Kein Abschied

Silvesterkonzerte 2016 – Teil 3: Marek Janowski dirigiert das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin zum letzten Mal

Von Sascha Krieger

Der Jahreswechsel ist eine besondere Zeit: Altes endet, Neues beginnt. Silvester- und Neujahrskonzerte, ob sie sich nun der leichteren Muse und der gehobenen Unterhaltung widmen oder die Zäsur feierlich begehen, teilen stets den Blick zurück mit dem voraus. Manchmal markieren sie auch Veränderungen jenseits der Jahreswende. Das Silvesterkonzert des Leipziger Gewandhausorchester etwa läutete die kommende Ära unter dem designierten Chefdirigenten Andris Nelsons ein: Zum ersten Mal dirigierte der Lette die traditionell am Jahresende stehende 9. Symphonie Ludwig van Beethovens. Anders in Berlin: Da markiert das Silvesterkonzert des Rundfunk-Sinfonieorchester das Ende einer Phase in der Orchestergeschichte, die nicht wenigen als die künstlerisch fruchtbarste gilt: Fünfzehn Jahre lang stand Marek Janowski dem Klangkörper vor, im vergangenen Jahr gab er sein Amt als Chefdirigent ab, jetzt, zum Jahreswechsel 2016/17 dirigiert er „sein“ Orchester zum letzten Mal. Ein Abschied, den er nicht zelebrieren wollte. Und doch spielt da, als sich immer mehr Zuschauer*innen erheben und das Orchester Beifall spendet, ein leises Lächeln um die Lippen des 77-Jährigen. Ein seltener Anblick bei einem Mann, der seinen Zuhörer*innen doch so viele musikalische Glücksmomente beschert hat.

Marek Janowski (Foto: Felix Broede)

Marek Janowski (Foto: Felix Broede)

Den einen oder anderen hat auch seine letzte Berliner „Neunte“ zu bieten, insbesondere im langsamen dritten Satz, den Janowski für den wichtigsten des Werkes hält. Doch zunächst sind zwei raschere Sätze zu bewältigen. Sehr streng ist Janowskis Zugriff, eng das klangliche Korsett, klein der Raum zum Atmen. Vor allem der erste Satz wirkt etwas schwer, weder Kantabilität noch explosive Ausbrüche können sich recht durchsetzen, stattdessen liegt eine gewisse Bedrohlichkeit in der leicht stickigen Luft. Regelrecht gewalttätig geht die Pauke dann im zweiten Satz zu Werke. Nur langsam hellt sich das musikalische Geschehen, das mitunter ein wenig gehetzt wirkt, auf. Die Welt, die Janowski und das Orchester malen, ist keine ungefährliche. Der menschheitsverbindende Gestus des Schlusssatzes scheint Lichtjahre entfernt.

Dann der dritte Satz: Geradlinig und schlicht legt Janowski ihn an, in schnörkelloser Gesanglichkeit, die nie ins Gefühlige kippt. Ein natürliches, in strenge Form gegossenes Fließen, weit entfernt von den Eruptionen der anderen drei Sätzen und doch nicht aus einer anderen Welt. Ein Sehnen, ein Hoffen auch, das die Möglichkeit des Scheiterns mitdenkt. Unspektakulär wie alles, was Janowski anfasst und zugleich von trügerischer Tiefe. Sachlichkeit, die berührt, angreift, bewegt. Ein klarer, schlanker, streicherdominierter Klang, der um die Untiefen weiß, die überall lauern. Diesen Gestus wird Janowski später im Finale nochmals aufnehmen. Ganz natürlich lässt er die Quinten über fragilem Streicherschweben einfliegen, kein Werden aus dem Nichts, aber doch ein Zusammenfinden einsamer musikalischer Wanderer, die Anschluss suchen, Verbindung, einen gemeinsamen Weg. Brüchig ist dieser Beginn, verletzlich, zuweilen fast ein wenig schroff. Etwas zu affirmativ das Mehrfach-Pianissimo, in dem sich das Freudenthema erstmals zeigt, dessen zaghaftes Aufblühen zu vollem orchestralen Glanz Janowski dann aber sehr fein herausarbeitet. Dunkel ist der Grundton, unerbittlich, Erschütterung erzeugend, steht der Cherub vor Gott, bevor es plötzlich ganz hell wird, das nachfolgende Marschmotiv überraschend frühlingshaft singt. Licht und Dunkelheit sind in diesem Satz nie zu trennen.

Wenn die Millionen in Schillers Text niederstürzen, verknüpft der wie immer hervorragend aufgelegte Rundfunkchor Berlin – das Solist*innen-Quartett hält sich merklich zurück und überzeugt als dem Gesamteindruck dienende Einheit – Härte und kompromisslose Strenge mit mitfühlender Innigkeit, bilden Ernst, Schmerz und Hoffnung eine musikalische Schicksalsgemeinschaft, die geradewegs in die Stille führt, ohne jedes Pathos, aber mit einer Ehrlichkeit, die zu berühren vermag. Irisierendes Schweben lässt innehalten – plötzlich ist der reflektierende dritte Satz wieder ganz präsent, verharrt das Werk für einige Augenblicke in einer Dämmerung, von der nicht sofort klar ist, ob sie die des abends oder des anbrechenden Morgens ist. Wenn der Chor dann noch ein letztes Mal die Brüderwerdung der Menschheit beschwört, fährt das durch Mark und Bein. Ernst, streng und intensiv singt, ja lebt er Schillers Worte, eine Mahnung, nicht ohne einen Anflug von Verzweiflung, die hehren Werte nicht zu vergessen, von denen Beethovens Musik kündet. Der Jubel bleibt aus, das Ende wirkt etwas abrupt. Nichts ist gewonnen, aber auch nichts verloren. Abschied klingt anders.

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