Roboter ohne Auftrag

Heiner Müller: Der Auftrag, Maxim Gorki Theater (Regie: Mirko Borscht)

Von Sascha Krieger

In Heiner Müllers Der Auftrag versuchen drei französische Revolutionäre einen Sklavenaufstand in der Karibik anzuzetteln und die Ideen von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit in die Welt zu tragen. Sie scheitern, auch weil sie sich nicht aus ihren vorrevolutionären Rollen befreien können, in Sasportas zu sehr der unterdrückte Schwarze, in Debuisson der ehemalige Grundbesitzer steckt. Das stück beginnt mit dem Scheitern, der Entscheidung, den Auftrag zurückzugeben. Bei Mirko Borscht ist schon das nur noch ein Erinnerungsfetzen, eine Fußnote. Der Müllersche Eingangssatz findet nurmehr als Endlosschleife statt, während die Zuschauer*innen ihre Plätze einnehmen, kaum verständlich, und das nicht nur akustisch. Geht das Licht an, ist alles schon nicht einmal mehr fernste Vergangenenheit, sondern schemenhaft rekapitulierter Mythos. Die Figuren oder besser ihre halbvergessenen Schatten sind gefangen ist einer kalten, aseptischen dystopischen Zukunft. Eine Art Wartesaal, Unternehmenslobby, vielleicht auch Labor eines neuen, optimierten Menschen. Eingeschlossen in eine Art Reaktorkäfig ist der Maschinenmensch aus Fritz Langs Metropolis, die blauen Uniformanzüge der Darsteller*innen erinnern an 1984. Die Revolution ist längst Vergangenheit, vielleicht hat sie es nie gegeben.

Bild: Esra Rotthoff

Bild: Esra Rotthoff

Doch die Ungerechtigkeit, der Kampf um Gleichberechtigung, von denen Müllers Stück, zugegeben ohne besonders starken Optimismus, spricht, sind sie nicht heute wichtiger denn je, heute, da vieles Erreichte, längst vermeintlich Selbstverständliche, unerwartet in Frage gesellt wird und gar nicht mehr so sicher scheint, wie man dachte? Borscht konzentriert sich auf die rassistische Ebene, den Konflikt zwischen Sasportas (Falilou Seck) und, wahlweise, Till Wonkas Debuisson und Aram Tafreshians Galloudec. Der Widerstreit zwischen oben und unten, Unterdrücker und Unterdrücktem wird ausgiebig debattiert, der Wertunterschied zwischen schwarzem und weißem Revolutionär herausgearbeitet. Selbst in der „fraternité“ der französischen Revolution gibt es Gleichere und weniger Gleiche, ein Gedanke, den wir aus dem Hier und Jetzt nur allzu gut kennen und der uns in der so genannten Flüchtlingsdebatte tagtäglich um die Ohren fliegt. Der Grundkonsens, dass es Menschen gibt, die mehr Anrechte auf ein menschenwürdiges Leben haben als Andere, ist auch in unserer recht freien und verhältnismäßig offenen Gesellschaft weitgehend ungebrochen. Wie kann es auch anders sein in einem Land, in dem sich kaum jemand daran stört, dass Menschen nur „geduldet“ werden können?

Falilou Seck tut sein Bestes, seinen Sasportas mit einer eindringlichen Mischung aus Selbstbewusstsein, Verletzlichkeit, Anspruch und Wut aufzuladen, doch fehlen ihm die Gegenspieler. Wonka gibt den Debuisson als windelweichen Zyniker, der gern regressiv zum weinerlichen Kleinkind mutiert, während Tafreshian in Galloudec keine Mitte finden will: Mal ist er ernsthafter Revolutionär, dann Wutbürger-hafter Rassist, seinen Platz findet er nie. Und das hat letztlich vor allem mit Borschts Versuch einer Inszenierung zu tun. Er verortet Müllers Stück so weit in der Distanz, dass er den Weg zu ihm nicht mehr finden kann. Dabei braucht es heute die Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit wie kaum je zuvor, ist die Geburt der Revolution aus dem Geist früheren Scheiterns – Debuisson holt die nackten leblosen Sasportas und Galloudec hervor, worauf sie langsam zum Leben erwachen, neugeborene Hoffnungsträger einer besseren Zukunft, gezeugt aus den Leichnamen vergessener Zukünfte – für nicht wenige eine wieder strahlender gewordene Utopie. Doch Borscht glaubt nicht daran und so zerfasert der Abend schnell in immer neue Versuche, sich dem Material zu nähern.

Albträume reißen Debuisson zurück in seine soziale Prägung, Ruth Reinecke gibt den Fahrstuhl-Monolog als trockene Reminiszenz an eine Zeit, in der Heiner Müller nicht nur physisch als Gegenwart gelten konnte, später spielt man den Text einfach in endlos langen Diskussionspassagen herunter, aber nichts davon zündet oder bleibt hängen, nicht die schönen Licht- und Soundeffekte, nicht das engagierte Spiel, nicht einmal Müllers unkaputtbare Worte. Borscht verweigert ihnen nicht nur den Kontext, sondern auch ihren Platz in der Geschichte. Wer den Auftrag nicht kennt, hat Schwierigkeiten zu folgen, so wenig schenkt Borscht den Grundkonflikten des Dramas Beachtung, so beliebig und leer und floskelhaft wirken die Betrachtungen über Revolution, Natur des Menschen und die kapitalistische Grundierung rassistischer Ideologie. All das ist heute relevant, ließe sich in die Gegenwart holen, wil es längst schon dort ist. Doch Borscht überspringt das Präsens. Romy Camerun singst Lieder angenehm dahinrollenden Barjazz‘, leicht melancholisch, immer resigniert, sind von einer Zeit, in der noch möglich schien, von dessen Unmöglichkeit man eigentlich schon wusste. Das Bühnengeschehen, so sich davon sprechen lässt, ist eine kahle, blutleere Dystopie, in der alles schon vorbei ist, die Menschheit zu nur noch funktionierenden Robotern geworden ist (auch dieses Bild kommt vor an diesem überraschend auch visuell unterambitionierten Abend eines eigentlich bildmächtigen Regisseurs) und Revolution nur noch Rollenspiel zum Zeitvertreib sein kann. Und so ist der selbstgefällige, apologetische Zynismus Debuissons so weit entfernt nicht vom Grundgestus des Abends. Und das ist denn doch bestenfalls ärgerlich.

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