Der spinnt, der Beethoven

Sir Roger Norrington dirigiert das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin mit den achten Symphonien von Mozart, Vaughan Williams und Beethoven

Von Sascha Krieger

Es geschieht am Ende des Kopfsatzes von Ludwig van Beethovens Symphonie Nummer 8: Da dreht sich Sir Roger Norrington, der Satz ist gerade ziemlich unvermittelt zu Ende gegangen, zum Publikum, sein spitzbübisches Lächeln im Gesicht und führt den Zeigefinger an seine Schläfe. Der spinnt doch, der Beethoven. Drei achte Symphonien hat Norrington auf das Programm gesetzt, Mozarts und Beethovens umrahmen die von Ralph Vaughan Williams, durch dessen gesamtes symphonisches Werk Norrington und das DSO sich seit einiger Zeit arbeiten. Das erscheint wie eine willkürliche, vielleicht auch ironische Setzung, doch am Ende dieser knapp zwei Stunden hat der sanfte Brite wohl auch den letzten Zuhörer überzeugt: Dieses musikalische Zahlenspiel ergibt Sinn. Drei Werke, die herausstechen, die kaum hineinpassen wollen, in das symphonische Gesamtwerk ihrer Schöpfer, Werke voller Brüche und Wendungen, die den Hörer herausfordern, auf falsche Fährten locken, sich und ihre Gattung hinterfragen. Drei werke, deren Grundprinzip der Kontrast ist, der Widerspruch, das Aufeinanderprallen des Gegensätzlichen.

Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin (Bild: Kai Bienert)

Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin (Bild: Kai Bienert)

Los geht es mit einem Produkt ungeheurer Hybris. Wolfgang Amadeus Mozart hat seine Achte (!) im Alter von zwölf Jahren verfasst und er stellt mit ihr den Anspruch, sich auf Augenhöhe mit dem großen Haydn zu begeben, einen Anspruch, dem das 15-minütige Werk ohne Zweifel standhält. Norrington zumindest nimmt es ernst und lässt ihm doch die kindliche, spielerische Neugier. Auffällig an diesem Werk ist nicht zuletzt, wie sehr Mozart mit dynamischen Kontrasten spielt, wiederholt auf engstem Raum von Fortissimo zu Pianissimo und zurück wechselt. Diese eigene Art musikalischer Dramatik arbeitet Norrington deutlich heraus, sie bildet den Kern seiner Interpretation. Dabei kommt Norrington seine Vorliebe für historisch informierte Aufführungen entgegen. Die Zügel sind straff, die Tempi schnell, die Phrasierung so knapp, wie es gerade noch geht. Da ist kein Gramm Fett am musikalischen Körper, was von Beginn an höchste Spannung erzeugt. Norrington entlockt dem DSO eine sehr klassische klangliche Balance, die Farbenreichtum erlaubt und in den Dienst des Gesamtzusammenhangs stellt. Laut und leise, schnell und langsam diesen als Pole eines Energiequells, der von der ersten bis zur letzten Note zuweilen regelrecht explosive Kraft erzeugt. Hier will einer die Welt aus den Angeln heben und gleichzeitig unterhalten, dem Ohr schmeicheln. Ei.n strenges Korsett erlaubt Lebendigkeit und Schwung im Detail, Schwere und Leichtigkeit bleiben durchgängig im Dialog. Musik als Dialektik. Am Ende des zweiten Satzes blickt Norrington ein erstes Mal erstaunt in den Zuschauerraum. Als könne er selbst nicht glauben, was er da dirigiert.

Sehr ähnlich sein Beethoven. Auch hier: schnelle Tempi, knappste Phrasierungen, viel Zug, starke Kontraste in Tempi, Dynamik, Klangfarben. Starke, explosive Verdichtungen befinden sich im Wechsel mit fließend gesanglichen Passagen, kraftvolle Entladungen stehen neben – und gegen – leichtfüßiger Gesanglichkeit. Was bei Mozart noch als Spiel der Gegensätze erschien, prallt hier ungebremst aufeinander. Beethovens Achte steht meist im Schatten ihrer berühmteren Nachbarn. Hier entfaltet sie eine fast anarchische Kraft, welche die Gewissheit ihrer Geschwister ablehnt und Fragen stellt. An sich selbst, sie, die Gattung. Als Tour de Force mit Ecken und Kanten liest Norrington sie, als Vulkan, der in jedem Moment droht auszubrechen und alles mit sich zu reißen, was zuvor so sicher und gewiss erschien. Zuweilen fühlt man sich an Nikolaus Harnoncourts epochale Beethoven-Sprengungen erinnert – Norrinton erweist sich an diesem Abend als Bruder im Geiste. Im Finale etwa zerfällt das Gebilde mehrfach fast, fokussiert Norrington auf die musikalischen Brüche, dehnt er Pause auf kaum erträgliches Maß aus. Hier kommen auch die Klangfarben ins Spiel: Norrington stellt sie einander so kontrastierend gegenüber, wie er es zuvor schon mit Tempi, Dynamik und Rhythmik gemacht hat. Am Schluss hat das Werk Mühe, eine Art Zusammenhalt überhaupt noch zu behaupten. Hier löst sich etwas auf, um Raum für Neues zu machen. Vielleicht Beethovens aus dem Geist des Zersplitterten entstehende Neunte, vielleicht geht der Blick dann aber schon zwei Jahrhunderte weiter.

Womöglich zu Vaughan Williams, dessen Achte von den beiden Wiener Klassikern umrahmt wird. Auch hier dominiert der Kontrast, schält Norrington dynamische Wechsel heraus, setzt er die musikalische Welt zunächst zusammen aus Klangfarben, welche die Spannung zwischen sich nie aufgeben. Träumerisch der Beginn des Kopfsatzes, vital hüpfend, fast sprunghaft der zweite Teil der Fantasie. Sieben Teile sind es, jeder mit eigenem, dem Vorgänger in den Rücken fallendem Charakter, die sich doch wie selbstverständlich aneinander reihen. Punktuelle Rhythmik und fließende Breite sind die Pole, die den Kopfsatz prägen, der Drang nach außen und der Zug nach innen. Das Klangbild erweist sich als Hauptschauplatz des Konflikts: Mach verdichtet es sich zu intensivster, schlanker Kompaktheit, dann wieder strebt es auseinander, verheddert sich beinahe in Unschärfen, streift den Rand des Durcheinanders.

Zwischen Zusammenballung und Loslösung entbrennt ein Dialog, der Spannung erzeugt, die bis zum Ende anhält, auch wenn der allein den Bläsern überlassene zweite Satz ein wenig an Energie vermissen lässt. Wie beiläufig geht er dahin, ganz im Gegensatz zur Unruhe des dritten, in dem nur die Streicher spielen. Das Klangbild fächert sich auf, der Satz wird zur Folge lose verbundener Episoden, der Zusammenhang schwindet zunehmend, die konzentrierende Gegenbewegung wirkt zuweilen fast brutal. Hier setzt der Schlusssatz an, der zugleich den ersten zu Tatsächlich zu spiegeln scheint – und zu intensivieren. Traumstimmung steht neben fast gewalttätiger Verdichtung, Fragmentierung neben Zusammenballung, Zersplitterung und Drang ins Weite sind Seiten einer Medaille, das Chaos belebend und bedrohlich. Ein musikalisches Weltengemälde, expressiv, in grellen Farben und von fast impressionistischer Zartheit. Musik als Widerspruch. Was für ein Abend!

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