Make Theatre Great Again

Nach Dorothy M. Johnson: Der Mann, der Liberty Valance erschoss, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Hakan Savaş Mican)

Von Sascha Krieger

Alles Show hier. Nett anzusehen ist es ja, das Hauptsträßchen in dem kleinen Westernststädtchen, das, wie uns die praktischen Lettern über derBühne verraten, Two Trees heißt. Aber natürlich sind die Kulissen ein bisschen zu billig, beginnt sich die Bühne bald zu drehen und zeigt die Rückseitze der Fassade. Da ist: nichts, kein Inneres, keine Substanz. Die Oberfläche, schnell hingezimmert, ist alles. Ein schönes B-Movie-western-Filmset mit Störelementen. Klar, da sind der Saloon und der Pferdeparkbalken und die Strohballen, aber da gibt es eben auch Neonschriften und Hinweisschilder zu Motels. Der wilde Westen ist denn eben doch nicht allein im Jahr 1880 anzusiedeln, er gehört (auch) in das Amerika von heute. „This is not America“: Den David-Bowie-Text spricht Bösewicht Liberty Valance einmal über ein wildes Bilder-Potpourri vom Schönen und Hässlichen der USA, über Vorstadt-Idylle und Kriegsgräueln. Er wird es später noch einmal anstimmen, wie eine Drohung, denn natürlich ist das Amerika, ist das „Land der Freien“ immer auch sein eigenes Gegenteil.

Bild: Esra Rotthoff

Bild: Esra Rotthoff

The Man Who Shot Liberty Valance ist eine Erzählung von Dorothy M. Johnson, die vor allem durch John Fords kongeniale Verfilmung bekannt wurde. Der Film von 1962 gilt als einer der ersten Spätwestern, als frühe Abrechnung mit dem unwidersprochenen Optimismus, die Aussperrung des Widersrüchlichen, die das Genre zu lange auszeichneten (auch wenn beides bei Ford schon immer mitschwang). Hier jedoch kippt das Klischee vom einsamen Streiter für Gerechtigkeit endgültig. Der angebliche Anwalt Foster kommt in das Städtchen und beginnt, für Gerechtigkeit zu kämpfen. Dabei verstrickt er sich in Lügen und wird sich am Ende in politische Manipulationsmechanismen zurückziehen. Wichtig ist, wie etwas scheint, nicht, was es ist. Jahrzehnte vor dem Begriff begaben sich Erzählung und Film schon in das Reich des Postfaktischen. Die Story ist wichtiger als die Realität, das Image entscheidender als die Wahrheit. Wenn Foster später als Delegierter gewählt wird, um nach Washington zu gehen, inszeniert Hakan Savaş Mican die Wahl als US-Wahlparteitagsspektakel mit Licht- und Soundeffekten, pathetischen Reden und reichlich Luftballons, perfekt in Szene gesetzt per Live-Video.

Noch so eine Illusionsmaschine: Fosters erster Auftritt geschieht per Video. Da erzählt er von dem Überfall, der ihn fast das Leben kostete, während ein Maskenbildner ihm schnell Wunden und Blut verpasst. Alles ist Inszenierung, alles ist Spiel. Mehmet Ateşçi legt Foster zwischen Realismus und Karikatur an, entlarvt seinen Idealismus als Pose und gleichzeitig als ernsthafte Überzeugung. Das Verschwimmen von Wahrheit und Inszenierung, die Untrennbarkeit von Authentizität und Illusion als Grundbedingung und zugleich Kernproblem demokratischen Diskurses. Savaş Micans Inszenierung stellt das zweischneidige Schwert des demokratischen Prozesses, seine Gefahr, stets in Populismus umkippen zu können, seine Anfälligkeit für Einflussnahmen durch Interessen jeder Art (und ihre „Vertreter“) in den Mittelpunkt des Abends. Dafür nutzt er vor allem die Figur des „Schurken“. Yousef Sweid als Liberty Valance ist ein Vertreter des Pragmatismus. Ja, er mordet und unterdrückt und untergräbt demokratische Willensbildung. Aber er weist eben auch auf die Manipulierbarkeit der Demokratie hin, auf die Diktatur des Kapitals und der selbsternannten Eliten, zu der sie einlädt.

So weit so gut. Nur hat der Abend eine große Schwäche: Jedes Mal, wenn er die Möglichkeit hat, den einfachen Weg zu gehen, tut er das auch. Ernsthafter Diskurs ist schwierig, also lockern wir das ganze durch karikatureske Elemente auf. Tim Porath gibt den Lokaljournalisten Locke als brillantes Trinkerklischee, Volkan Türeli den Sheriff Kane als gewitzten Feigling. Wenn dann Ateşçi zunehmend zum Anwaltsklischee wird und Taner Şahintürk seinen Bert, den ehrlichen Cowboy mit dem großen Gerechtigkeitssinn aber null Illusionen, so sehr von John Wayne wegspielt, dass die Rolle in ihrer Sensibilität irgendwann fast verschwindet, dann fehlen bald schlicht die Charaktere, die einen ernsthaften Konflikt auszutragen vermögen. Auch Lea Draegers Hallie muss irgendwann zum albernen Abziehbild werden, muss sich so gar eine Freiheitsstatuen-Krone aufsetzen.

Stattdessen spielt der Regisseur lieber das Grundthema des Fassadenbaus, der Oberflächlichkeit und des Showcharakters politischer Kampagnen, des Scheins, der wichtiger sei als das Sein, in zahlreichen Variationen durch. Foster hat erst Erfolg, als er die politische Schauspielerei zu beherrschen gelernt hat, am Ende gewinnt der Showman des Neuen gegen den Star-Darsteller der alten Ordnung, wird der Mythos des einsamen Helden durch den des ehrlichen Volkstribuns ersetzt. Ein paar Trump-Anspielungen noch und schon ist die westliche Demokratie erklärt – und diskreditiert. Die Ansätze zu einer differenzierten Auseinandersetzung, die der Abend durchaus bietet, werden geopfert zugunsten einer unterhaltsamen und nicht allzu anstrengenden Politrevue, welche die Show-Mechanismen, die sie kritisiert, zugleich feiert. Die schwarzweißen Filmbilder sind schön, das Filmset-Motiv nett plakatives Symbol einer politischen Kultur, die längst vermeintlich purer Inszenierung gewichen ist. Am Ende steht Mehmet Ateşçi allein auf der Bühne, im blinkenden Lichteranzug. Eine Lichtgestalt mit verzweifeltem Gesicht. Das Publikum freut sich, befreit von der Verantwortung, über das Gesehene nachdenken zu müssen. Die Politikshow funktioniert hat auch im Theater. Wenn das nicht Amerika ist, was ist es dann? Egal, bei der Premierenfeier gibt es Sekt. Das ist wichtiger.

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