Leerstück mit Untoten

Bertolt Brecht: Untergang des Egoisten Johann Fatzer, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Tom Kühnel, Jürgen Kuttner)

Von Sascha Krieger

Natürlich ist der Fatzer unaufführbar. Das wusste schon sein Autor, weshalb Bertolt Brecht, den Plan, aus der 400-seitigen Materialsammlung ein Theaterstück zu machen, irgendwann aufgab. So bleiben unzählige Seiten Papier und nur einige wenige ausgearbeitete Szenen. Und natürlich wurde der Versuch, den Stoff theatertauglich zu machen, trotzdem immer wieder unternommen, am einflussreichsten sicher durch Heiner Müller, bei dem die Gleichzeitigkeit von Theater und seiner Verweigerung zu so etwas wie seinem Markenzeichen wurde. Und natürlich kennen auch Tom Kühnel und Jürgen Kuttner das Dilemma, wenn sie den Fatzer jetzt auf die DT-Bühne hieven. Das ist durchaus logisch, schließlich sieht sich das Duo als Text- und Stoffhinterfrager, nimmt die Reflexion über das, was sie da tun stets einen wichtigen Platz in ihren Arbeiten ein. Beim Fatzer ist die Dekonstruktion des Materials als Untersuchungsobjekt zum Grundprinzip, die Bühne der Kammerspiele zum Labor, in dem der Textkörper seziert und auf Lebenszeichen hin abgeklopft wird.

13853_fatzer_3750

Bild: Arno Declair

Jürgen Kuttner steht daher noch mehr im Mittelpunkt, als das in seinen Arbeiten ohnehin der Fall ist. Sein Eingangsmonolog ist von kaum erträglicher Länge, auch weil er sich bemüßigt fühlt, alles zu erklären. Die Bühne ist voller Brecht-Zitate – die Küche der Frau Carrar, der Planwagen von Mutter Courage, der Galgen aus der Dreigroschenoper, die Sezuan-Pagode oder die Kinofront – und Kuttner breitet diese natürlich auch genüsslich aus, referiert lange über Entstehung und Inhalt des Fatzer, versucht sich ein bisschen an der Herleitung von Relevanz (Fatzer als Verarbeitung der Katastrophe des ersten Weltkriegs ist relevant, weil es auch heute noch Krieg gibt) und erzählt noch ein bisschen über die Entwicklung des Abends. Denn natürlich sei man am Ende wieder bei einem Stück gelandet, und natürlich dürfe das eigentlich kein Stück sein. Deshalb, so Kuttner, hätte man die neun Szenen, bei denen man gelandet war, auseinandergeschnitten und lose jetzt jeden Abend die Reihenfolge, in der sie gespielt werden aus. Fatzer  als Fragment, das nichts anderes sein dürfe als Fragment, und den Machern fällt nicht viel mehr ein als ein mehr oder minder stringentes Narrativ aufzubrechen, indem man per Zufall die Szenenreihenfolge durcheinanderwürfelt. Nun gut.

„Betreutes Theater“ sei das, so Kuttner, in einem seiner Bonmots, an denen er sich sichtlich mehr erfreut als das Publikum. Also erklärt er auch noch etwas zur Brechtschen Theorie des Lehrstücks, zeigt ein Beispiel, wie es schiefgehen kann – denn natürlich ist Ironie die Grundnote des Abends, alles, was behauptet wird, ist selbstverständlich zu untergraben – und übt mit dem Publikum chorisches Sprechen. Dieses ist – Achtung: Lehrstück! – natürlich zu involvieren, darf etwas Text sprechen und ist ohnehin stets präsent, denn es sitzt zu großen Teilen mitten auf der Bühne. Das Theater in der Gesellschaft, natürlich ironisch gebrochen, verstanden. Irgendwann, gefühlt nach mehreren Stunden, beginnt das übrigens das Spiel, am rezensierten Abend gleich mit Szene 8, also der vorletzten (die neunte ist als letzte gesetzt, denn auch dieser Abend ist altmodisch genug, ein „richtiges“ Ende zu fordern).

Und plötzlich kippt der Ton, die Grundstimmung ist fahles Schwarz-Weiß, die Spieler*innen agieren in silbrigen Raumanzügen, als wäre dieser Text ein ferner, womöglich feindseliger Planet, und bemühen sich, möglichst wenig Realismus aufkommen zu lassen. es wird abstrahiert und verfremdet, was das Zeug hält. Da sitzen schon mal zwei Zuschauer*innen auf der Bühne und geben das stumme Paar Fatzer – Frau Kaumann, da werden schön ironische Stimmungen gezimmert, etwa wenn letztere (Natali Seelig) zu süßlicher Klavierbegleitung von der Gier nach sexueller Lustbefriedigung singt, es wird ohnehin viel gesungen, das distanziert und bricht ja so schön, wobei man mit dem Elektro-Punk-Duo Ornament und Verbrechen durchaus musikalische Kompetenz mit dabei hat. Das ganze ist ein Geistertanz in fahlem Licht. Immer wieder wird es ganz dunkel, vermittelt sich das Geschehen auf Videowand im Nachtsichtmodus. Die vier Deserteure, die gern Revolutionäre wären, sind von Beginn an Tote, Untote besser, die unruhig durch die Welt streichen und doch darum wissen, dass sie nicht zu erreichen vermögen.

Da verpufft denn auch der sorgfältig gezeichnete Kontrast zwischen Andreas Döhlers virilem, Wut und Verzweiflung auf seine übliche Weise verzahnenden Fatzer und dem kalten Pathos des Fanatikers Koch (Bernd Stempel) ziemlich schnell. Denn der Konflikt zwischen beiden ist kein wirklicher, die Streitfelder bleiben – natürlich verstärkt durch die Szenenmischung – mehr als unscharf, hängen bleibt wenig mehr als ein eher allgemein gehaltener Ekel an der Welt, der jede der neun Szenen – schön unterbrochen durch genüsslich zelebrierte moderierte Szenenwechsel in Probenbeleuchtung – durchzieht und man könnte sagen, herunterzieht. Die großen Fragen, etwa nach der Rolle des Einzelnen in der Welt, die Spannung zwischen Individuum und Kollektiv, bleiben nicht nur unbeantwortet, sondern auch ungefragt. Die Welt ist düster, die Menschheit schlecht und all das hier nur Theater. Spiel und Reflexionsebene, atmosphärische Dichte (die so manche Szene ohne Zweifel hat) und ironische Distanzierung sollen sich wohl gegenseitig befruchten. Stattdessen nivellieren sie einander, zu simpel und eindimensional ist die propagierte Weltsicht in den „Spielszenen“, zu plakativ die reichlich nichtssagende Verfremdung, zu banal das pseudo-reflexive Geplänkel drumherum. Kühnel/Kuttnersche Nummernrevuen sind mitunter in der Lage, einen Stoff, ein Thema zu erhellen, aufzubrechen, um einen Blick hinter die Fassade zu erlauben. Hier ist die Form Selbstzweck, erhellt nicht, enthüllt noch weniger und legt nur ihre eigene Leere offen. Die Frage, ob der Fatzer auf die Bühne gehört, beantwortet dieser Abend mit nein. Dazu hätte es aber auch keine mehr als zwei Stunden gebraucht.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: