Kinderkram

10 Gebote. Eine zeitgenössische Recherche von 15 Autor_Innen, 9 Schauspieler_Innen und 1 Schaf, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Jette Steckel)

Von Sascha Krieger

So so, einen „Denkraum“ möchte Jette Steckel eröffnen, in dem der Zuschauer reflektieren soll. Worüber? Die zehn Gebote natürlich, moralisches Rückgrat und Gründungsmythos der „abendländischen Kultur“, von der gerade so viel die Rede ist. Was hat dieses zehnteilige, auf Steintafeln geritzte, göttliche Grundgesetz uns heute noch zu sagen, welchen Wert haben die Gebote, die zum Großteil Verbote sind (Du sollst nicht!) in unserem modernen, demokratischen freiheitlichen Heute? 15 Autor*innen waren eingeladen, ihre Perspektive auf je eines der Gebote darzustellen, 12 Teilstücke sind daraus geworden (ein Gebot gibt es doppelt, ein „elftes“ tritt hinzu). Eine multiperspektivische Bestandsaufnahme des moralischen Zustands unserer Welt, also, ein Test, wie auch das Programmheft andeutet, der Gebote im Vergleich zu den Menschenrechten? Wie passt das zusammen? Strebt das überhaupt in die gleiche Richtung? Die Hoffnung auf einen solchen Abend wird schnell enttäuscht. Zunächst herrscht Stimmengewirr inmitten der vielen offenen Räume in der neutral grauen Kreiskonstruktion auf der Drehbühne des Deutschen Theaters (Bühne: Florian Lösche). Das ist schnell vorbei. „Immer muss ich alles sollen“, ein bekannter Kinder-Pop-Song kreischt aus den Boxen, dazu gibt das Ensemble eine Chroreografie des im Gleichschritt auf der Stelle Laufens. Die 10 Gebote sind schimpfende und einschränkende Eltern, die grundlegenden Moralprinzipien der christlich-jüdischen Tradition alberne Verboten genervter Erziehungsberechtigter.

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Bild: Arno Declair

Oder nehmen wir das Ende, das „elfte Gebot“. Rocko Schamoni stellt einen Gott auf die Bühne, der sich entschuldigt. Dafür, dass er sich bei der Menschheit geirrt hat. „Ihr seid die maximale Sackgasse“, ruft er uns zu, und er wolle sich „entschuldigen für all das, was ihr seid“. Dazu steckt Jette Steckel Darsteller Ole Lagerpusch in ein seltsames Fellkonstüm, gibt ihm ein störrisches Schaf (kein Lamm!) an die Hand und schmeißt mit dieser albernen Parodie alles Religiöse in die Mülltonne des Lächerlichen. Entsorgen bitte. Brauchen wir nicht mehr. Auf diesem Niveau bleibt vielen an diesem Abend: Sherko Fatah fällt zum zweiten Gebot eine plumpe Ehrenmordgeschichte eich, Jan Soldat liefert zum Tötungsverbot hübsche Interviews mit Menschen, die einem Kannibalismus- und Schlachtungsfetisch anhängen (Erkenntnisgewinn-Level: Dass es so etwas gibt!), Navid Kermani könnte entsetzen mit der betont sachlich erzählten Geschichte vom Mann, der seinen Sohn töten will, um ihn das Unglück des Lebens zu ersparen, nur lässt Jeckel sie Andreas Pietschmann so unmotiviert herunterrattern, dass da nichts geschieht und man nur auf die nächste Nummer wartet. Felizia Zeller versucht es mit Ironie und einem netten Wutbürger-text, dazu wird auf Steintafeln eingehämmert – das ist unterhaltsam, um welches Gebot es geht (Du sollst nicht lügen!), aber schnell vollkommen egal.

