Ohne Ziel

Mit Werken von Bartók und Brahms: Herbert Blomstedt und András Schiff zu Gast bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Am 11. Juli 2017 wird Herbert Blomstedt 90 Jahre alt. Auch wenn sein fast gänzlich weißes Haar und die recht zerbrechlich wirkende Statur darauf hindeuten – wer dem Amerikaner mit schwedischen Wurzeln, der in seiner Karriere Spitzenensembles wie der Staatskapelle Dresden, den San Francisco Symphony Orchestra und dem Gewandhausorchester Leipzig vorstand, der bei allen renommierten Klangkörpern der Welt am Pult stand, bei seiner Arbeit zusieht, der erleben darf, wie behende, jungenhaft er dem Podium entgegengeht, ja, fast, hüpft, für den erscheint dieses Alter kaum real. Vielleicht ist Kunst, ist die nicht enden wollende Auseinandersetzung mit ihr, die Reibung an ihr, die ewigen Versuche, ihr Leben zu entlocken, tatsächlich so etwas wie ein Jungbrunnen. Nein, müde erscheint Herbert Blomstedt nicht und wer ihn in den vergangenen Jahren erleben durfte, weiß, wie wach sein Geist, wie groß seine nicht nur musikalische Neugier noch immer ist, wie verständig, tief, analytisch präzise und zugleich lebendig seine Interpretation oft gehörter wie unbekannterer werke bis heute sind. Wenn er jetzt erneut am Pult der Berliner Philharmoniker steht, die er seit 1976 immer wieder dirigiert, sind die Erwartungen hoch und das Vertrauen in einen eindrucksvollen Konzertabend groß. Und dann geschieht das Unerwartete: Er enttäuscht.

Herbert Blomstedt (Bild: Martin Lengemann)

Herbert Blomstedt (Bild: Martin Lengemann)

Zunächst hat er einen Partner an seiner Seite, der immer ein Garant für höchste musikalische Qualität ist. András Schiff, der sich mittlerweile ein „Sir“ vor den Namen setzen darf, spielt mit dem Orchester Béla Bartóks gern ein wenig vergessenes drittes Klavierkonzert, sein letztes Werk, (fast) komplettiert, als er 1945 starb. Ein Werk, das lange verkannt war und auch heute längst nicht so oft gespielt wird wie seine beiden sehr viel älteren Vorgänger. Warum das so ist, davon kann dieser Abend leider eine Andeutung geben. Ihm fehlen die Härte und Radikalität seiner Genregeschwister, sein Grundmodus ist moderat, es lebt von den Zwischentönen, von der Subtilität. Wenn es gelingt, kann es den Hörer tief hineinziehen in eine musikalische Welt, die in allem Schmerz Hoffnung, mitten im Dunkel Licht findet. An diesem Abend geschieht ein wenig von beidem. Das liegt auch an Schiff, dem anzumerken ist, wie gut er das Werk kennt. Das Wort Routine drängt sich immer wieder auf, wenn er mit (zuweilen allzu) festem Anschlag jede Note betont, wie ein Bildhauer die musikalischen Komponenten modelliert und stets sicher stellt, dass er, der Solist, die Kontrolle hat. Das gelingt mal besser – etwa im Kopfsatz, der Leichtigkeit mit klarer Konturenbildung kombiniert, oder im Finale, in dem Schiff die Vielgestaltigkeit dieses alles andere als nicht nur versöhnlichen Teils deutlich herausarbeitet, die Brüche offenlegt und damit auch das Orchester zu einem Schluss inspiriert, der in seiner sachlichen Dichte, seiner unspektakulären Strenge einen eindringlichen Schlusspunkt setzt kein Ausrufezeichen.

Überhaupt gelingt der Kontrast zwischen Soloinstrument und Orchester sehr gut: Hier der Akzentsetzer, Antreiber, Rhythmusgeber, Notenbetoner Schiff, dort die feinen, lichten, sacht flimmernden und dich organisch verdichtenden Klangebenen des Orchesters. Wo Schiff Pfähle einrammt, Statements abgibt, Setzungen vornimmt, breiten die Philharmoniker fein gewebte Klangteppiche aus. Hier schwebt das Fundament und ist das Gebäude auf ihm fest in der erde verankert. Das kommt mitunter Magie recht nahe und kann doch leider den Ton nicht halten.Auch weil der zentrale (nicht nur weil er in der Mitte steht) Satz spürbar abfällt. Die Streicherdecke ist zu dicht und eindimensional, Schiffs Spiel bis zur Künstlichkeit überbetont und demonstrativ verzögert, mitunter bis an den Rand des Zerfallens fragmentiert. Ja, auch hier gibt es Augenblicke zauberhaften Dialogs der erwähnten zwei musikalischen Welten, doch über weite Strecken wirkt der Satz uneben, unausgeglichen, atmet diese Musik nicht. Und das hat Folgen für das Gesamtwerk: Seiner Mitte beraubt plätschert es zu lange dahin, hebt es zu selten ab, findet es nur punktuell diesen rätselhaften, nicht recht greifbaren, spannungsgeladenen Zwischenraum, von dem es lebt. Zu oft bleibt diese Interpretation eine Auseinandersetzung an und mit der Oberfläche. Und das tut diesem Werk alles andere als gut.

Setzen sich die Akteure mit dem Bartók wenigstens noch auseinander, lässt sich das anschließend in Johannes Brahms erster Symphonie leider kaum noch feststellen. Eine langweiligere, nichtssagendere Interpretation als diese ist – glücklicherweise – selten. Zu keinem Moment in diesen fast 50 Minuten lässt sich die Frage beantworten, warum Blomstedt diesen – über zwanzig Jahre vom Komponisten erkämpften – Kraftakt dirigiert. Alles an seiner Lesart ist Schwere. Massig beginnt das Werk und so bleibt es auch über vier Sätze hinweg. Der Klang ist opak, oft unscharf, von farblicher Vielfalt ist nichts zu spüren. Selbst wenn etwa die Holzbläser die Führung haben sollten, werden sie von den Streichern dominiert. Das Ergebnis ist ein ausdrucksarmer Einheitsbrei, der sich nicht einmal die Mühe macht, spezifische Charaktere der Einzelsätze zu suchen. Und wer nicht sucht, findet auch nicht. Blomstedt schwingt den breitesten, gröbsten Pinsel, mit dem sich Subtiles, Schattierungen, Zwischentöne eben nicht darstellen lassen. Da kann Noah Bendix-Balgleys Solovioline noch so süß singen, können Albrecht Mayer, Emmanuel Pahud oder Andreas Ottensamer noch so präzise und klar in Brahms Melodien eintauchen, Licht ins Dunkel bringen sie nicht. Selbst das berühmte, an Beethovens Neunte erinnernde Hauptthema des Finales verpufft im Korsetz von Schwere und plötzlichem aufgezwängt wirkenden Anziehen, komt nicht ins Fließen. Hier bleibt alles am Boden, ein schwerer, stockender Fluss, der nirgendwo hin will. Schade.

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