Musik als Hochleistungssport

Silvesterkonzerte 2016 – Teil 1: Daniil Trifonov feiert sein Debüt bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Sein Debüt bei den Berliner Philharmonikern zu feiern, ist für jeden Instrumentalsolisten so etwas wie ein Ritterschlag. Wer mit diesem Orchester musizieren darf, gehört zur absoluten Elite seiner Zunft. Wenn dieses besondere „erste Mal“ auch noch im Rahmen der traditionellen Silvesterkonzerte des Orchesters stattfindet, signalisiert das: Hier ist ein Ausnahmekünstler, der aus der Gruppe der Instrumentalstars noch einmal heraussticht. Dass dies bei dem 25-jährigen Russen Daniil Trifonov der Fall ist, wusste die Musikwelt schon vor diesem Abend. Erst im Oktober konnte sich das Berliner Publikum bei einem Solo-Recital davon überzeugen, dass Trifonov nicht nur ein Ausnahme-Virtuose ist, sondern zugleich über ein atemberaubendes Ausdrucksspektrum verfügt, das verständlich macht, warum er nicht wenigen als kommender Jahrhunderpianist gilt. Dies voranzustellen, ist insofern sinnvoll, als bei seinem Philharmonikerdebüt von all dem wenig zu spüren ist. Mit Sergej Rachmaninows drittem Klavierkonzert – ja, das ist das Werk, dem der Film Shine vorwarf, den australischen Pianisten David Helfgott in den Wahnsinn getrieben zu haben – hat er das ultimative Virtuosenstück dabei. Und er spielt es – leider – so, dass auch der letzte Zuschauer in jedem Moment weiß, was für eine Leistung es ist, dieses Monster zu bewältigen.

Sir Simon Rattle dirigiert das Silvesterkonzert 2016 der Berliner Philharmoniker (Foto: Stephan Rabold)

Sir Simon Rattle dirigiert das Silvesterkonzert 2016 der Berliner Philharmoniker (Foto: Stephan Rabold)

Pures Virtuosentum bewegt sich zuweilen an der Grenze zum Hochleistungssport. Hier überschreitet sie Trifonov deutlich. Er prügelt auf sein Instrument ein, als gelte es, ein wildes Tier zu erlegen. Streckenweise ist sein Spiel derart gewalttätig, das es das Orchester übertönt, die Versuche Sir Simon Rattles, Zwischentöne und Nuancen zuzulassen, zunichte macht. natürlich ist das, was Trifonov macht, technisch perfekt und die Virtuosität seines Spiels atemberaubend. Aber es ist eine recht kalte Virtuosität, die dem Werk zu nähern sich verweigert. Schon das erste, gesanglich schlichte Thema leidet darunter: Trifonov spielt Note für Note, klar, deutlich, jede von ihnen ein ultimatives Statement. Das Ergebnis ist zwiespältig: Seine technischen Fähigkeiten stehen unwiderlegbar im Raum, zugleich stellt sich aber auch ein mechanischer Eindruck ein, der das ganze Werk über anhält.  Da bleibt das Orchester mit seinem schlanken, angenehm lichten, die Öffnung dieses spätromantischen, eigentlich schon aus seiner Zeit gefallenen Monolithen zumindest andeutenden Klangbild im Schatten. Trifonov scheint sich kaum um seine Mitmusiker zu scheren, wiederholt trennen sich Orchester und Solist fast vollständig voneinander.

