Es ist kompliziert

andcompany&Co.: Not my revolution, if…: Die Geschichten der Angie O., Hebbel am Ufer (HAU1), Berlin

Von Sascha Krieger

„Merry crisis and a happy new fear!“ Einen Monat vor Weihnachten haben andcompany&Co. die passende Botschaft zum Ende eines Jahres im Gepäck, das von nicht wenigen als beinahe apokalyptisches empfunden wird: Brexit, Trumps Wahlsieg, die Etablierung der AfD, ein möglicher rechtsextremer Bundespräsident in Wien, dazu reihenweise Todesfälle kultureller Ikonen – so mancher literarische Fundamentalist würde den Literaturnobelpreis für Bob Dylan auf diese Liste setzen – das Gefühl, dass die Welt, wie wir sie kennen, vor dem Ende steht, ist weit verbreitet. Und Gefühle sind wichtig, vielen offenbar wichtiger als Tatsachen – nicht umsonst ist „postfaktisch“ kürzlich zum Wort des Jahres erkoren worden. Die Krise, daran erinnern andcompany&Co., ist natürlich keine neue. Sie begann, wie uns Claudia Splitt in einem schmissigen Sprechgesang vorträgt, spätestens im Jahr 1929, wiederholte sich seitdem in schöner Regelmäßigkeit und will mittlerweile gar nicht mehr weggehen. Die Krise, das ist natürlich jene des Kapitalismus, Grundübel der Menschheit, Wurzel alles Bösen, man kennt das.

Bild: Sascha Krieger

Bild: Sascha Krieger

Gut, dass es Angie O. gibt. Sie ist keine Figur, die ist das Grundprinzip der Verweigerung, des Widerstands gegen Kapitalismus, Ungerechtigkeit, Globalisierung, ein Widerstand, der selbstverständlich selbst global sein muss, um Wirkung zu zeitigen. Der Name ist natürlich ein Wortspiel, erinnert an NGO, also „Nichtregierungsorganistaion“, was später eine schöne Wortspielkaskade zum „Nichtregieren“ auslöst, denn regiert wird ja eigentlich nicht, vor allem von den so genannten Regierenden, und das ist eigentlich gut, aber natürlich auch nicht. Aber auch der Widerstand ist zwiespältig: Man braucht Organisation, um etwas auszurichten, aber ist Organisation, ein bisschen simplistisch gleichgesetzt mit Hierarchie, nicht der Feind? Und dann ist da die Pyramide. Man kennt das: 10 Prozent der Weltbevölkerung gehören über 80 Prozent des Reichtums, 50 Prozent dagegen nichts. Aber die Pyramide ist auch das Zelt, das die Occupy-Bewegten überall auf der Weltr aufschlagen, ihre eigene Pyramide, jene der Mittelschicht (die übrigen 40 Prozent). Oder um es mit der berüchtigsten aller Online-Beziehungsstatus-Meldungen zu sagen: Es ist kompliziert.

Irgendwie ist das auch das Motto des Abends. Vier Performer*innen stehen auf der Bühne, zwei Deutsche, zwei Niederländer. Sie geben Anhänger*innren von Angie O., Aktivist*innen gegen alles und überhaupt und für, na gut, das müssen wir noch entscheiden. Die Lagerfeuerromantik des Beginns – in breitestem Woody-Guthrie-Englisch wird da die Ballade der Angie O. angestimmt – verfliegt schnell, aber ebenso schnell wird auch gesandcompanytritten. Wie sieht „richtiger“ Widerstand aus? Bringt er überhaupt etwas und wie findet man das heraus? Sind Gruppen gut oder schlecht, wie wird man zu einer und will man das überhaupt? Ist Handeln möglich – über die gequält metatheatrale Ebene, basierend auf der Wortverwandschaft „actor“ – „act“ und die Straße als Bühne schweigen wir hier lieber – und wenn ja, warum eigentlich nicht? Und überhaupt, was ist mit dem Kaffee?

andcompany&Co. sind verwirrt und machen diese Verwirrung zum Prinzip des Abends. Das geschieht schon auf ästhetischer Ebene: Vom Diskurstheater geraten wir zum Schauerstück, von Satire zur Farce, vom Realismus zum Musical. Ein bisschen Tanztheater ist auch dabei – Krisjan Schellingerhout etwa verbringt gefühlt einen Großteil des Abends damit, sich auf dem Boden zu winden und den Kontrollverlust übder seinen Körper vorzuführen. Ach ja, Körper: Um den geht es auch, denn der Widerstand sei nur ein Geist, der einen Körper brauche. Das ist dann der Widerständige, müsste aber der Kollektivkörper der Weiltbevölkerung sein. Doch die stellt sich sich als gesichtslose, uniformierte Puppen dar, auf denen sich am Ende traurig David Bowies „The Man Who Sold the World“ spielen lässt (es gibt übrigens auch noch etwas von Leonard Cohens letztem Album – siehe oben). Nein, mit denen lässt sich der „Third Space“, der dritte Ort, das Dazwischen, das Niccht-Weiß und Nicht-Schwarz, nicht erreichen.Er soll das Ziel sein, eine andere, neue, gerechtere Weltordnung, ja, aber auch ein Aufbrechen des Entweder-Oder, des Seitenwählens, einer Gemeinschaft, die eben nicht mehr in Polaritäten, in Nullen und Einsen denkt, die nicht glaubt, B sagen zu müssen, wenn A gesagt wurde, sondern die das Prinzip der Null verehrt, der Negation des A oder B, der Aufhebung der Notwendigkeit.

Am Ende lässt der Abend den Zuschauer ratlos zurück, überfordert, verwirrt und nun ja, auch ein wenig genervt. Denn irgendwie lässt zumindest diesen Rezensenten die Vermutung nicht los, dass die wahnwitzigen Assoziationsschleifen, die immer abstrakteren Diskurskaskaden, der ganze manisch panische Ausweglosigkeitsrausch und das Genredurcheinander womöglich vor allem eines verbergen: eine große gedankliche und diskursive Leere, eine Ratlosigkeit, die selbstverständlich absolut legitim wäre, in einer Welt, die vor allem einem Facebook-Beziehungsstatus entspricht. Nur schürt der Abend durch seine Geschwätzigkeit, seinen Gestus des Die-Welt-Durchschauens und des Die-Zusammenhänge-Verstanden-Habens eine andere Erwartung. Nämlich die, zumindest einen Ansatz für Antworten parat zu haben. Aber nein, da sei die Ironie vor, die nicht nur jede Lösungsidee ob ihrer Anmaßung ins Lächerliche zieht, sondern auch die Fragen nicht verschont. Und so bleibt am Ende eigentlich nur eine: Worum ging es hier eigentlich? Wie gesagt: Es ist kompliziert.

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