Im Reich des Absurden

Love it or leave it! Ein Projekt von Nurkan Erpulat & Tunçay Kulaoğlu, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Nurkan Erpulat)

Von Sascha Krieger

Menschen sitzen in einem irgendwann einmal liebevoll eingerichteten Zimmer mit depressiv dunkelblauer Tapete. An der Wand Bilder ehemaliger Präsigenten. Das Zimmer ist nach hinten verjüngt, eine klaustrophobische Zelle, aus der zu entrinnen nur Illusion bleiben kann. Die Menschen: reglos, Tee trinkend, das einzige Geräusch der traurige Chor gegen Glas schlagender Löffel. In der Mitte ein Abgrund, aus dem Dampf aufsteigt. Eine Frau hat eine Schlinge um den Hals. Nichts passiert. Irgendwann schlägt ein Mann auf der Orgel in der Ecke ein paar Töne an, immer die gleichen. Mechanisch, wie aufziehbare Puppen, beginnen die Gestalten zu tanzen. Ausdruckslos, gequält. „The End“ von den Doors, in Musik gegossener Weltekel, bricht ab, hebt wieder an, zwingt die zunehmend frustrierten Gestalten dazu, sich wieder ihren vorgegebenen Bewegungen zu ergeben. Irgendwann wird alles zu viel, beginnen sie den Raum zu zerlegen, nur um ihn gleich darauf, resigniert wieder herzurichten.

Bild: Esra Rotthoff

Bild: Esra Rotthoff

Das ist die Türkei im Jahr 2016 – nach dem Putsch und auf dem Weg in die Diktatur – in den Augen von Nurkan Erpulat. Ein gelähmtes Land, ein Land des Stillstands, festgefahren, resigniert, kämpfend darum, einfach nur weiter machen zu können. Es ist ein sehr starker Start, den dieser Abend hinlegt. Wortlos, enervierend still, anstrengend. Etwa eine halbe Stunde lang geschieht nichts als mechanisches Dahinvegetieren, eine Gesellschaft im Hamsterrad, die längst vergessen hat, wo sie einmal hinwollte. Wenn Taner Sahintürk dann endlich anfängt zu sprechen, hören wir – Kauderwelsch. Ein Fantasie-Türkisch, angereichert mit den paar Brocken, die auch der „mehrheitsdeutsche“ erkennen kann. Der theatrale Monolog als leere Hülle, die für nichts mehr steht, nichts bedeuten will, nichts aussagt. Da bleiben nur die elementaren Bedürfnisse, symbolisiert durch von der Decke Bananen, die zu erreichen man ersehnt, doch die nie zu greifen sind. Die Bananenrepublik Türkei ist da nicht weit – in einer späteren Szene geht es um die Korruptions- und Schwarzgeldskandal, in den auch die Familie des derzeitigen Präsidenten verwickelt gewesen sein soll. Der Abend ist anspielungsreich, eine vorherige Lektüre des ausgehändigten Glossars sehr zu empfehlen.

Erpulat sieht die heutige Türkei als absurdes Theater, in den gewartet wird auf das, von dem man weiß, dass es nicht kommen wird, wo gesellschaftliches Zusammenleben zur bitteren Groteske wird, der Alltag zur lächerlichen Farce, die Führerverehrung zur Slapsticknummer und die Familie zum zynischen Versuchsobjekt. Eindringlich die Szenen, in denen Tim Porath als Mischung aus Psychotherapeut und islamischen Prediger eine liberale Familie in eine Familienaufstellung zwingt, in der die – natürlich patriarchale – Ordnung wiederhergestellt ist. Was natürlich am Ende in den – buchstäblichen – Abgrund führt. Als lebensfähig erscheint diese erstarrte Welt nicht und doch zeigt der Abend, wie widerständig sie doch ist. Ums Weitermachen geht es, etwa wenn Porath als tränenerstickter Ehemann seine Gattin (Lea Dräger), die gerade, natürlich vergeblich, versucht hat sich umzubringen, anfleht, ihr Leben als Fassade weiterzuführen. Und so sitzen sie am Ende wieder alle zusammen, trinken Tee, die Augen leer, steht Dräger auf zum Tanz, wenn das Licht erlöscht.

Love it or leave it! ist ein anstrengender Abend. Er hat jede Menge Leerlauf – man denke etwa an Mehmet Yilmaz‘ müde, doch am Gorki mittlerweile fast obligatorische Wutrede (die zudem den narrativen Bogen gründlich zerstört), ist mindestens eine Stunde zu lang geraten, verlässt sich zu sehr auf Insider-Jokes (Glossar!), nur um gleich darauf ins Plakative zu kippen. Die Szenen haben etwas von Nummernrevue und sind nicht auf gleichem künstlerischen wie inhaltlichen Niveau. Manchen ist eindringlich, anderes albern banal. Und doch schafft der Abend etwas erstaunliches: ohne irgendeines der offensichtlichen Probleme der Türkei direkt anzusprechen, vermittelt er etwas von der Absurdität dieses Landes im lähmenden Griff einer autokratischen Ideologie, deren Basis so dünn ist, dass man sich wundert, wie wenige ihre Lächerlichkeit zu erkennen scheinen. Und die doch das Land fest im Würgegriff hat (auch dies übrigens ein Bild, das wiederkehrt). Fluchtillusionen bleiben auf Rattenfängerniveau und führen auch nicht weiter, das schmale Fenster, durch das Philipp Haagens Tuba lockt, ist auch nur eine Falle. Das Weiter-so kommt von innen, aus dem Individuum, aus der Familie, und es ist, was diese Groteske erst erzeugt, in der die Logik versagt und als seltsamer Außerirdischer beäugt wird. Die Stimmung kippt zunehmend ins Albtraumhafte, woran Haagens repetitiv-suggestive Musik und Sahintürks blutbeschmierter Geist eines lang vergessenen Dissidenten ein gehöriges Maß beitragen. Die Türkei 2016 – eine groteske Geisterwelt in kollektiver Lähmung und albtraumhaftem Rausch. Ein einziger Widerspruch, der sich nicht auflösen lässt. Am Ende bleibt nur das Weitermachen.

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