Bloß keine Lösung!

René Pollesch: Bühne frei für Mick Levčik!, Schauspielhaus Zürich (Regie: René Pollesch) – Gastspiel am Berliner Ensemble

Von Sascha Krieger

1948 inszenierte Bertolt Brecht die Antigone des Sophokles am Stadttheater des Schweizer Städtchens Chur. Von durchschlagendem Erfolg war der Abend nicht, weder dort, noch bei einem Gastspiel in Zürich. Brecht jedoch fand ihn so wichtig, dass er ihn zu einer Modellinszenierung erklärte und ein Modellbuch erstellte, das zukünftigen Regisseuren vortragen sollte, wie das Stück zu inszenieren sei. Hier setzt René Polleschs Zürcher Abend an. Zunächst rekonstruiert Barbara Steiner nach einer Idee des verstorbenen Bert Neumann das Originalbühnenbild von Caspar Neher: ein Halbrund mit roter Rückwand (deren Beschaffenheit an Neumanns berühmte Lamettavorhänge erinnert), davor weiße Bänke für die Schauspieler, im Zentrum der Bühne vier Pfähle mit Pferdeschädeln, welche die eigentliche Spielfläche einrahmen. Das ist essenzieller Brecht: der Übergang vom Schauspieler zur Rolle ist für den Zuschauer klar sichtbar. Hinzukommt eine herunterfahrbare weiße Wand mit Tür, Wandschrank sowie Orts- und Zeitangabe für das kurz vor Kriegsende 1945 spielende Vorspiel, eine Art zeitgenössische Übertragung der Antigone-Grundsituation.

Polleschs Theater hat zwei klare Feindbilder: Authentizitätsgheuchelei und den Mythos um die Originalität des Autors. Ersteren Aspekt findet er – natürlich – auch bei Brecht und letzteren in dessen Idee einer Musterinszenierung. Und so sagt Sophie Rois einmal: „Wir müssen zitieren, damit wir weiterkommen, anders geht es nicht. So leben wir ja auch, das nennt man Kultur.“ Die Geburt der Originalität aus dem Zitat, aus der Auseinandersetzung mit dem Vorhandenen. Pollesch stellt vier Darsteller*innen plus Chor auf die Bühne und schickt sie in eine Probensituation. Schon bald herrscht Diskussionsbedarf: Soll man sich sklavisch an das Modellbuch halten oder ist es eher ein Ausgangspunkt der Beschäftigung mit dem Stoff. Passend zu den Rollen steht Jirka Zett, Darsteller des Ismene-Darstellers eher auf der Seite der Tradition, Sophie Rois, die Helene Weigel gibt, welche Antigone spielt, eher auf der jener, die über das Überlieferte hinaus wollen.Es wird gespielt, geprobt, diskutiert und gestritten. Vor allem mit dem Jungmännerchor, der sich weigert, alte Frauen zu spielen, was mit dem Argument gekontert wird, warum sie denn spielen sollten, was sie ohnehin schon seien. Und schon sind wir mittendrin in der Authentizitätsdebatte. „Spiel ist doch von seinem Wesen her das Nichtauthentische!“ Das sieht nicht jeder so.

Immer wieder fragt Rois, worum es in dem Stück eigentlich ginge. Die Frage wird nicht beantwortet, bildet aber den Keim einer wahrhaft schöpferischen Tätigkeit. „Schöpferisch ist man dann, wenn schon etwas vorhanden ist“, heißt es einmal, denn Schöpfung hieße ja, aus etwas schöpfen zu können. Zu fragen, was dieses Vorhandene denn sei und wie man sich dazu verhalten könne, ist der Grund des Theaters in den Augen von René Pollesch. Wie aber mit dem Überkommenen umgehen: Zett bringt es auf den Punkt: „Wir müssen uns nur an alles halten, aber nicht sklavisch.“ Eine Quadratur des Kreises, ein Rezept fürs Scheitern – und für Kunst. Also wird probiert, getestet, debattiert, verworfen. Virtuos wechseln die Spieler von Probe zu Spiel zu Diskurs, von einer Rollenebene in die nächste und entdecken das Theater im Reden darüber. Und seiner Offenlegung: „Die Zuschauer lieben das, wenn man das Theater transparent macht.“ Pollesch muss es wissen, schließlich ist das eines seiner Grundprinzipien. Also versucht man und stellt zugleich aus: Episches und Dramatisches, Realistisches und jede Menge V-Effekte, Repräsentation und Abstraktion. Das gespielte Spiel und die Reflexion darüber als Spiel.

Das ist furios, virtuos und hochkomisch, ein Lachen produzierend, das nicht einfach nur befreit, sondern das Wissen, Erkennen ebenso beinhaltet wie Verwirrung, Unverständnis und die ganz großen Fragezeichen. Eines, an dem man sich reibt. Wohin das alles führt? Immer zurück zu den gleichen Fragen. „Worum geht es eigentlich?“ Antworten gibt es viele, erschöpfend ist keine. Natürlich dreht sich der Abend im Kreise, beißt sich der theatrale Hund in den Schwanz. Das soll so sein, schließlich gibt es hier keinen Anfang und kein Ende. So wie der Satz „Ich liebe dich!“ genau dadurch so stark wirkt, weil es niemanden gibt, der ihn zuerst gesagt hätte, ist jedes Neue eine Variante des Vorangegangenen, die wiederum Version des Vorhandenen ist und immer so weiter. Also gibt es auch keine Lösung: „Zuschauer mögen Theater ohne Lösung“, hören wir. Lösung, so könnte man hinzufügen, erübrigt das Denken, weil alles schon für den Zuschauer gedacht ist. Und wie könnte man einen Abschluss finden, wenn es doch um den Anschluss geht? Was zu Ende ist, geht nicht weiter, doch genau hierin liegt bei Pollesch ja das Schöpferische. Da lässt er lieber den Chor noch einmal tanzen. Das ist hübsch und der „Schluss“. Alle Fragen offen? Natürlich.

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