Albtraum mit Akzentschwäche

Karl Schönherr: Weibsteufel, bat-Studiotheater, Berlin (Regie: Margarete Schuler)

Von Sascha Krieger

Im südlichen deutschen Sprachraum hat der Name Karl Schönherr einen vertrauten Klang für Theater- und Literaturliebhaber. Der gebürtige Wiener gehört mit seinen meist in der Alpenregion angesiedelten Stoffen zum Kanon der Literatur des 20. Jahrhunderts. Nördlich des „Weißwurstäquators“ begegnet man seinen Werken eher selten. Das hat mit der archaischen Bergwelt zu tun, die er beschwört, aber auch mit der Sprache, die dem gleichen rauen Klima entstammt wie seine Geschichte. Schauspielstudenten sagt man ja eine gewisse angstbefreite Neugier nach, eine fehlende Scheu vor dem Unbekannten, gewürzt mit einer gesunden Prise Selbstüberschätzung. Da wundert es vielleicht weniger, dass es ausgerechnet eine Hochschulbühne ist, die sich jetzt in Berlin eines der bekanntesten Stücke Schönherrs annimmt. Der Weibsteufel (dem man am bat-Studiotheater den Artikel geraubt hat, womit das Werk noch ein wenig unnahbarer und universeller wirkt) ist ein Dreiecksdrama im unwegbaren alpinen Grenzgebiet zwischen einer Frau, die mit ihrem kränkelnden Mann lebt und einen jungen Grenzjäger, der beauftragt ist, das Schmuggelgeschäft des Gatten auszuheben, zunächst versucht einzufangen, worauf sich eine gefährliche Spirale ergibt, an deren Ende einer tot und der andere ein Mörder ist. Das „Weib“ dagegen triumphiert.

Bild: Margarete Schuler

Bild: Margarete Schuler

Margarete Schulers Studioinszenierung mit Studierenden des 3. Jahres an der HfS „Ernst Busch“ tut wenig, die sperrig fremde Geschichte näherzubringen. Im Gegenteil: Geisterstimmen empfangen das Publikum und ziehen das Geschehen immer wieder zurück ins Reich des Schauermärchens. Auf der quadratischen Spielfläche inmitten beeindruckend großer Topfpflanzen herrscht eine dezidierte Künstlichkeit. Verstärkt vom Kampf der drei Darsteller*innen mit der Sprache und dem halbherzig dilettantischen Tiroler Akzent, den sie wenig mehr als andeuten, regiert hier die Überdeutlichkeit, die Plakativität. Das Spiel ist statisch, man erstarrt meist in standbildhaften Posen, wenn es Bewegung gibt, ist sie zumeist ruckartig, beinahe mechanisch. Auch die Charakterisierung ist eher grob: Alexander Stürmer gibt seinen Gatten als patriarchales Pulverfass, bei dem die Aggression nie weit von der zunächst freundlichen Oberfläche entfernt ist, während Tom Gramenz den Grenzjäger als dauerangespanntes Angstbündel spielt. Beide eher (gewollt) eindimensional, von ihrer maskulinen Überlegenheit überzeugt, unflexibel und unanpassbar. Perfekte Manipulationsobjekte also.

Im Mittelpunkt steht natürlich Deniz Orta als Frau, als Spielball der Männer, die zu ihrer Manipulatorin wird, als Objekt, das zum Subjekt, als Opfer, das Täterin wird. Weibsteufel lässt sich als Emanzipationsgeschichte lesen von einer Frau, die in einer patriarchalen Welt keine andere Möglichkeit sich zu befreien, hat als „Teufel“, Intrigantin und Marionettenspielerin zu sein. Ortiz spielt die Entwicklung der Figur vom unterwürfigen „Weib“ zur alle Zügel in der Hand haltenden Akteurin mit höchster Energie und verblüffender Wandelbarkeit auch auf engstem Raum. Und hier liegt auch das Problem: Denn Ort macht ihre Figur nicht zur Proto-Feministin oder schlicht zur Frau, die ihre Freiheit sucht. Nein, die nimmt das Teuflische wörtlich, überdreht ihre Rolle bis zur Karikatur einer Grimmschen Märchenhexe, womit sie die Distanzierungs- und Künstlichkeitsmaschinerie bis zum Anschlag betätig. So bleibt das Geschehen fern, eröffnet keine Ein-, Aus- oder Durchblicke, ist bestenfalls ein Schaufenster für das durchaus beträchtliche Potenzial der drei Darsteller*innen – was es natürlich auch sein soll – eine Haltung zum Stoff entwickelt der Abend nicht.

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