Nino Haratischwili liefert zum Ehebruch-Verbot eine befremdlichen Fremdgeh-Fantasie, den Feiertag ehren gleich drei Filmemacher*innen mit einer Kunst wollenden und nichtssagenden Filmmontage, das Gebot Vater und Mutter zu ehren, wird bei Jochen Schmidt zum Familien-Dionner mit eher ermüdenden Familiengeschichten um Flucht, Verlust und Anpassung, Maxim Drüner und Juri Sternburg lassen zwei Siebzigerjahre-Intellektuelle wunderbar karikaturesk (Lagerpusch und Benjamin Lillie mit dem komödiantischen Highlight des Abends) über Szenarien im Stil einer gelangweilten Podiumsdikussion debattieren, ob zu stehlen nicht manchmal geboten scheint, wobei die amüsante Form jegliche Inhaltsversuche sofort zum verstummen bringt. Worum ging’s nochmal? Egal, war doch lustig! Den Tiefpunkt des Abends liefert Dea Loher: eine tragische Familiengeschichte über vopm verordneten Hass zerbrochene Freundschaften, Menschen auseinanderreißende Ideologien und den Krieg, den der Mensch gegen seinen nächsten führt. Steckel inszeniert den vor düsterem Ernst nur so triefenden, Balkan- und Nahostkonflikte aufgreifenden Text als griechische Tragödie mit vielen Pausen, ritualisiertem Sprechen und einem Pathos, das vor allem bei Lagerpusch so falsch und schief daher kommt, wie es ernst gemeint ist. Krieg ist schlimm und sinnlos, Ideologien gefährlich, Hass tötet? Echt jetzt?

Lichtblicke gibt es, aber es sind derer wenige. Der Monolog zum 1. Gebot /Du sollst keine anderen Götter haben usw.) ist einer davon. Assoziationsstark – wenn auch die irrwitzige Leichtigkeit des Disparaten einer Elfriede Jelinek so wenig erreicht wird, wie sie spürbar intendiert ist – mäandert Clemens Meyers‘ Text durch die Widersprüchlichkeit und Verwirrung, die die menschliche Sinnsuche stets war und erst recht heute, wo die Götter in Nischen abgestellt sind, ist. Lillie steht im Pyjama da und fräst sich durch Bedeutungsangebote, nur um bei einer berührenden Gottessehnsucht zu landen. Das ist die Auseinandersetzung, persönlich, subjektiv, fragend, verzweifelnd, die der Abend womöglich hätte sein können, doch nie wirklich wird. Stark auch Mark Terkessidis‘ furioses Duett über Gebot Nummer 9 (Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus), das Jette Steckel mit zwei schrillen Party People (Wibke Mollenhauer und Ole Lagerpusch) als furiose Tour de Force durch Neid- Ausgrenzungs- und Besitzkonzepte- und -debatten führt und in der Forderung nach einer „revolutionären Kirche gipfelt“, die nicht irgendein vorhandenes „Haus“ (Welt, Gesellschaft, Land) begehrt, sondern gemeinsam ein neues baut, vielleicht mit neuen, inklusiven Geboten, eines, das auch soziale Aspekte einschließt.

Eine neue Religion aus dem Menschlichen heraus, eine ganz neue Art Kirche von untern oder von mittendrin. Da ist zum einzigen Mal an diesem Abend eine Utopie zu spüren, ein Versuch, über das Naheliegende hinauszudenken, das der Beginn als Setzung vorgibt und das die meisten Autor*innen nur allzu gern aufgreifen. Nein, zu denken ist in diesem Raum während der knapp vier Stunden wenig, zu sehen und zu hören dagegen eine Nummernrevue oberflächlich dahinskizzierter Assoziationen zu etwas, das hier klar als obsolet vorausgesetzt wird. Eine Auseinandersetzung findet hier nicht statt, Kein Wunder, ist doch vorgegeben, was diese archaischen „Gebote“ zu sein haben: Kinderkram. Das Schlimmste an diesem Abend, ist nicht, dass er an der selbst gestellten Aufgabe scheitert, sondern dass er sich nicht einmal an ihr versucht, weil er die Frage schon für albern hält. Womit sich eine andere stellt? Warum dann überhaupt dieser Abend. Eine Frage, die sich das Publikum beim viel zu späten Heimweg gestellt haben mag.

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