Sie wollt‘, sie wär‘ ein Huhn

Tennessee Williams: Die Glasmenagerie, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Stephan Kimmig)

Von Sascha Krieger

Da hat sich Katja Haß mal wieder ordentlich austoben können. Eine eindrucksvoll dimensionierte Raumflucht hat sie auf die grüße Bühne des Deutschen Theaters gestellt. Grüne Wände, die ihre besten Tage lange hinter sich hatten, und die schon großflächig mit braunen Flecken durchsetzt sind (oder ist es umgekehrt?), ein Hauptraum und eine Art Seitenflügel mit leicht erhöhtem Nebenzimmer, Kellergeschoss und einer Fluchtgalerie auf Höhe des 2. Rangs. Hier lebt die Familie Wingfield: allein erziehende Mutter, vom Leben als Schriftsteller träumender Sohn, behinderte Tochter, die sich am liebsten in private Träume zurückzieht und die Welt meidet, wo sie nur kann. Doch warum kleben an der Decke Neonröhren wie im Großraumbüro, stehen die Nähmaschinen (immer hin drei) in Reih‘ und Glied wie in einer Fabrik? Eine Anspielung auf den Tagesjob von Sohn Tom, der Schuhe produziert, statt Romane zu schreiben, um die Familie über Wasser zu halten?Vielleicht. Auf jedem Fall ist die Bühne schon ein guter Indikator dafür, was den Zuschauer in diesen mehr als zweieinhalb Stunden erwartet: viel Unentschiedenheit, null Haltung, aber dafür ein Überfluss an Ausdrucksmodi und gestalterischen Mitteln. Sogar zwei Hühner gibt es, die Tochter Laura des öfteren herausholt und sehnsüchtig betrachtet. Eine Idee braucht es dann offensichtlich nicht mehr. Vielleicht war aber auch einfach keine Zeit mehr dafür.

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Bild: Arno Declair

Kimmig erzählt die Geschichte herunter, ohne merkliche Kürzungen, das Kammerspiel von den zerplatzten Träumen, dem viel zu engen Leben und dem Ausbruch, dessen Preis ist, die anderen ihrem Schicksal zu überlassen. Eine Erinnerung, erzählt von Tom, der die Familie längst verlassen, sich ein neues Leben gesucht – und wohl auch gefunden hat – jene zurückließ, die, wie die Mutter der lächerlichen Illusion vom amerikanischen Traum noch ein wenig nachhing, oder, wie die Schwester, sich bereits aufgegeben hatten, in die eigene Welt, in sich selbst zurückzogen. Ein Abgesang auf das „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“, an Wohlstands- und Glücksversprechen, aber auch ein Stück Abrechnung mit jenen, die den Mut nicht finden, um und für ihr Leben zu kämpfen, die sich Illusionen hingeben, um die Realität nicht sehen zu müssen. All das ist dem akribisch abgespulten Text zu entnehmen – gelebt wird an diesem Abend davon nichts. Kimmig schiebt die Zeitebenen ineinander, versucht keinerlei Abgrenzung – nicht einmal einen Lichtwechsel gibt es – Erinnerung und Gegenwart fallen ineinander und landen auf dem Haufen der Beliebigkeit. Die Sehnsucht, die Melancholie, der Schmerz, der Williams‘ Stücke und ganz besonders dieses ausmacht, sie haben frei.

Der Abend findet keinerlei Haltung, er weiß nichts anzufangen mit dieser Geschichte, er verortet sich nicht. Die Figuren bewegen sich in einem Vergangenheitsraum, tragen aber heutige Alltagskleidung.  Kammerspielrealismus steht neben abstrakter Gruppenchoreographie, karikaturesker Überzeichnung und purem Slapstick. Der Eskapismus Laura wird zur Materialschlacht: neben den Glasfigürchen hat sie noch ihre Hühner, mit denen sie spricht, und die Platten, die sie auflegt. Ertönt Musik, träumt sie sich verloren davon in ein glücklicheres Leben, tanzt sie beglückt und sich selbst verlassend durch den Raum. Das ist beim ersten Mal berührend, beim zweiten und dritten noch logisch – beim gefühlt zwanzigsten Mal ist man versucht, dem Regisseur entgegenzubrüllen: „Wir haben es begriffen!“. Die Musikauswahl ist exquisit – zeitgenössisch vor der Pause, 70er- und 80er-Jahre-lastig danach. Was als Lauras Fluchtbewegung beginnt, wird schnell zu jener des abends: wenn ihm nichts mehr einfällt, wird eine Platte aufgelegt und Laura darf tanzen.

