„Das wird bestimmt gleich wieder gemütlich“

Thomas Vinterberg und Mogens Rukov: Das Fest, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Anne Lenk)

Von Sascha Krieger

Thomas Vinterbergs Das Fest, das wurde hier an anderer Stelle schon einmal geschrieben, war nicht nur der erste, sondern wahrscheinlich auch der beste, wenn nicht radikalste Film der kurzlebigen, aber einflussreichen Dogma-Bewegung dänischer Filmemcher Mitte der 1990er Jahre, die einen wahrhaftigen, authentischen, schnörkellosen Film propagierte, gedreht mit Handkamera, ohne künstliches Licht, ohne Musik, so dokumentarhaft wie möglich. Und er fühlte sich beinahe an wie ein Dokumantarfilm, so als schaute man einem tatsächlichen Familienfest zu, bei dem Fassaden bröckeln, Geheimnisse an die Oberfläche drängen, und familiäre Narrative in Rauch aufgehen. Anne Lenk versucht nun – im Gegensatz zu Christopher Rüpings Stuttgarter Inszenierung – diese Unmittelbarkeit wiederherzustellen, mit den Mitteln des Theaters. Dazu reißt sie die vierte Wand konsequent ein, macht das Publikum zu Teilnehmern besagter Feier zu Ehren des 60. Geburtstags des Familienoberhaupts. Freundlich begrüßen der „Toastmaster“, von Bernd Moss mit dem Charme eines talentierteren Gebrauchtwagenverkäufers gegeben, und weitere Familienmitglieder die ankommenden Gäste mit Sekt und Leuchtstäbchen, bevor diese sich stufenartig um eine kleine offene Fläche gruppieren, nicht Zuschauer, sondern Mitglieder der Festgesellschaft, die dem Jubilar zuprosten, ist mittels Knicklichtern stimmungsvoll empfangen und ihm ein Ständchen singen.

14948_das_fest_8395

Bild: Arno Declair

Mittendrin ist der Zuschauer, kein Beobachter, sondern Mitfeierer, Mitwisser, Mittäter. Mit leichtem Ton hebt das an, plätschert dahin wie es eine Familienfeier eben tut. Es werden reden gehalten, es gibt einen kitschigen Bildervortrag, musikalische Einlagen, alles schön harmonisch, auch an die peinlicheren Verwandten, den immer etwas zu lauten jüngeren Sohn Michael (Camill Jamal), den schrullig-vergesslichen Großvater (Jürgen Huth) oder den grummelnd Witze reißenden Onkel (Michael Gerber), ist gedacht. Kleinere Störgeräusche, etwa der jüngere Sohn, der überraschend erscheint, nachdem er sich ein ganzes Jahr nicht hatte hören lassen, oder der kürzliche Selbstmord der älteren Tochter, werden mit leichter Hand gelöst. „Das wird bestimmt gleich wieder gemütlich“, wird zum Mantra der Feier. Die der älteste Sohn Christian (zäh damit ringend, Jahrzehnte antrainierter Contenance und guter Miene zum schrecklichen Spiel abzuschütteln: Alexander Khuon) dann jäh aus dem Gleichgewicht zu bringen scheint, indem er ansatzlos und nonchalant davon erzählt, wie der Vater einst ihn und seine Zwillingsschwester immer und immer wieder vergewaltigte. In seiner ruhigen Selbstverständlichkeit und seinen sich vom Vorangegangenen durch nichts unterscheidenden Plauderton wirkt dieser Moment so erschütternd, wie er es im Film tat. Plötzlich ist die Stille deutlich und laut zu vernehmen, das jahrzehntelange Schweigen, das sich bedrohlich erhebt.

Und das sich natürlich schnell wegwischen lässt, schließlich sind das fröhliche Beisammensein, das Familiennarrativ harmonischen Miteinanders, ja viel realer. Was Lenk meisterhaft (kaum gestört durch ein paar unnötige Schlenker, etwa eine etwas platte Liebesgeschichte und eine unnötige Rassismusparodie) vorführt, ist die Stärke der kollektiven Illusion, die Macht des Verdrängens, den Zwang des Weiter-So. Das Familiengefüge, das immer schon Gesellschaft in nuce bedeutete, muss stabil gehalten werden, eine Stabilität, die manchem – wie der eisigen Großmutter (Katharina Matz), die lange, nachdem die Familienmehrheit Christian recht gegeben hat, ihn als Nestbeschmutzer geißelt – wichtiger ist, als Wahrheit, Gerechtigkeit und das Eingeständnis von Schuld. Die Dynamik, die Logik, mit der die Ordnung immer und immer wieder hergestellt wird, mit der Christian zunächst versucht wird, wieder einzunorden und, als das nicht gelingt, ausgeschlossen wird, führt der Abend mit einer Sachlichkeit, Präzision und unbestechlichen Beobachtungsgabe vor, die frösteln macht. Wenn etwa Jörg Pose als Vater, Rückenwind spürend, seinem Sohn vermeintlich wohlwollend ins Gewissen redet, gerät dies zu einer Fallstudie in passiv-aggressiver Unterdrückungsmechanik. Das Räderwerk funktioniert noch, die Maschinerie des schönen Scheins lässt sich nicht so leicht stoppen.

Als sie dann doch ins Stocken gerät, der Vater bloßgestellt ist und die Wahrheit ans Licht kommt, braucht es nicht lange, den Apparat neu zu justieren. Jetzt ist halt der Vater der Außgestoßene, schließen sich die Reihen. Der kleine Bruder, der gerade noch den Netstbeschmutzer an einen Baum fesselte, attackiert den neuen Paria, die freundlich misstrauische Schwester (Lisa Hrdina), die soeben noch die Lügenkeule schwang, gibt sich als solidarische Mitstreiterin und der beste Freund des entlarvten, weint Krokodilstränen und gibt sich schockiert. Wieder wird mit Sekt angestoßen, die Ordnung ist wiederhergestellt, das wir und sie neu definiert, Gut und Böse wieder im Lot. Und wir, die Zuschauer? Wie sind Teil des Ganzen, wir freuen uns über den Triumph der Wahrheit und die Schande des Täters, sind erleichtert, dass wir auf der richtigen Seite sind. Und diese Auf-einer-Seite-Sein, das ist es doch, was Ordnung schafft, oder? Die Sicherheit zu wissen, woran man ist. Das wohlige Gefühl, Teil zu sein der Gemeinschaft, des Guten, Wahren, Richtigen. Ganz so wie am Anfang. Darauf einen Sekt, schließlich ist es gerade wieder so schön gemütlich.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: