Generation Schlaffi

Lutz Hübner und Sarah Nemitz: Wunschkinder, Renaissance Theater, Berlin (Regie: Torsten Fischer)

Von Sascha Krieger

Beginnen wir mit dem Plakatmotiv: Vier Frauen und ein Mann halten ein Glas – genau genommen hält es der einzige Mann, das Patriarchat ist noch nicht ganz Vergangenheit – darin ein pubertär posierender Jüngling. Ein junger Mann, fremdbestimmt unter der Glocke auf ihn von allen Seiten einstürmender Forderungen und Erwartungen gehalten, zur Miniatur geschrumpft, eigenständig kaum lebensfähig. Und tatsächlich lesen wir im Programmheft einen seltsamen Text über das Abhandenkommen von Männlichkeit, von verlässlichen männlichen Rollenbildern, darf Autor Lutz Hübner dort über eine verhätschelte, überbehütete Generation schwadronieren, die weil sie keinen Widerstand mehr spüre, keinerlei Stärke zu entwickeln wüsste, ein „Problem“, das wiederholt in besagtem Heft auf die vermeintliche Abwesenheit der Väter zurückgeführt wird. Abgesehen von der ungemein denkfaulen Pauschalisierung und Vereinfachung, die in solchen Pamphleten steckt und dem von Generation zu Generation weitergereichten Grundvorwurf einer verweichlichten und verantwortungslosen Jugend, springt uns hier ein Geschlechterbild an, das überkommen geglaubt war, jedoch derzeit alles andere als fröhliche Urständ feiert.

Bild: Renaissance Theater

Bild: Renaissance Theater

Nun ist das Programmheft das eine und wäre bestenfalls ärgerlich – repräsentierte es nicht Torsten Fischers Berliner Erstaufführung von Lutz Hübners und Sarah Nemitz‘ neuem Stück erschreckend präzise. Dieses erzählt die Geschichte des 19-jährigen Marc, der als spross einer wohlhabenden Familie nach (gerade so) bestandenem Abitur ziellos in den Tag hinein lebt, umgeben von der übergriffig fürsorglichen Mutter und dem Vater, der darauf besteht, dass der Filius endlich in die Gänge komme. Marc verliebt sich in die aus prekären Verhältnissen stammende, natürlich taffe und ihr Leben im Griff habende Selma. Dann wird letztere schwanger, Marc haut ab und seine Eltern versuchen die Sache zu „regeln“. Generationen- und Klassenkonflikt werden verzahnt, schöne ironische Punchlines gibt es zuhauf, allzu komplex ist die Weltsicht des Stückes auch nicht – also der perfekte Stoff für den gehobenen Boulevard. In seiner Bochumer Uraufführung hat Anselm Weber versucht, der Tendenz des Stücks zur Plakativität mit Realismus zu begegnen, seine Leerstellen nicht zu überkleistern, Raum für Zwischentöne zu lassen, die  existenzielle Verunsicherung einer zunehmend überforderten und kaum noch in irgendwelche Schubladen passenden Gesellschaft zumindest punktuell spürbar zu machen.

Nichts davon ist bei Torsten Fischer zu sehen.Er schwingt den breiten Pinsel, treibt seine Darsteller*innen zu boulevardesker Überdeutlichkeit an – am unterhaltsamsten sicherlich Klaus Christian Schreiber als dauersarkastischer Vater – hetzt von Pointe zu Pointe. Insbesondere vor der Pause geht es nur darum, möglichst viele Lacher in möglichst kurzer Zeit zu erzeugen. Da stören gebrochene oder gar komplexe Charakterisierungen nur. So beginnt der Abend schön programmatisch: mit Radioheads Effizienzverweigererhymne „Creep“ und einem artistisch aber nutzlos an den in den angedeutet schäbigen Raum samt depressiver Fototapete (Ausstattung: Herbert Schäfer, Vasilis Triantafillopoulos) gehängten ringen turnenden Marc. Ein Schlaffi, wie er im Buche steht. Arne Gottschling spielt ihn denn auch mit reichlich hölzener ausgestellt pubertärer Tumbheit, was leider nur zu gut zur völlig überzogenen Toughness von Emma Lotta Wegners Selma passt.

Nein, mit dieser Jugend ist nicht viel Staat zu machen. Und so bekommt Vater Gerd nicht nur bei seiner wohlfeil anti-inttellektuellen Rede zur Verteidigung des Smalltalks gegen ernsthafte politische Debatten vereinzelten, aber begeisterten Szenenapplaus, sondern auch reichlich Zustimmung beim Umgang mit dem hier tatsächlich durchgängig nutzlosen Sohn. Der Preis: Das Konfliktpotenzial des Stücks verpufft, weil eine Seite fast gänzlich verschwindet. Ein Generationenkonflikt findet nicht statt, denn natürlich lässt sich über die Helikoptereltern die Nase rümpfen, aber irgendwie haben sie ja auch recht.

Bleibt die soziale Ebene. Der ergeht es ein wenig besser, was vor allem an Judith Rosmair liegt, die Selmas labile Mutter spielt. leicht wird es ihr nicht gemacht mit den wilden Haaren und der lächerlichen Hysterie, zu der Text und Regisseur sie anspornen. Und doch gelingt es ihr immer wieder, kleine Momente der Wahrhaftigkeit zu finden, Schlüssellochblicke auf die existenzielle Verzweiflung, die so manche um die Zukunft der eigenen Kinder besorgte Mutter umtreibt. Die Verunsicherung in einer Welt der vermeintlichen Chancenüberfülle und des medialen Overkills – in Rosmair wird sie zumindest punktuell spürbar. Doch fehlt auch ihr der Gegenspieler: Schreibers Vater spielt auf einer ganz anderen, eher klamottigen Ebene und Simone Thomalla, Star des Abends, bleibt weitgehend farblos. Ihre Mutter Bettine gerät ebenso beliebig haltungslos wie die „vernünftige“ Schwester, gespielt von einer gelangweilt sympathischen Angelika Milster. Was am Ende bleibt: harmlose Unterhaltung mit vielen Lachern und einem schalen Gefühl im Hals.

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