Überhaupt Laura: Linn Reusses Interpretation hat so gar nichts von dem verschüchterten menschenscheuen Mädchen, das die dominante Mutter aus einer Mischung aus Angsteinimpfung und Selbstwertgefühlvernichtung erschaffen hat. Ihre Laura ist eine durchaus selbstbewusste junge Frau, die jedoch in das Handlungskorsett des Abends überhaupt nicht passt. Die Laura, von welcher der Text spricht, ist nirgendwo zu finden. Wenn es gar nicht anders geht, nämlich bei der Ankündigung des Besuchs eines potenziellen Verehrers, bleibt Reusse wenig anderes übrig, als die Szene von der in Panik Erstarrten unabhängig von ihrer Figur zu spielen, als Miniatur, die mit der Laura, die wir sonst sehen, nichts zu tun hat. Anja Schneider als Mutter Amanda ist da stringenter. Die Daueranspannung trifft sie gut, die Entladungen in Überfürsorglichkeit, Aggression oder Selbstmitleid kippen aber immer wieder ins Überzeichnete. Wo Reusse reduzierten Realismus sucht, ist Schneider Karikatur. Mit dem am Ende zur Grimasse erstarrten verzerrten Mund könnte sie bei Herbert Fritsch vorsprechen. Marcel Kohlers Tom ist für einen angehenden Schriftsteller einen Tick zu pubertär geraten, sodass etwa die großen Streits zwischen Mutter und Sohn eher auf Sandkastenniveau ablaufen. Viel Gebrüll und Gezeter, wenig Substanz. Konflikte, die ans Eingemachte gehen, fehlen weitgehend. Wie auch, wenn der Abend schon daran scheitert, sich zu entscheiden, was er in dem Stoff sehen möchte?

Naturalismus kippt in Slapstick, Ernsthaftigkeit in Albernheit, Realismus in Abstraktion. Ausdrucksmodi taumeln in einander, ohne dass ein Grund erkennbar wäre. Wenn schon nichts zu sagen ist, dann reisen wir einfach ein bisschen durch die Genres. Natürlich nur halbherzig, schon die Lichtregie bleibt außen vor, von ästhetischen Brüchen bleibt der Abend weit entfernt. So wirkt alles zufällig, beliebig, planlos. An Fahrt gewinnt der Abend erst, als Holger Stockhaus erscheint. Konsequent zieht sein Gast Jim das Geschehen ins Komödiantische, grimassiert und krampft er die Geschichte ins satirische und schafft er es tatsächlich, kurze Momente der Wahrhaftigkeit zu findet. Seine zwanghafte Energie legt die existenzielle Verzweiflung offen, die bei den anderen Figuren nur Behauptung bleibt, er schenkt der Verlorenen einen Moment des Glücks, dem sie nach dessen erlöschen nicht hinterher weint. Dieser Moment ist mehr, als denen, die ihm nachjagen vergönnt ist. Am Ende starren sie paralysiert ins Nichts. Da ist der Abend wieder platt und eindeutig. Am Leben gescheitert, von der Welt verlassen sind sie. Einer Welt, die schwammig bleibt, keine Schnittmengen sucht zu unserer (das Programmheft geht da weiter, nur scheint Kimmig es nicht gelesen zu haben). Und so bleibt der Abend fremd wie seine Protagonist*innen. Keine Welt nirgends. Nur Hühner.

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