Natürlich hat das seine Momente, etwa in der Kadenz des Kopfsatzen, in der Trifonov zeigen kann, dass er jeden erdenklichen Ausdrucksmodus beherrscht und auch das Rachmaninowsche Pathos in seinem Repertoire hat. Doch bleiben auch hier vor allem die Anstrengung, die Höchstleistungen , die er erbringt, im Gedächstnis. Der langsame Satz verpufft schnell, auch wenn es der Solist zuweilen schafft, einen leicht träumerischen, sehnsüchtigen Ton zu treffen, der sich jedoch gegen die Kraftmeierei, die den Zuhörer auch hier begegnet, kaum durchzusetzen vermag. Das gilt auch im Finale, wo die lyrische Passage im Zusammenspiel mit den Holzbläsersolisten zum Höhepunkt wird. Für einen Augenblick dringt Licht ein in diesen dunklen Kraftblock von Trifonovs Spiel, belebt sich die Musik, beginnt sie zu atmen, nur um gleich darauf wieder von ihrer eigenen Masse schier erdrückt zu werden. Am Ende entscheiden sich Orchester und Solist für epische, filmisch anmutende Breite und einen schön explosiven Schluss. Das Publikum rast, lässt sich zu einer einstimmigen stehenden Ovation verleiten und ist ganz aus dem Häuschen. Die rekordverdächtige Autogrammschlange in der Pause zeigt: Hier ist ein Star geboren.

Allerdings hat Trifonovs Auftritt noch ein weiteres Problem. Er gibt dem Abend eine deutliche Schlagseite. Gegen die 45 Minuten Schwerstarbeit kann sich das leichtere Restprogramm nicht behaupten, die fröhlich tänzerische Grundstimmung, die diese Konzerte normalerweise auszeichnet, nicht einstellen. Dabei tut das Orchester sein bestes. Scharfe rhythmische Setzungen und grellbunte Klangfarben prägen Dmitri Kabalewskis Ouvertüre seiner Oper Colas Breugnon: Der Meister von Clamecy. Die Streicher dürfen breit ausladend ihren einzigartigen klang zelebrieren, das Orchester sich zu einem wilden Gewimmel emporsteigern. Eine leichte, fast verschämte Tendenz ins scharfe, beinahe Groteske, ist die einzige interpretatorische Volte, die sich Rattle erlaubt. Überhaupt wirkt dieses Silvesterprogramm um einiges harmlose als noch sein um einige Kanten reicherer Vorgänger. Die von Rattle eigens zusammengestellte Suite aus William Waltons Gedichtvertonung Facade macht einen vor allem gefälligen Eindruck.Das Orchester wirkt befreiter, lässt die Musik ein wenig atmen, setzt deutliche rhythmische Akzente. Der Klang ist durchsichtiger als zuvor und offenbart vor allen – dass es in diesem Werk vielleicht so viel zu offenbaren nicht gibt. Angenehm plätschert es dahin und tut nicht weh.

Den drei Slawischen Tänzen aus Antonín Dvořáks zweitem Zyklus Op. 72 ergeht es da kaum anders. Rattle geht sie wie ein Dramaturg an: Alles ist auf die freudig kraftvollen Entlandungen ihrer Schlüsse hin ausgerichtet. So ist das Orchesterspiel sehr rhythmusfokussiert, die Kontraste in Tempi und Dynamik betonend und in den schnellen Passagen extrem muskulös. Natürlich können die Philharmoniker Gesanglichkeit und Lyrik, dürfen vor allem die Holzbläsersolisten immer wieder brillieren und doch ist da wie zuvor bei Trifonov viel, zu viel Pose. Der natürliche Eindruck, den  Dvořák durchaus wollte, stellt sich nie ein. Alles ist auf Effekt gebürstet – auch in den Zugaben, einem Galopp von Kambalewski und dem unvermeidlichen ersten der Ungarischen Tänze von Johannes Brahms. So wirkt so manches ruhigeres Zwischenspiel unangenehm gehetzt, als würde es nur stören auf dem weg zur nächsten freudigen Entladung. Ein unrundes, seltsam angestrengtes Silvesterkonzert, das nicht so recht weiß, was es feiern will. am Ende dieses Jahres ist das vielleicht auch zu verstehen.

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Ein Gedanke zu „Musik als Hochleistungssport

  1. Schlatz sagt:

    Ich stimme mit nahezu jedem Satz überein, den sie zu Trifonov schreiben, zu. Aber doch hat Trifonov eine Klasse, die über eigentlich jeden jungen Pianisten einiges hinaus geht, den ich in den letzten Jahren gehört habe. Wie immer eine sehr detaillierte Kritik!

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