Im Kasperletheater der Geschichte

Peter Weiss: Marat / Sade, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Stefan Pucher)

Von Sascha Krieger

Am 8. November 2016 wäre Peter Weiss 100 Jahre alt geworden. Das HAU hat ihm deshalb zu Spielzeitbeginn ein ganzes Festival gewidmet, am Deutschen Theater, das sich in diesem Jahr mit den Spielzeitmotto „Keine angst vor Niemand“ betont politisch gibt, reicht es immerhin für eine Neuinszenierung im großen Saal. Dass die Wahl dabei auf Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats, dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade – der vollständige Titel sollte einmal genannt sein – liegt, ist doppelt erklärlich. Zum einen ist das Stück neben Die Ermittlung zweifellos Weiss‘ bekanntestes und populärstes – zum anderen passt es wohl auch am besten in unsere Zeit. Mit der – fiktionalen – Konfrontation des Revolutionärs und Verfechter gesellschaftlicher Bewegungen Jean Paul Marat und des radikalen Individualisten Marquis de Sade zielte Weiss sehr deutlich auf die Restorations- und Verdrändgungsbemühungen Nachkriegsdeutschland. In einer Zeit, in der sich so mancher berechtigt fühlt, auf Weiss‘ Frage „Wer ist das Volk!“ mit einem exklusiven „Wir!“ zu antworten, in dem Geschichtsvergessenheit und Schlussstrichverlangen sich erneut mit gesellschaftlich sanktioniertem Egoismus paaren, schreit das Stück geradezu nach einer neuerlichen Hinterfragung.

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Bild: Arno Declair

Es ist zu vermuten, dass solcherlei Überlegungen auch die DT-Verantwortlichen bei ihrer Programmplanung umgetrieben haben mögen. Warum sie das Werk dann ausgerechnet in die Hände des Schweizer  Stefan Pucher gaben, der nicht gerade als dezidiert politischer Regisseur und radikaler Vergegenwärtiger bekannt ist, wird womöglich ihr Geheimnis bleiben. Dass Pucher gleich den Stücktitel, wie heute nur allzu gern getan, verkürzt, ist programmatisch zu nennen. Denn Verkürzung ist tatsächlich so etwas wie das Grundprinzip des Abends. Das geht bei den Figuren los: Die Darsteller*innen leihen ihnen ihre Köpfe, den Rest des (Puppen-)Körpers haben sie sich vor die Bäuche geschnallt. Die Revolutionäre und Widerständler, die großen Helden und Bösewichte der Weltgeschichte, die Veränderer der Geschichte und Weichensteller für Demokratier und Menschenrechte ebenso wie für ihre bis heute reichende Volatilität – sie sind hier wenig mehr als lächerliche Kasperlefiguren auf einer Jahrmarktbühne. Eine solche hat Barbara Ehnes Pucher als Spielfeld gebastelt, im Inneren eine sich verjüngende Flucht schön gezimmerter Bühnenebenen, die an eine Spiegelkaskade erinnern (sollen?).

Und ein Spektakel ist es, was sich da abspielt: Sades theatrale Adaption von Marats Tod, die Weiss als Rahmenhandlung setzt, wird bei Pucher zur Jahrmarktsrevue. Schamlos wird sich ans Publikum herangewanzt, die Utopie vom freien Menschen gerät zur großen Show-Nummer, wesentliche Elemente der Geschichte gibt es als durchaus gefälliges Musical serviert, dazwischen gebiert sich Felix Goesers Sade als cholerischer Regisseur irgendwo zwischen Laienspieltruppe und subventioniertem Stadttheater. Surreal expressionistische Filmschnipsel dürfen ebenso visuell beeindrucken wie malerische Tableaus, während das schenkelklopfend karikatureske Kasperletheater der ersten Hälfte später zu einem nicht minder plakativen Schauermärchen in fahlem Schwarz-Weiß und grotesk zu Untoten überschminkten Darsteller*innen-Gesichtern mutiert. War der Schrecken der Massenhinrichtung zu Beginn – komplett mit Guillotine und aufgespießten Schauspieler*innen-Köpfen – noch ein schaurig schönes Revuespektakel, feiern später die Geköpften weniger fröhlich Urständ.

