Mittendrin

Christian Thielemann dirigiert die Berliner Philharmoniker, den Rundfunkchor Berlin und Gidon Kremer mit Werken von Gubaidulina und Bruckner

Von Sascha Krieger

In tempus praesens hat Sofia Gubaidulina ihr zweites Violinkonzert genannt. Um die Befreiung der Zeit geht es, eine Gegenwart, die mehr ist als der Übergang von Vergangenheit in Zukunft, sondern für sich steht, kein Ziel hat, nur Gegenwart sein will, in der Vielfalt aller Wortbedeutungen. Es gibt eine Kunstform, deren Grundprinzip dieses Existieren im Hier und Jetzt, diese pure Vergegenwärtigung in Zeit und Raum ist: das Theater. Sein Präsens, sein Zeitbegriff mag nicht viel mit Gubaidulinas Idee von der „Zeit des Verweilens der Seele im Geistigen“, der „essenziellen Zeit“ zu tun haben – aber er steht dem Dirigenten Christian Thielemann sehr nahe, dessen erste und größte Liebe der Oper gehört, jenem Ort, an dem Geschichten, Welten und Musik im Jetzt und Hier entstehen und verflogen sind, wenn ein neues Jetzt eintritt. Dies ist die Gegenwart, die Thielemann in Gubaidulinas Werk sucht. Und er findet reichlich davon. Bedrohlich düster wölbt sich der orchestrale Horizont, Thielemann setzt harte Brüche, scharfe Kanten, kostet die dynamischen Kontraste voll aus, setzt auf Wucht und (Klang-)Masse, behandelt die Musik oft perkussiv. Der Orchesterpart ist bei ihm kein Suchen, sondern ein Auf-, Ein-, Zusammenbrechen, ein Explodieren der Zeit.

Bild: Mathias Creutziger

Christian Thielemann (Bild: Mathias Creutziger)

Das ist der Aufmerksamkeit der Zuschauer*innen zuträglich, der Solopartie jedoch weniger. Gidon Kremer wirkt über weite Strecken ein wenig verloren in dieser mächtigen Klagmasse um ihn herum. Er versucht sich ihr anzunähern. Wo in der Partitur Gesanglichkeit und strahlender Klang angedacht sind, reduziert er, betont er die harten Kanten und Abbrüche, wirkt sein Klang seltsam karg, blutleer zuweilen. Schon der Anfang schwankt zwischen Suchen und Fordern, später wird ein Anrennen daraus. Wirklich gelungen ist nur der Schlussteil. Der Kontrast zwischen den immer härteren, schärferen Orchesterschlägen und der zunehmend panisch herumirrenden Geige ist eindringlich, das Spiel der Bläserfarben ganz am Ende zumindest ein interessantes klangliches Experiment. Ansonsten ist alles Bühne, Theater. Da geht die einzelne, sich vorantastende Stimme schnell unter.

Nach der Pause steht mit Anton Bruckners f-Moll-Messe Thielemanns Kernrepertoire auf dem Programm. Neue Perspektiven oder radikale Interpretationen darf man von ihm nicht erwarten, er lässt Bruckner so spielen, wie er es für traditionell hält. Beeindruckend ist das alle Mal. Die Messe ist in erster Linie ein Vokalwerk, eine Anrufung des Herrn durch die Menschheit. Für diese steht der Chor und ihn stellt Thielemann klar in den Mittelpunkt. Im von Gijs Leenaars einstudierten Rundfunkchor hat er dafür das bestmögliche Instrument in der Hand. Der Chor beherrscht das gesamte Spektrum von opulenter, ins weite weisender Kraft bis zu zartester Innigkeit, vom weltumspannenden Jubel bis zur einsamen Klage unermesslichen Leids. Sein Klang ist satt, nuanciert, oft strahlend, aber auch hart, wenn es erforderlich ist. Das Pathos ist ihm nicht fremd und es passt natürlich zu diesem Herzenserguss des gläubigen Katholiken Bruckner. Dazu ein berückend samtig voller Streicherklang, der den Teppich bildet, auf dem die menschliche Stimme gen Himmel schreitet.

Dabei setzt Thielemann immer wieder auf die Nähe des Gegensätzlichen. Etwa im einleitenden Kyrie: Da folgt auf ein Anschwellen opulenter Erhabenheit ein Chor-A-Capella von fast erschütternder Verlorenheit, karger Schlichtheit, die den Raum mit Stille füllt. Oder der Kontrast zwischen Sanctus und Benedictus: Ersteres extrem kompakt, konzentriert, kraftvoll, letzteres ausladend dahinfließend, ruhig auf den exquisiten Streichern dahingleitend und sich gleichzeitig vorantastend. Aus dem Fluss wird wiederholt ein fast angsterfülltes Suchen, zart, durchsichtig, beinahe fragil. Dann das den Abschnitt beschließende Hosanna: Im Tonfall wie das Sanctus, konzentriert, selbstbewusst, von allem Zweifeln befreit. Fast wirkt es wie eine leere Behauptung. Oder das Agnus Dei: Es schwingt hin und her zwischen An- und Abschwellen, Massierung und und Reduktion, dem Drang ins Weite, in die Welt und der Sehnsucht nach Innerlichkeit, dem privaten Zwiegespräch mit dem Höchsten. Strahlen und Innigkeit stehen neben- und beieinander, das Ende ist ein Innehalten. Nicht mehr.

Das Herzstück des Werks ist natürlich das Credo und hier findet Thielemann wieder den dramatischen Gestus. Wo sich das Gloria noch weitgehend bruchfrei gestaltet, stellt er nun die unterschiedlichen Teilabschnitte, die Etappen menschlicher Suche nach und Ringen mit Gott, Seele, Universum, klar abgetrennt nebeneinander, verleiht ihnen ihre je ganz eigene Wahrheit. Dabei kommt dem Sänger*innen-Quartett eine wichtige Rolle zu, vor allem Tenor Michael Schad, der mit Subtilität, Wärme in der Stimme und Klarheit im Ausdruck eine fast archaisch wirkende Klangfarbe erzeugt, welche die anderen Solist*innen gern aufnehmen. Sie singen sich nicht in den Vordergrund, sondern bringen sich ein, in ein großes Ganzes, das zumindest klanglich mehr scheint als die Summe seiner Teile. Das Credo fährt durch tiefe Täler und erklimmt die höchsten Gipfel, es wallt auf und zieht sich ins Pianissimo zurück, sucht die Welt und verschwindet ganz tief drinnen, ist unendlich zart und beinahe unerträglich wuchtig. Ja, Christian Thielemann neigt zuweilen zur Übertreibung, lässt das Kraftvolle mitunter ins Kraftmeierische kippen und ist doch meist ganz nah bei Bruckner. Die ist ein Anrufen einer höheren Macht, eines höheren Wertes durch die Menschheit und es schämt sich dessen nicht. Wer Distanzierung wünscht, ist hier fehl am Platz. Thielemann lässt den Hörer eintauschen in das Klangen, das Jubeln, aber auch das Pathos. Die Postmoderne scheint unendlich weit entfernt.

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2 Gedanken zu „Mittendrin

  1. Ich fand, Gidon Kremers stärker gebrochener, „leidender“, nicht immer gesanglicher Ansatz hat dem Werk gutgetan.

  2. Schlatz sagt:

    Aha, Sie auch schon wieder 🙂 Ich muss gestehen, bei der Messe von Bruckner ging’s mir wie Walther von Stolzing in den Meistersingern: „Das klingt mir alles fremd vorm Ohr“.

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