Das H in der Suppe

Hans-Werner Kroesinger & Regine Dura: HEIMAT reloaded, Hebbel am Ufer (HAU3), Berlin (Regie: Hans-Werner Kroesinger)

Von Sascha Krieger

Welch ein netter Empfang: Freundlich lächeln sie uns an, die drei Performer*innen, die das Publikum zu Hans-Werner Kroesinders neuem Abend begrüßen. Bettina Grahs hat sogar Blumen dabei. Wie nett! Da fühlt man sich doch gleich wohl, oder sollte man sagen: heimisch? Denn darum geht es ja, dafür steht das schöne rot leuchtende H, das die drei (später kommt noch einer dazu) dabeihaben. Heimat ist ein viel beschworener Begriff, den auch die Nazis nicht tot zu kriegen vermochten. Ganz im Gegenteil: So viel Heimat wie nach dem zweiten Weltkrieg war selten: Heimatfilme dominierten die Leinwand, Heimatvertriebene waren überall. Keine größere Ideologie, ob rechts, links oder irgendwo dazwischen kam (und kommt) ohne den Heimatbegriff aus. Klar: Das Gefühl dazuzugehören ist eine elementare Triebfeder menschlicher Existenz. Doch warum kommt eigentlich nur das (und der?) Deutsche nicht ohne diesen Begriff aus, der in anderen Sprachen so nicht existiert? Es ist eine der Fragen, die Kroesingers gerade mal 80-minütiger Abend anreißt – und schnell wieder liegen lässt. Viel Zeit ist nicht, spuckt doch der rote Buzzer auf der Bühne immer wieder neue Begriffe, Überschriften und Zitate aus, die bearbeitet werden wollen. Also hetzt man durch den Dschungel von Heimat-Ideen, ohne je viel mehr als einen flüchtigen Blick wagen zu können.

Bild: Sascha Krieger

Bild: Sascha Krieger

Dabei wird schnell klar: Heimat ist kaum ohne Ideologie zu haben und ohne Ausgrenzung schon gar nicht. Am klarsten wird das in der stärksten Passage des sonst recht flatterhaften Abends: Da kommt die so genannte Identitäre Bewegung zu Wort, meist jüngere Menschen, die sich vorgenommen haben, Ausgrenzung und der Bekämpfung von Vielfalt einen positiven, konstruktiven Anstrich zu geben.Wie perfide das funktioniert, wie gekonnt es die neurechten Ideologen vermögen, genau die Ideen und Begriffe ins Feld zu führen, die sie bekämpfen, wie sie behaupten, für Freiheit, Vielfalt, ja „Buntheit“ zu stehen, diese Begriffe so weit durch den Ideologiewolf drehen, bis sie in ihr Gegenteil mutiert sind, wird eindrucksvoll vorgeführt – im Plauderton und mit einem freundlichen Lächeln präsentiert. Die sind ja ganz vernünftig, diese „Identitären“ und ihre Argumente auch. Und Identität, das sagen doch auch die Linken, etwas wenn es um LGBTI-Rechte geht, ist doch wichtig, oder? Hier ist der Abend ganz bei sich und seinem Kern: herauszufiltern, wie sich in jeder Heimatdefinition und -diskussion und -verherrlichung immer ein Körnchen Ausgrenzung, Ausschluss, ja, Entwertung des vermeintlich anderen befindet. Das war, so lernen wir, in den Heimatfilmen der 1950er Jahre so, wo sich etwa der Heimatvertriebene als unschuldig, der „Zigeuner“ dagegen als der Übeltäter erwies.

Wie immer erweist sich Kroesinger als Meister der Tatsachen, der Exegese mehr oder minder historischer Dokumente. Die Darreichungsform ist ebenso Kroesinger-typisch: eine Mischung aus Frontalunterricht und verplauderter Recherchegruppe. Gemeinsam spürt man der Wortgeschichte von „Heimat“ nach, referiert über das Heimatrecht und die Verbindung von Heimat und Besitz, vergleicht Heimat-Definitionen von DDR- und Bundesrepublik der Ära Brandt miteinander – die sich in seiner sozialen Verortung des Begriffs näher sind, als man gemeinhin denkt – blickt auf die „Festung Europa“ und die Folgen der Globalisierung – auch der frustrierte Fremden- und Demokratiehass so manchen Ex-DD-Bürgers kommt zu Wort – und landet doch am Ende immer beim Gleichen: Heimat zu haben ist ein Grundbedürfnis, dem Globalisierung, Kapitalismus und all das andere Böse entgegen steht.

Aber über Heimat zu reden führt stets in die braune Ecke, Heimat ist ohne Fremdenfeindlichkeit, Ausgrenzung und Rassismus nicht zu haben, sie lauern in jedem Wort, jeder Zeile, sie sind immer der Subtext jeder Heimat-Debatte. So niedlich die Miniatur-Heimaten sind, mit denen die Darsteller*innen auf den fünf beweglichen Tischen spielen, so hübsch das Fleckchen Erde ist, das sich in einem der Tische verbirgt: Am Ende entlädt es sich zu einem Erd-Kreis auf der Bühne, der innen und außen klar markiert, die Wertung – innen gut, außen böse – inbegriffen. Natürlich sind diese Subtext-Entlarvungen nicht falsch, gehört es zu den stärkeren Aspekten des Abends, die braunen Reste dort zu finden, wo man sie kaum erwartete, zu entdecken, dass der Heimatbegriff längst so vergiftet ist, dass er sich kaum ideologiefrei denken lässt, dass auch aufgeklärte Heimatdiskussionen einen verborgenen Ballast mit sich schleppen. Das klarstellen, herauszuarbeiten, an die Oberfläche zu bringen, ist das Verdienst von HEIMAT reloaded.

Aber leider hört der Abend auch genau an dieser Stelle auf zu denken und weiter zu fragen. Da kann Daniel Dorsch noch so pseudo-disruptiv Heimat-Liedfetzen mit explosiven Stör-Rhythmen mixen: Am Ende stellt sich ein sanft ermüdender Gedankenfluss ein, der all die disparaten Ausgangspunkte auf das gleiche Ziel zufließen lässt. Die Gewissheiten, das Schwarz und Weiß, die etwa bei den „Identitären“ kritisiert werden, kennt der Abend auch. Dass Heimat für jeden etwas anderes bedeutet, dass Heimatbegriffe vielfältig, gegensätzlich, sich selbst und den überkommenen Konzepten gegenüber widerspenstig sind und oft selbst in einem Menschen alles andere sind als homogen, ahnt der Abend auch, es tangiert ihn nur kaum. Und so wird das freundliche Lächeln irgendwann zum selbstgefälligen Grinsen, der wissende Blick zur wohlfeilen Denkverweigerung. Der Heimat-Schmu ist entlarvt, die Arbeit getan. Wenn es doch nur so einfach wäre.

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