeller am Ende einen Bezug her zu den Überwachungsmechanismen autoritärer Regimes, diktatorischer Unterdrückungsapparate, die nach der Selbstauflösung der WG-Gemeinschaft durch den analog-digitalen-verinnerlichten Bruder gar nicht mal so weit entfernt scheinen.

Marie Bues schließt in ihrer Uraufführungsinszenierung an diese Assoziationskette an. Zellers Anregung, die Bühne der Erfolgsserie The Big Bang Theory nachzuempfinden, nimmt sie nicht auf, die Option, das Stück als High-Speed-Konversationskomödie zu inszenieren, verwirft sie. Stattdessen setzt sie bei der Monstrosität von Zellers Geschichte an und verortet sie im Spannungsfeld zwischen Farce und Horrorthriller. Angedeutete Absperrgitter (Bühne: Indra Nauck) halten die vier Bewohner*innen schon zu Beginn in Schach. Später gesellensich riesige Mikadostäbe hinzu, welche die zunehmende Unsicherheit der ihrer eingebildeten Kontrolle über dads eigene Leben beraubten sichtbar machen ebenso wie deren Weigerung, diese Illusion aufzugeben. Aus der offensichtlichen Schwierigkeit, sich in diesem hölzernen Minenfeld zu bewegen und der Sturheit, mit der die Protagonist*innen so tun, als gäbe es dieses nicht – auch der irgendwann hereingerollte (durch die Figuren, die natürlich Agenten ihrer eigenen Unterdrückung sind) riesenhafte übertrieben süßlich freundliche Katerkopf wird geflissentlich ignoriert. Das WG-Quartett ähnelt Automaten, ferngesteuerten Puppen, die mechanisch sprechen, deren internettauglich nachlässig verstümmelte Grammatik und sich in Dauerschleife immer wieder zum Ausgangspunkt zurückkehrende Argumentationsgymnastik sich immer heftiger in den Schwanz beißen, die verkrampft künstlich agieren, leblose Objekte einer unsichtbaren Kontrollmacht – oder ihrer selbst?

Da erscheint denn auch die finale Wendung ins Politische nicht mehr abwegig. Das Leitmotiv des Zitierens, des Zurückspielens des Gesagten (oder Getweeteten) als Waffe gegen seinen Urheber, das webgerechte Spiel aufs Wiederholung und Zurückspulen: Das Unterdrückungsregime als Alleswisser, Aufzeichner, das Individuum-gegen-sich-selbst-Wender – ist es wirklich so weit weg von den Facebooks und Googles und Amazons und ihren auf dem gleichen Grundprinzip beruhenden Dienstleistungsversprechen? Man muss Zellers etwas pessimistischen Schlussfolgerungen nicht teilen, um die Gefahr zu erkennen, die sich aus der Ambivalenz des Datenzeitalters ergeben. Unternehmen, die ihre Kunden genauestens kennen möchten und Regimes, die alles über ihre Untertanen wissen wollen, gab es immer. Doch heute haben sie die Mittel, ihre Ziele umzusetzen. Und diese Mittel sind, das lässt sich kaum bestreiten, die gleichen. Bues‘ Uraufführung verfolgt diesen Strang bis zum bitteren Ende. Das hat Nachteile: Zellers spielerischer Humor kommt deutlich zu kurz, das exzellente Ensemble lässt ihn nur selten aufblitzen – etwa in der schönen exemplarischen Möglichkeitsgeschichte der sich immer irrsinnigeren narrativen Schleifen entgegen steigernden Geschichte der Zerstörung einer Lavalampe.

Über weite Strecken hinweg lässt Bues vielmehr Zellers Fragmentsprache in maschinengewehrartigen Salven ins Publikum feuern, ein äußerst anstrengendes Dauerfeuer, das den Raum verdüstert, den Zuschauer zuweilen aber auch überfordert – bis hin zum zeitweiligen Abschalten. Das ist denn streckenweise ein wenig viel des Guten, kippt mitunter ins arg Plakative, lässt den Zeigefinger nicht immer unten. Es tut auch dem Text nicht durchgängig gut: Zellers elliptische Sprachbruchstücke knallt Bues auf die Bühne, als wären es die wilden Assoziationsspiralen Elfriede Jelineks, eine Parallele, bei der Zeller nur verlieren kann. Und doch wirkt der dystopische Furor dieser konsequent den Text zu Ende denkenden Inszenierungen, überträgt sich seine düster klaustrophobische Paranoia auf das Publikum, das ob der zu sehenden grotesken Überspitzung gern lachen würde, doch sich selbst immer wieder in die Parade fährt, die Selbstbeobachtung des Stückes aufnehmend. Denn Alec wohnt samt Kater natürlich auch bei uns. Ihn abzuweisen, ist längst zu spät.

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