Keine Frage: Stefan Pucher bietet viel fürs Auge und einiges fürs Ohr. Für das Zuschauer*innen-Gehirn bleibt da leider nicht mehr viel übrig. Die Inszenierung prügelt so lange auf das metatheatrale Pferd ein, bis es mausetot ist und jegliche seelische Substanz sich längs davon gemacht hat. Der Grundkonflikt der Grundprinzipiel Gesellschaft und Individuum schnurrt zusammen auf doie Auseinandersetzung zwischen dem ideologischen Phrasendrescher Marat, dem Daniel Hoevels so viele Distanzierungsebenen verleihen darf (muss?), dass im Vergleich zu ihm eine Briefmarke dreidimensional erschiene, und dem menschenverachtenden Zyniker Sade. Die Trennung der verschiedenen Sade-Inkarnationen verpufft dabei ebenso wie die Gegenwartsebene – das Herzstück von Weiss‘ Drama – das Anita Vulesica als Moderator*in-/Spielleiter*in-Hybrid auf die rein theatrale Ebene reduziert. Der Konflikt wird zu einem zweier lächerlichen Alternativen: Die penetrante Dauer-Ironie verleumdet Marats utopische Menschheitsvision wie Sades Feier menschlicher Freiheit gleichermaßen als Albernheiten. Der Chor des Volkes, gegeben von einem Dutzend Schauspiel-Student*innen, tritt ähnlich clownesk auf: uniformiert in Anzugkarikaturen, mit weißegeschminkten Geichtern, grell-roten Mündern und Einheitsperücken, ist es die homogene Menge, als die wir es viel zu oft verniedlichen. Es folgt seinen Wortgebern – unreflektiert und aggressiv, ohne wirklich zu Wutbürgern unserer Zeit zu werden – da sei der ironische Grundgestus vor. Nein, hier gibt es inhaltlich und substanziell nichts zu sehen, bitte gehen Sie weiter.

Das wäre an sich ja auch eine Aussage: Das ganze Visionäre des politischen Diskurses, die Revolutionsromantik, das hohle Pathos – es ist alles nichts, wir müssen und davon befreien, wenn wir als Menschen, als Gesellschaft und als Dazwischen irgendwo hinwollen. Aber nein, auch das verweigert Pucher: Er schüttet gleich mal jegliche politische Idee als lächerliche Hybris mit aus, macht sich über sie lustig und ist da gar nicht mehr so weit entfernt von den Lügenpresse-Krakeelern und „(Politikername einsetzen) muss weg“ Rufern dieses und anderer Länder. Was Stefan Pucher vielleicht auch schwant. Und so sind die letzten Minuten denn doch bemerkenswert. Gerade hat Goehlers Sade den Vorhang gefordert, beginnt das Publikum bereits zu klatschen, da geht das Licht noch einmal an. Hoevels steht da, ganz in Schwarz und trägt die Rede vor, die Marat am Tag nach seiner Ermordung halten wollte. Ganz ruhig spricht er von der Krise, in der das Land stecke und wie es eines starken Mannes, eines echten Vertreters des Volkes bedürfe, sie zu lösen. Und plötzlich schieben sich andere Töne und Bilder über die stillen Worte: Reden aus Dresden oder Erfurt,  grinsende Landtagswahlgewinner und ein Immobilienmilliardär aus den USA. Und dann ist er auch schon da: der immer aggressiver werdende Mob, der in die Falle tappt, den Köder schluckt. Ganz individuell jetzt und sich doch in der Masse versteckend. Das klingt wie eine Wahlkampfveranstaltung in Michigan oder ein Einheitsfeiertag am dem Dresdner Neumarkt. Da ist sie plötzlich da, die Wirklichkeit, ganz nah und bedrohlich. Hätten wir doch nur zuvor die eineinhalb Stunden Kasperletheater nicht erdulden müssen.

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