Stürmen und Stolpern

Silvesterkonzerte 2016 – Teil 2: Andris Nelsons dirigiert seine ersten Konzerte zum Jahreswechsel beim Gewandhausorchester Leipzig

Von Sascha Krieger

Man kennt das: Wenn man etwas zum allerersten Mal tut, geht selten alles glatt. Es rumpelt und stockt und bisweilen möchte man aus lauter Frust fast hinwerfen. Ob Andris Nelsons bei seiner ersten „Neunten“ zum Jahreswechsel mit dem Gewandhausorchester, das er in der kommenden Spielzeit übernehmen wird, solche Gedanken gehabt hat, ist nicht bekannt. Dass der Motor mitunter stockt und das musikalische Gewährt streckenweise recht rumpelig unterwegs ist, ist jedoch hörbar. Nelsons gilt (noch) nicht als Beethoven-Spezialist, auch wenn er weiß, dass ein Dirigent, will er zu den größten seiner Zeit gehören, das symphonische Werk des Bonners meistern sollte. Vielleicht ist es so zu verstehen, dass Nelsons in diesem Jahr begonnen hat, seinen (ersten?) Beethoven-Zyklus mit den Wiener Philharmonikern einzuspielen. Nicht ausgeschlossen, dass er noch ein wenig zu früh kommt. Seine Auseinandersetzung mit der „Neunten“ zumindest ist geprägt von Anstrengung und einem Ringen mit dem bis heute als Höhepunkt der Symphoniegeschichte geltenden Werk, das nicht immer einen Sieger hat. Und doch erheben sich am Ende große Teile des Publikums, wenn auch etwas zögerlich, zu einer wohlwollenden stehenden Ovation. Also doch nicht alles falsch gemacht? Nein, überhaupt nicht.

Andris Nelsons (Bild: Marco Borggreve)

Andris Nelsons (Bild: Marco Borggreve)

Den Dirigenten Andris Nelsons machen vor allem zwei Faktoren aus: ein analytischer musikalischer Geist und eine leidenschaftliche Energie, die seine Analyseergebnisse mit Leben erfüllt. An großen Nelsons-Abenden ist beides gegeben, bei seinem Leipziger Silvesterdebüt immerhin Letzteres. Schnell kommt er zur Sache. Die ersten Takte des Kopfsatzes geraten zu einem Crashkurs in klanglicher Verdichtung. Rasch ballt sich das musikalische Geschehen zusammen. Transparenz sucht man vergebens, dafür ist das Klangbild dicht, droht in jedem Moment die Entladung einer fast nie abfallenden Spannung. Das Schlagwerk und insbesondere die Pauken sind das Kraftzentrum seiner Interpretation, die Rhythmik sein Herz. Vor allem der erste Satz hat damit zu kämpfen. Zuweilen verwischt der Klang ein wenig, dann kippt er ins Überdeutliche. Massig, muskulös spielt das Orchester. In den besten Momenten erzeugt das Kraftentladungen, die am Rande der Gewalttätigkeit stehen und auf die dunkle Seite dieses Werks verweisen. Der finale Freudengesang erhebt sich über einer Welt, die einander eben noch längst nicht als Brüder umschlungen begegnet. In anderen Momenten taumelt die Musik ins unangenehmen Schrille – was auch im Finale zu beobachten ist und dort Solist*innen und Chor einschließt. Mit sehr viel Zug wirft sich Nelsons in das Werk, verknappt die Töne. Hier will alles voran, ist zum Bersten angespannt. Leben und Gewalt liegen ganz eng beieinander.

Etwas blass gerät das Scherzo, auch weil Nelsons den ruhigeren, kantablen Passagen insbesondere im Trio wenig Raum gibt. Der Grundgestus des Kopfsatzes bleibt, zügig eilt die Musik ihrem Ziel entgegen. Kompakt und dicht der Klang, aber eben auch ein wenig blutleer. Im dritten Satz versucht Nelsons den sanglichen Charakter zu betonen, ohne je ins Schwelgerische zu geraten. Das gelingt am besten im fast ein bisschen rau wirkenden sehnenden Zwischenspiel der hohen Holzbläser, das in seiner angedeuteten Kargheit berührt. Ansonsten verknappt Nelsons auch hier die Noten, was dem Eindruck kantablen Fließens nicht immer zuträglich ist. Bisweilen gelingt es, dann klingt der Zauber an, den dieser Satz zu erzeugen vermag. Ansonsten bleibt auch er Annäherung, Herantasten an eine noch nicht ganz erschlossene Welt.

