Nicht kleckern

Pablo Heras-Casado dirigiert das London Symphony Orchestra in seiner Stammspielstätte

Von Sascha Krieger

Man sagt ja, man könne ein Orchester erst dann verstehen lernen, wenn man es in seiner Heimstätte erlebt hat. Fans Londoner Klangkörper haben es da schwer. Sehnsüchtig blicken sie nach Berlin, Paris, ja, sogar Hamburg, wo ihren Kollegen Musiktempel zur Verfügung stehen, gebaut, um Räume zu bieten, in denen sich jede Facette, jede Lesart, jede musikalische Vision entfalten kann. Das London Symphony Orchestra mag zu den besten der Welt gehören – von einer solchen Heimat träumt es nach wie vor vergebens, Pläne, einen neuen Konzertsaal zu bauen, gab und gibt es, absehbar ist eine Umsetzung nicht. So bleibt der schwache Trost, dass seine Heimstätte, der große Saal des Barbican Centre mit seinen Holzvertäfelungen zumindest eine Nuance mehr Atmosphäre verströmt als die Royal Festival Hall, in der sich das London Philharmonic Orchestra zuhause fühlen soll. So renommiert und hochwertig die Londoner Orchesterlandschaft ist, die Infrastruktur, in der sie sich wiederfindet, lässt viel zu wünschen übrig. Das wird auch Sir Simon Rattle nicht ändern können, wenn er im kommenden Jahr hier übernimmt. Die Einzigartigkeit der Berliner Philharmonie wird ihm fehlen – ein Orchester auf absolutem Weltniveau nicht.

Das beweisen die Londoner erneut in einem Konzert unter der Leitung des Spaniers Pablo Heras-Casado, der eingesprungen ist für den LSO-Ehrendirigenten André Previn, der den Abend ursprünglich dirigieren sollte. Maurice Ravels Le Tombeau de Couperin steht am Anfang und gibt dem Orchester viel Raum, seine Variabilität unter Beweis zu stellen. Die ersten beiden Stücke sind Abfolgen musikalischer Episoden, in denen die Orchestersolisten und Instrumentengruppen ihre Fähigkeiten zeigen können, Etüden in musikalischer Vereinzelung, die zuweilen wirken wie ein Vorspielen auf höchsten Niveau. Erst im dritten Teil scheint Heras-Casado einzufallen, dass er ein Orchester vor sich hat. Es findet zusammen in einem eleganten, warmen, moderat offenen Klang, der fast klassisch wirkt und von einer Klangkultur geprägt ist, die von Klarheit lebt. Natürlich ist das alles ein wenig glatt, fehlen die Brüche, die Ravels Musik auch ausmachen. Und doch: Das ist wunderschön anzuhören, nicht zuletzt der glasklare Streicherklang, den man auch in Wien zu schätzen wüsste. Am Ende wird das dann wohl auch Heras-Casado zu viel Wohlklang, also zieht er die Zügel im schnellen Schlussteil merklich an. Schnörkellos und kraftvoll eilen die Musiker dem Schluss entgegen, sachlich, doch ohne die Spannung, die etwa der melancholische und fast nostalgische Schluss des dritten Satzes hatte. Am Ende klingt dieser Ravel wie ein Tag im Büro. Ein ziemlich guter allerdings.

Anders das anschließende Violinkonzert von Robert Schumann. Das hat auch mit dem Solisten zu tun, dem französischen Geiger Renaud Capuçon. Zunächst eröffnet das Orchester mit einer Dramatik, die man bei Schumann nicht erwarten würde. Der Orchesterklang ist ungemein muskulös, dunkel eingefärbt und unerbittlich ernst, irgendwo beim Mozart Don Giovannis in einer spätromantischen Interpretation. Am Ende der langen Einleitung wähnt sich der Zuhörer fast beim späten Beethoven. Wäre das Ziel, Schumann jede Leichtigkeit – und auch den Vorwurf der Leichtgewichtigkeit – auszutreiben, wäre das gelungen. Zumal dieser Ansatz den Boden bildet für Capuçons so gegensätzliches Spiel: Mit festem Strich lässt er sein Instrument affirmativ singen, verweigert sich nicht, auch mal ins Schwelgen zu geraten, streift zuweilen das Pathos. Der Gegensatz zwischen Romantik (Capuçon) und Klassisk (Orchester) erzeugt einiges an Spannung, auch wenn beide Seiten ihre Lesarten ein wenig ins Extreme schieben. Trotzdem entsteht hier eigentlich an Kraft, selbst wenn diese womöglich nicht mehr allzu viel mit Schumann zu tun haben mag. Doch auch hier hört man einfach gerne zu: dem Schwelgen Capuçons im zweiten Satz etwa (in dem sich das Orchester auffällig zurückhält) oder der glasklaren Detailschärfe im energischen Finale.

Mehr ist mehr scheint auch Heras-Casados Motto in Antonín Dvořáks achter Symphonie zu sein, die nach der Pause erklingt. Schon das Cello-Thema zu Beginn ist ein Genuss. Kraftvoll und satt sein Unisono-Klang, breit sein Fließen. Hier wird nicht gekleckert, aber brilliert. Das Orchester beweist Mut zur großen Geste, scheut auch das Pathos nicht und riskiert, dass das alles streckenweise auch ein bisschen zu viel wird. Doch gerade im Kopfsatz beeindruckt das Ausdrucksspektrum von liedhaftem Streicherfluss über pastoralen Lyrismus der Holzbläser bis zur spätromantischen Dramatik. Für jeden Ausdruck finden die Musiker den richtigen Tonfall. Da ist es zu verschmerzen, wenn Detailschärfe und Klarheit hin und wieder ins Überdeutliche kippen. Auch im zweiten Satz: Sehr breit der Streicherfluss, extrem muskulös das Orchester-Crescendo, sehr gelungen der kontrastreiche Dialog zwischen lyrische-pastoralen Rufen der Holzbläser und den unerbittlichen Schlägen von Streichern und Pauken. Heras-Casados analytischer Blick arbeitet die unterschiedlichen Ausdrucksmodi klar heraus, wodurch der Sinn fürs große Ganze zuweilen ein bisschen abhanden zu kommen droht.

Doch zurück zum Streicherklang: Nach dem rauen, mitunter sperrigen Ton der Gergiev-Jahre scheint sich die Streichersektion hier kollektiv um ein Engagement bei den Wiener Philharmonikern zu bewerben. Die samtige Eleganz des Walzer-Satzes, in dem gerade die Geigen zuweilen ins Schwelgen kommen, klingt fast nach Neujahrskonzert. Doch es ist gerade dieser Satz, der besonders lebendig wirkt, in dem Heras-Casado die Brüche und Kontraste in den Ausdrucksmodi besonders deutlich macht und das Orchester ihm wachsten Auges folgt. Sehr laut und affirmativ dann die Trompetenfanfare zu Beginn des Schlusssatzes, in dem vor allem Paukist Nigel Thomas einiges zu tun bekommt. Nichts da von tschechischer Folklore – dieser Dvořák ist ein fast spätromantisches Kraftpaket, gerade aber beileibe nicht nur im Finale. Das hat den Vorteil, dem erfahrenen Zuhörer die Chance zu geben, mehr zu entdecken als den tschechischen Nationalkomponisten, birgt aber natürlich die Gefahr, zentrale Aspekte von Dvořáks Musik zu vernachlässigen. Eindrucksvoll ist das aber allemal, was Heras-Casado und das LSO etwa im Finale zeigen: Das ist höchste Dramatik, Spannung pur, eine kontrastreiche Tour de Force durch disparate Elemente, die vor allem ein wacher Blick und höchste, wenn auch stets streng kontrollierte Energie einen. Man kann an diesem Abend so manches aussetzen – und doch hört man ihm gern und durchaus fasziniert zu.

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