Schubert in der Volkshochschule

Iván Fischer dirigiert ein reines Schubert-Programm beim Konzerthausorchester Berlin

Von Sascha Krieger

Mit Marathons kennt man sich am Konzerthaus Berlin bestens aus. Die Strecke des „richtigen“ führt jeden September am Haus vorbei und auch künstlerisch hat man sich vom  Langstreckenrennen inspirieren lassen. Es war eine der ersten Amtshandlungen des neuen (und jetzt bald wieder ehemaligen) Chefdirigenten Iván Fischer, einen ganzen Tag einem Komponisten zu widmen. Den Anfang machte Beethoven, Mozart, Bach und Dvořák haten seitdem die Ehren und nun also Franz Schubert. Kernstück des „Marathons“ ist stets ein Konzert des Konzerthausorchesters unter Leitung seines Chefdirigenten, das sich auch schon vorab zweimal hören lässt, bevor es am Marathon-Tag (in diesem Jahr Sonntag, der 20. November) zum letzten Mal erklingt. Für die Schiubert-Ausgabe hat sich Fischer zwei programmatische Eckpfeiler gesetzt: Erstens sollten es nicht die ganz bekannten Werke des Wieners sein, zweitens sollte das Programm das gesamte Spektrum des Komponisten reflektieren. Am Ende stehen fünf Werke: eine Tanz-Suite, ein Lied, ein solistisches Konzertstück, eine Ouvertüre und eine Symphonie. So weit, so repräsentativ.

Iván Fischer (Bild: Marco Borggreve)

Iván Fischer (Bild: Marco Borggreve)

Nur leider klingt, was an Volkshochschul-Einführung und Urania-Vortrag erinnert, über weite Strecken auch genau so. Bloß keine Leidenschaft zeigen, scheint als Motto über dem Abend zu stehen. Das geht schon bei den „Fünf Deutschen Tänzen mit sieben Trios und Coda D 90“ los. Fischer entscheidet sich für die Streichorchesterfassung und lässt das Werk doch wie von einem Streichquartett gespielt klingen. Kammermusikalischer Klang ist nichts schlechtes und kann eine Art Intimität im Konzertsaal erzeugen, hier jedoch resultiert der Ansatz in Blutleere und einem Streicherklang, der so dünn in Berliner Konzertsälen selten zu hören ist. Die Zügel sind viel zu eng, von tänzerischem Schwung keine Spur, das Klangbild ist vollkommen farblos und wenn Fischer probiert, die Lebendigkeit hochzufahren, kippt das Spiel gleich ins Massige, Schwere. So spannend die finale Wendung ins Fahle, gekontert von der schlichten Klage der Soloklarinette, sein könnte, so wenig kommuniziert sie mit dem Rest des Werks, das museal interpretiert zu nennen schon etwas zu freundlich ist.

Viel besser wird es bei „Der Hirt auf dem Felsen“, einem späten Lied, bei dem Schubert die Klarinette als zweites Soloinstrument hinzuholt, nicht. Der Beginn verspricht noch mehr. Vorsichtig tastet sich das Orchester hinein, langsam lässt Matthias Schorns Klarinette die musikalische Landschaft aufblühen. Doch nein, bald ist alles beim alten: Das Orchester spielt wie hinter dem Glas einer Museumsvitrine, blockhaft, ausdrucksarm, Schorn verliert sich schnell in Unschärfe und Sopranistin Anna Lucia Richter versucht es mit Überdeutlichkeit. Dabei variiert sie kaum, eine stark betonte Klarheit der Phrasierung ist ihr nicht abzusprechen, erzeugt aber in Verbindung mit fehlender Variabilität und stimmlicher Wärme den Eindruck des Bemühten. Das klingt zuweilen nach Vorsingen und hat mit für den zweiten Solisten und das Orchester kaum einen Blick übrig.

Mirijam Contzen gelingt das um einiges besser: Die Geigerin begegnet dem Rondo A-Dur für Violine und Streichorchester D 438 mit gesundem Selbstbewusstsein und dem Willen, die Gesanglichkeit des Solo-Parts mit Leben zu erfüllen. Das gelingt ihr recht gut. Ihr klarer, warmer, satter Ton, der strahlen kann aber auch klagen, ihr fester, energischer, aber ungemein nuancierter Zugriff erzeugen einen melodischen Fluss, der die Musik dem Zuschauer öffnet, das Geschehen vorantreibt und doch an Nachdenklichkeit nichts vermissen lässt. Würde nicht das Orchester agieren, als wäre es schon in einer Oper-Ouvertüre, ließe sich diese Interpretation als gelungen bezeichnen. Die tatsächliche Ouvertüre, jene aus der „Zauberharfe“ überzeugt dann wieder deutlich weniger. Das Orchester findet keinerlei Balance zwischen dem betont leichtfüßigen, von einem hellen und schlanken Klangbild geprägten Spiel der Streicher und der um einiges übertriebenen dramatischen Schwere, mit der nicht zuletzt die Bläser geschlagen sind. Übermäßig lange Pausen tun ein Übriges, dass statt der intendierten dramatischen Bewegtheit das musikalische Gebilde in seine Bestandteile zerbröselt.

Bleibt noch die kurze Sinfonie Nr. 5B-Dur, die wohl beliebteste und meistgespielte der frühen Symphonien Schuberts, geschrieben im zarten alter von 19 Jahren. Für diese verschiebt Fischer mal wieder die Orchesteranordnung, platziert die Holzbläser zentral und die Streicher rechts und links von ihnen. Das tut dem Klangbild hörbar gut. Es ist transparenter, farbenreicher, um einiges nuancierter als zuvor. Auch dieses Werk hat vor allem in den ersten beiden Sätzen mit einem Hang zur Überdeutlichkeit und einer Tendenz zur Verwechsulung kraftvoller Verdichtung mit bleierner Schwere zu kämpfen, was den Kopfsatz etwas unausgeglichen, den zweiten ein wenig schleppend wirken lässt. Die lichten Streicher und pastoral warmen Holzbläser des ersten und der behutsame, den Klangraum subtil öffnende Duktus des zweiten Satzes weisen schon in die richtige Richtung. Sehr lebendig und energisch dann das Menuett, das den dramatischen Gestus durch klanglichen Farbenreichtum aufwiegt, bevor das Finale mit reichlich Detailschärfe den musikalischen Raum weiter öffnet und statt Kraftmeierei echte Energie erzeugt. Zumindest teilweise, denn gegen Ende wirkt der Satz wieder sehr kraftlos, sind die Zügel zu eng, schränkt die dezidierte Kontrolliertheit des Zugriffs jedes Streben nach außen wieder ein. Das Orchester darf ein bisschen spielen, bleibt aber an der Leine. Nicht jeder Marathon, der schwach beginnt, ist auch erfolglos. Mehr Hoffnung gibt es nach diesem Abend nicht.

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