Lachen am Abgrund

Frank Peter Zimmermann und die Berliner Philharmoniker unter Alan Gilbert spielen Werke von Adams, Bartók und Tschaikowski

Von Sascha Krieger

John Adams ist in diesem Jahr „Composer in Residence“ der Berliner Philharmoniker. Dies erfordert natürlich, dass Werke des amerikanischen Komponisten regelmäßig in Konzertprogrammen auftauchen. Das lässt sich auf unterschiedliche Weise anstellen: Man kann sie in den Mittelpunkt stellen, wie zuletzt beim Musikfest Berlin geschehen, als Adams selbst ein ganz aus eigenen Werken bestehendes Programm leitete – oder man wählt eine Variante, wie man sie bei zeitgenössischer Musik leider immer noch viel zu oft erlebt: Man verpackt möglichst kurze, idealerweise nicht zu sperrige Werke in ein Programm, in dem Traditionelleres dominiert, als keine Extras oder Appetitanreger. Alan Gilbert, Adams‘ Landsmann und noch Chefdirigent des New York Philharmonic Orchestra, hat sich für letzteres entschieden. Er stellt zwei kurze Werke Adams‘ – vier und sechs Minuten lang – an den Anfang der beiden Konzertteile, als möglichst verdauliche und zumindest nicht allzu störende Vorspeisen.

Alan Gilbert (Bild: Chris Lee)

Alan Gilbert (Bild: Chris Lee)

Den Anfang macht Short Ride in a Fast Machine, ein von treibendem Rhythmus geprägtes Stück aus dem Jahr 1986. Gilbert setzt scharfe Kanten, arbeitet die alles bestimmende Rhythmik klar heraus, erzeugt einen spannenden Dialog zwischen Woodblocks und Streichern, in dem mal die eine, mal die andere Komponente die Oberhand gewinnt. Die Farbigkeit ist reduziert, der Rhythmus beherrscht alles. Das kippt gegen Ende durchaus ins Gewalttätige, ein Sog, der sich nicht bremsen lässt. Eine überraschend düstere Interpretation. Alles andere als beliebig auch später das einst für Sir Simon Rattle komponierte Lollapalooza aus dem Jahr 1995. Exzellent die Herausarbeitung der verschiedenen klanglichen Schichten in ihrer Gleichzeitigkeit und Gegenläufigkeit, das neben-, Mitten- und Gegeneinander der Rhythmen und Klangfarben. Vor allem die synkopierten Bläsermotive bringen das komplexe Gebilde zunehmend – wie von Komponisten intendiert – zum Tanzen. Davon hätte man gern mehr gehört, doch so bleibt das Zeitgenössische Episode.

Nicht, dass sich der Rest des Programms nicht lohnte. Béla Bartóks zweites Violinkonzert ist unter den Händen Gilberts und vor allem des Solisten Frank Peter Zimmermann fast als Offenbarung zu bezeichnen. Musikwissenschaftler weisen gern auf die vermeintliche Diskrepanz zwischen der Leichtigkeit des Werks und der Düsternis der politischen Situation, in der es entstand, hin. an diesem Abend ist davon wenig zu spüren. Vor allem bei Zimmermann ist das Dunkel nie weit, vor allem dann nicht, wenn es am hellsten ist. Der warme, fließende Gesang des Anfangs klingt im Nachhinein fast wie eine Falle, so schnell kippt die Stimmung, so radikal die die Wechsel in Ton und Ausdruck, die Zimmermann vollführt. Ein warmer, satter Ton schlägt um in rhythmische Härte, fließende Sanglichkeit in raue Fahlheit, selbstbewusste Breite in fragile Brüchigkeit. Der volksliedhafte Beginn fällt bald in eine mäandernde Suche, die ihr Ziel bald aus den Augen verliert und stiller Verzweiflung näher ist als freudigem Optimismus. So wirkt gerade der Kopfsatz ungemein zerklüftet, zerrissen gar, streben Solist und Orchester wiederholt auseinander, um sich bald darauf wieder aneinander zu klammern. Von fast erschreckender Rauheit die Kadenz, ein einsames Ringen ohne doppelten Boden.

Unruhig geht es auch im langsamen Satz weiter, in dem das Orchester noch weiter zurücktritt und die Violine weitgehend auf sich allein gestellt bleibt. Die Variationenfolge zerfällt in unverbundene Episoden, die voneinander nicht weiter entfernt sein könnten. Zimmermann interpretiert jede für sich allein, verweigert den gemeinsamen Nenner, zerklüftet die musikalische Landschaft immer weiter. Zwischen sanft fließendem Spiel und harten, perkussiven Schlägen scheint ein Zusammenkommen kaum mehr möglich. Und so wirkt das Finale dann fast panisch, kollidiert der treibende Grundgestus mit Momenten der Verlorenheit – die vor allem wieder Zimmermanns fragilem Klagegesang gehören – stellt sich ein ratloser, zuweilen verrätselter Grundton ein, den die hektische Betriebsamkeit anderer Passagen nicht ausmerzen kann. Der explosive Schluss ist so betont freudig, dass er droht, ins Hysterische zu kippen. Das Lachen am Abgrund ist kein Hoffnung spendendes. Was Gilbert und vor allem Zimmermann hier mit Bartóks Werk anstellen, ist eine radikale (Um-)Deutung, die jedoch in ihrer Stringenz und Logik in jeder Sekunde besticht.

Nun ist bekanntlich, wo Licht ist, auch Schatten. Dieser weilt über dem Schlachtross, das Alan Gilbert am Ende in die musikalische Arena schickt. Peter Tschaikowskys vierte Symphonie hebt überraschen unscharf an, klanglich beinahe dumpf, ohne Ecken, Kanten oder auch nur Konturen. Von Anfang an legt eine bleierne Schwere über dem Werk, die es nie ganz los wird. Der Reichtum an Kontrasten, die Variabilität der vorangegangenen Werke wird aufgegeben zugunsten eines Einheitstons, der in seinen besseren Momenten dramatisch, in den schwächeren nur schwer zu nennen ist. Klangdichte und Konturenschärfe nehmen im Laufe des Kopfsatzes zu, doch das Energieniveau bleibt steigerungsfähig. Der zweite Satz gelingt besser, liegt der Fokus hier doch klar auf der Melodik, der Gesanglichkeit, dem Dialog des einsamen Rufs der Solo-Oboe mit der breiten Streicherdecke. Recht lebendig auch der dritte Satz, in dem vor allem das Ausdrucksspektrum der durchgehend pizzicato spielenden Streicher beeindruckt. Zwei solide Sätze, in denen die Philharmoniker ihr Können zeigen, nicht weniger, nicht mehr.

Das Finale gerät dann vollends aus den Fugen. Wie um die Unschärfe des ersten (und zum Teil auch des zweiten) Satzes wettzumachen, schlägt das Pendel nun in Richtung Überdeutlichkeit aus. Zusammenhanglos folgen Abschnitte unterschiedlichen Ausdrucks aufeinander, plakativ ist der dramatische Gestus, und die Lebhaftigkeit kippt zunehmend in Überdrehtheit. Aufgeregt geht das Werk zu Ende, wie eine Schallplatte, bei dem man versehentlich eine zu hohe Abspielgeschwindigkeit erwischt hat. Das Werk kommt an diesem ansonsten gelungenen Abend nie zu sich. Etwas schatten nach einer ganzen Menge Licht.

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Ein Gedanke zu „Lachen am Abgrund

  1. Schlatz sagt:

    Ja, war kein ganz runder Abend

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