Die Exkremente des Dorian Gray

Molière: Der eingebildete Kranke, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Michael Thalheimer)

Von Sascha Krieger

Kalt und eng ist die Welt, in der Argan haust. Olaf Altmann hat ihm ein Quadrat aus sachlich weißen Fliesen gebaut, inmitten eines großen schwarzen Nichts. Ein (bald nicht mehr) antiseptisches, dem Menschlichen die kalte Schulter zeigendes Schlachthaus, Entsorgungsquader humaner Illusionen. Denn dieser Argan, dieser Eingebildete Kranke ist kein reicher Bürger, der – wie mancher Protagonist in Molières zutiefst pessimistischen Komödien – seine narzisstische Selbstbildpflege über seine Mitmenschen stellt. Wie er da in seinem Rollstuhl kauert und sich vor (imaginären) Schmerzen windet, das selbstinduzierte Leiden mit reichlich Kunstblut zelebriert, ein albernes Püppchen in einer schmutzigrosa Pseudo-Barockrobe, die durch so viele Karikaturschleifen gegangen zu sein scheint, dass sie das, was sie parodiert, bestenfalls noch erahnen lässt. Nein, dieser Argan ist nur noch ein Rest Mensch, reduziert auf das rein Existierende, auf seine – von Darsteller Peter Moltzen ausgiebig zelebrierten – Körperfunktionen. Ein Krüppel des Egoismus, den die Selbstliebe zu einem zwanghaft verkrampften, sabbernden, irgendwann gar wie ein Huhn zuckenden Körper reduziert hat, der in seiner Mechanik auch nur noch Abbild eines Abbilds eines Abbilds ist.

Bild: Katrin Ribbe

Bild: Katrin Ribbe

Umgeben ist er von Gestalten, die nicht weniger puppenhaft daher kommen. Ob der schleimig betrügerische Doktor oder das ehrliche Liebespaar Angélique und Cléante: Bei Michael Thalheimer werden sie alle zu grotesken Aufziehpuppen, die Leben spielen, aber keines mehr in sich tragen. Wie Argon, der mit der Leidenslyrik des deutschen Barockdichters Andreas Gryphius anhebt, die er herauspresst, als säße er gerade dort, wo das Unnütze, Schädliche, normalerweise den Körper verlassen sollte, ein gekachelter Raum auch dies, schleudern, kotzen, spucken auch sie ihre Worte heraus, als wären Sprechen, Denken, Kommunikation rein körperliche Ausscheidungsprozesse. Und so sind der zelebrierte Schmerz, das Restfunktionieren körperliche Vorgänge, die einzigen Dinge, die hier noch so etwas wie Ekstase auszulösen vermögen, steigern sich diese wiederholt in orgasmische Höhen, oder, um präzise zu sein, Abgründe. Ganz unten ist das einzige Oben, das diese Gestalten noch zu lassen. Da ist es dann nur folgerichtig, dass statt des zur Vernunft mahnenden Bruders eine Horrorgestalt auftritt, formlos, glitschig, augenlos mumienhaft – ein Bild der Vorstellung des Leidenssuchers Argan von sich selbst, vermischt mit dem Szenario, das der falsche Arzt, den die gewitzte Dienerin Toinette mimt, um Argan zur Vernunft zu schocken, von seinem „Patienten“ entwirft. Doch das Monstrum ist für den Schmerzensakrobaten eher Wunschvorstellung als Schreckensvision. Das Bildnis des Dorian Gray auf Verdauungsebene. Eines, das beide, Abbild und Abgebildeten, entstellt zurücklässt.

Wie so ziemlich jede aktuelle Inszenierung lässt sich für den, der finden will, ein Bezug zu dieser seltsamen Zeit, die gerade dabei ist anzubrechen, entdecken. Natürlich kann man in diesem Selbstbewunderer und egomanischen Ich-Inszenierer Argon, der sich so sehr auf sich selbst fokussiert, dass nicht nur die Welt um ihn herum sondern auch er selbst vor die Hunde geht, diesem die menschliche Existenz auf ihr Niederstes, auf ihre Urinstinkte Reduzierenden, für den Vernunft der Todfeind, Empathie die ultimative Bedrohung ist, die eine oder andere bekanntere Figur des heutigen Tages erkennen. Oder auch nicht. Denn an diesem Abend, und das ist das Erschreckende, ist eigentlich alles egal. Knapp zwei Stunden lang wird gegeifert, chargiert, grimassiert und sich verbogen, werden Flatulenzen und anderweitige Auswürfe und Einläufe zelebriert, braunverschmierte Windeln vorgeführt und ein Fäkalhumor gefeiert, der so manchen Vierjährigem die Schamesröte ins Gesicht triebe.

Und wozu das Ganze? Um vorzuführen, wie Selbstsucht alles Menschliche zu zerstören, das Vernunftwesen auf seinen banalen Kern zu reduzieren vermag? Indem zwei Stunden lang agiert wird, als hätten wir es mit Teenagern in ihrem ersten Vollrausch zu tun. Michael Thalheimer ist – oder war einmal – ein Meister der Reduktion, einer, der in der Lange war, jeden Stoff auf seinen existenziellen Kern, auf das Grundprinzip menschlichen Handelns, Strebens, Leidens und Scheiterns zurückzuführen. Womöglich versuchte er dies auch hier, doch was er findet, ist kein Kern, ist keine Keimzelle und schon gar kein Fundament. Es ist der Rest, der bleibt, wenn man alles, was Leben heißt abwirft, nicht nur die Essenz bildet, sondern sie gleich mit wegschüttet. Dann bleibt wenig mehr als Exkrement und schon gar keine Erkenntnis. Aber zumindest ein Leiden, das alles andere ist als eingebildet: das des Zuschauers. Der eingebildete Kranke ist der Abend, an dem das Prinzip Thalheimer implodiert. Ob endgültig wird sich zeigen. Die Hoffnung ist ja bekanntlich jene, die zuletzt stirbt.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: