Im Gespräch mit der Stille

Marek Janowski dirigiert Verdis Messa da Requiem bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Manchmal folgt auf den Abschied ein überraschend baldiges Wiedersehen: Gerade hat sich das Berliner Publikum darauf eingestellt, in Zukunft ohne Marek Janowski auskommen zu müssen, der nach 13-jähriger überaus erfolgreicher Tätigkeit als Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin am Silvesterabend sein letztes Konzert gab, das steht er nicht einmal zwei Wochen in der Philharmonie wieder am Pult. Und sorgt für ein zweites Wiedersehen nach deutlich längerer Zeit: Fast 23 Jahre lang hat er die Berliner Philharmoniker nicht mehr dirigiert, doch von Berührungsängsten ist nichts zu spüren. Auch davon nicht, dass er so kurzfristig den erkrankten Riccardo Chailly ersetzt hat, dass nicht einmal Zeit war, das Programmheft entsprechend zu überarbeiten. Sicher hilft es, dass Giuseppe Verdis Messa da Requiem zu Janowskis Kernrepertoire gehört, aber das, was Dirigent, Orchester, Rundfunkchor Berlin und Solisten in diesem vielgehörten Werk finden und mit dem Publikum teilen, hat mit Familiarität und Routine nichts zu tun. Es ist eine dieser musikalischen Sternstunden, die nach dem abgegriffenen Wort „Magie“ rufen, weil sie sich mit dem üblichen Kritikervokabular nicht vollständig erklären lassen.

Marek Janowski (Foto: Felix Broede)

Marek Janowski (Foto: Felix Broede)

Verdis Requiem ist eine Totenmesse, hörbar aber auch – und in vielen ihrer Interpretationen in erster Linie – das Werk eines Opernkomponisten, eines Dramatikers. In Janowskis Lesart findet es zu sich selbst, zu seinem Kern als Meditation über die letzten Dinge, die ob dieser zuweilen fast verzweifelt und letztlich mehr Fragen als antworten zu bieten hat. Unendlich zart der Beginn, wie aus dem Nichts kommend und im Noch-nicht-ganz-da verharrend tastet sich die Musik hervor, zunächst im ungeheuer nuancierten und zurückgenommenen Orchester, dann im Chor, der den Philharmonikern an diesem Abend in nichts nachsteht. Behutsam füllt sich das Klangspektrum, traut sich fast ängstlich musikalisches Leben hervor, ein organisches werden, das sein Vergehen immer mitdenkt. Abrupt, hart, unerbittlich, mit viel Zug und fast brutal anmutender Kantenschärfe explodiert das berühmte „Dies irae“ in den Raum und erschüttert doch vor allem durch seine Sachlichkeit, seinen schnörkellosen Ernst, der von Akzeptanz spricht, vom Wissen um das unvermeidliche Ende. Ohne Pathos, ohne Verzweiflung. So scharf, so nahe an der Gewalttätigkeit die dramatischen Gipfelpunkte sind, so radikal sind auch ihre Gegenpole. Zuweilen fragmentiert sich das musikalische Geschehen bis an den Rand des Zerfalls. Und doch lebt diese Interpretation weniger von den Kontrasten als von natürlicher Entwicklung. Das an- und abschwellen, das Zusammenballen und Auseinanderstreben erscheinen als organische Bewegung, leben und Tod als selbstverständlicher Kreislauf.

Und so entwickelt sich ein Requiem, das so innig, so intim ist, so sehr Zwiesprache mit dem Unvermeidlichen und ergreifende Hommage an das Leben in seiner Zerbrechlichkeit wie Schönheit, wie man es vielleicht noch nie gehört hat. Der Klang ist schlank und Licht, Orchester und Chor nehmen sich zurück, ohne je an Kraft einzubüßen, doch der eigentliche Kraftquell des Abends liegt im Lyrischen, gesanglichen – und im Solist*innenquartett. Tenor Roberto Anonica verblüfft mit einer stimmlichen Klarheit (atemberaubend der Beginn des „Hostias“ im „Offertorium“), die auch im Pianissimo keinen Deut an Ausdrucksstärke verliert, Mezzosopranistin Daniela Barcellona führt ihre vergleichsweise dunkle Stimme zu wahrhaft berührenden Festen inniger Lyrik, während Sopranistin María José Siri Strahlen und gefühlvolle Wärme zu verbinden weiß. Einzig Bass Riccardo Zanellato könnte mitunter ein wenig affirmativer auftreten, gemeinsam schaffen die vier jedoch eine Klangwelt, die gerade in den A-Capella-Passen tief berührt. Ganz ohne falsches Pathos finden sie Wahrheit in der Einfachheit der Melodie, in der Reinheit des Gesangs, auch und gerade im voll und ganz natürlichen Zusammenklang mit Chor und Orchester. Der vielleicht magischste Moment des Abends kommt im „Lux aeterna“: Wenn zum innigen A-Capella-Gesang, der den Saal zu kammermusikalischer Intimität hat zusammenrücken lassen, Emmanuel Pahuds Solo-Flöte stößt, die ganz plötzlich und ganz sacht die Stimmung aufhellt, den Klang ins Lichte hebt, den Raum lyrisch erweitert.

Viele solcher Momente findet Janowski an diesem Abend, der Verdis Hang zum Spektakulären die Stirn bietet. Von subtiler Vielfalt geprägt ist das „Offertorium“, erstaunlich beschwingt das „Sanctus“, beinahe karg und gerade dadurch umso eindringlicher das „Agnus Dei“. Nach der nachdenklichen Wärme des „Lux aeterna“ durchläuft das abschließende „Libera me“ nochmals den ganzen Weltenlauf des Werks in Miniaturform. Zwischen unerbittlicher Härte und explosiver Dichte sowie innigster Lyrik und rauer Zerbrechlichkeit wogt das Geschehen hin und her, stets mit höchster Präzision und Detailtreue, aber auch und vor allem mit subtilster Nuancierung und einer Ausdruckskraft aufgeladen, die sich aus der Stille, aus der Reduktion speist, Der rätselhafte Schluss ist von ernster Sachlichkeit geprägt, voller Fragen, aber auch der Selbstverständlichkeit, keine Antwort finden zu können. Und plötzlich wirkt dieses Ende ganz logisch in seiner Akzeptanz des Ungelösten weil Unlösbaren. Die Wärme, die diesen Abend durchzieht, bleibt. Angesichts der letzten Dinge das Leben in seiner Vergänglichkeit kostbar zu finden, seine Zerbrechlichkeit zu feiern und sich ihm nackt und ungeschützt zu nähern: Davon spricht dieser Abend, der in seiner Stille eine so radikale Lesart bietet, die doch so natürlich wirkt. Willkommen zurück, Marek Janowski!

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