Im Finale kann es Nelsons dann nicht schnell genug gehen. Fast atemlos prescht er durch das Frage-Antwort-Spiel des Beginns, setzt (über)deutliche Zäsuren und eilt rasch zum Wesentlichen. Der erste Auftritt des Freudenthemas in den Holzbläsern ist dann überraschend selbstbewusst, hell, freudig mit Tendenz zur Keckheit. Das anschließende Mehrfach-Pianissimo meistert er jedoch sehr souverän, auch wenn dem sich entwickelnden und behutsam Schicht für Schicht anlegenden Thema eine Nuance weniger Zug gutgetan hätte. Ansonsten gelingt diese Phase des Werdens sehr gut. Überhaupt setzt Nelson eindeutig auf Stringenz, hat einen Grundton, gesteuert vom Perkussiven, Rhythmischen, dem er das ganze Werk über folgt. Die Brüche, das Versuchen und Abbrüchen, dass den Schlusssatz im vergangenen Jahr unter dem Dirigat Herbert Blomstedts so präsent, ja, verstörend auch machte, fehlt bei ihm. Hier ist alles aus einem Guss, durchpulst von musikalischer Energie, die um das Dunkle weiß und gerade deshalb zum Licht strebt. Wenn das Freudenthema das gesamte Orchester erreicht, führen denn auch Pauken und Trompeten. Selbstbewusst, affirmativ, fast ein bisschen trotzig.

Das gilt auch für Bass Georg Zeppenfeld, der mit autoritativem Ton das nicht immer fein harmonierende Solist*innen-Quartett anführt. Insbesondere Tenor Steve Davislim drängt mitunter zu stark in den Vordergrund. Altistin Gerhild Romberger bildet ein gutes, weil sachlich souveränes Gegengewicht zu Zeppenfeld, während Sopranistin Camilla Tilling anzumerken ist, dass sie erst in letzter Minute für Kristine Opolais eingesprungen ist. Wie immer sind gleich drei Chöre versammelt, die kraftvoll und schnörkellos agieren. Überhaupt setzt sich Geradlinigkeit zunehmend als Kernmodus des Finalsatzes durch.Die Kanten sind scharf, die zielstrebige Rhythmik stets präsent. Voran will das alles, nicht zu stürmisch, aber doch mit einiger Macht. Wobei der Satz vor allem in Momentaufnahmen zu überzeugen weiß: Eindringlich der schmerzhafte Ruf „Vor Gott!“ vor der ersten größeren Zäsur, wunderbar spannungsreich der Gegensatz aus schwebendem Innehalten und voraneilender Neugier beim Übergang vom Sternenzelt zur Wiederaufnahme des Freudengesanges durch den Chor, präzise gestaltet das finale Solist*innen-Quartett, das dann doch ein retardierendes, hinterfragendes Moment zulässt. Am Ende steht selbstbewusste Affirmation des Lebens statt freudigem Jubel. Stürmisch geht das Werk zu Ende, optimistisch, aber nicht naiv. Diese „Neunte“ hat ihren Kopf nicht in den Wolken, sondern die Füße fest auf dem Boden. Wenn sie zuweilen ins Stolpern gerät, ist das verzeihlich. Sie und ihr Dirigent haben schließlich noch einen langen gemeinsamen Weg vor sich.

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3 Gedanken zu „Stürmen und Stolpern

  1. Schlatz sagt:

    Es ist toll, dass Leipzig den Nelsons bekommen hat.

  2. […] live im Fernsehen übertragen – findet in Leipzig statt. Nun also darf Alan Gilbert ran, nachdem sich Neu-Chef Andris Nelsons im Vorjahr etwas verhoben hatte. Der New Yorker steckt gerade zwischen Jobs – seine Amtszeit beim New York Philharmonic ist zu […]

  3. […] Ein erster Versuch vor zwei Jahren blieb Versuch, uneben, bruchstückhaft, mehr Skizze als Interpretation. Doch der gerade 40 Gewordene hält es da wie Beckett. Und siehe da: Davon, das kanonischste aller Werke der Symphonik zu meistern oder sich gar in die Region einer Referenz hinaufzuarbeiten, ist Nelsons noch immer weit entfernt. Trotzdem erstaunt, wie weit sich seine „Neunter“ in zwei Jahren entwickelt hat. Vor allem weil er nicht mehr ganz so oft wie verloren vor diesem Ungetüm steht und versucht, es so gut es geht zu bändigen. Er hat eine Idee. Keine weit hergeholte: Er zäumt das symphonische Pferd vom Schwanz auf. Beethoven dachte sein Opus magnum von seinem Ende her, vom Finalsatz über Schillers „Ode an die Freude“, dem kosmischen finalen Hoffnungsstatement des längst tauben Komponisten. Das tut auch Nelsons und so erstrahlt der Schlusssatz wie ein plötzlich aus vorangegangenem Zwielicht erstehendes neues Universum. Wenn auch mit Verzögerung. Das initiale Frage- und Antwortspiel mit dem Material der früheren Sätze gelingt wenig konfrontativ und recht spannungsarm – bei Nelsons erwächst die neue Welt eher aus einer Ursuppe als aus Vorangegangenem, ist die Apotheose keine Überwindung, sondern das Entstehen einer kosmischen Ordnung. […]

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