Distanz und Taumel

Kent Nagano dirigiert das Jubiläumskonzert zum 70-jährigen Bestehen des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin

Von Sascha Krieger

Da lässt sich wohl nichts machen. Ein Jubiläum will gefeiert sein, also braucht es reden, Grußworte, einen Einspielfilm, der sich, das macht ihn sympathisch, ausgiebig wehrt, abgespielt zu werden. Orchesterchef Alexander Steinbeis erläutert das Konzert Programm, der Regierende Bürgermeister Michael Müller pflügt sich mit der ihm eigenen Energie durch die Orchestergeschichte und Julturstaatsministerin spricht von der Kraft der Musik, gerade in bewegten Zeiten wie den unseren. Es ist das beste Grußwort in diesem viel zu langen Prolog und öffnet den Blick auf ein Orchester, das mit der unruhigen deutschen Nachkriegsgeschichte so manches zu tun hat. 1946 von den Amerikanern gegründet als kultureller Vermittler eines demokratischen Neuanfangs, ließ es die Schutzmacht schon sieben Jahre später fallen – die Finanzierung eines Orchesters war zu Hause, wo Klangkörper privatwirtschaftlich organisiert sind, nicht zu vermitteln. Innenpolitik schlägt das große Ganze. Man kennt das. Dass es das Orchester trotzdem noch gibt, ist der typischen Berliner Starrköpfigkeit zu verdanken, die auch eine wichtige Rolle dabei spielte, Westberlin über 40 Jahre lang als Stachen im realsozialistischen Fleisch zu belassen. Auch die Stürme der Wiedervereinigung hat das Orchester überstanden, hat sich neu erfunden, ohne seine Geschichte abzuschütteln, auch ein wenig wie das Land, für das es auch als Botschafter durch die Welt reist.

Kent Nagano dirigiert das Jubiläumskonzert des DSO (Bild: Kai Bienert)

Kent Nagano dirigiert das Jubiläumskonzert des DSO (Bild: Kai Bienert)

Auch jetzt isrt das DSO wieder im Umbruch. Der bisherige Chefdirigent Tugan Sokhiev ist weg, sein Nachfolger Robin Ticciati kommt erst im nächsten Jahr. Wandel und Kontinuität: Dafür steht das DSO und so holt man für das Jubiläumskonzert einen, der beides verkörpert: Kent Nagano, ehemaliger Chefdirigent und heutiger Ehrendirigent. Er dirigiert ein Programm, das sich an der Orchestergeschichte entlang bewegt. Es geht los mit Arnold Schönbergs Kammersymphonie Nr. für 15 Solo-Instrumente. Es gehörte zu den wichtigsten Anliegen von Ferenc Fricsay, erster Chefdirigent des damaligen RIAS-Symphonieorchesters, die Verbindung zur Moderne, die von den Nationalsozialisten gekappt worden war, wiederherzustellen, als „entartet“ diffamierte Kunst zurück zu holen ins öffentliche Leben. Von nervöser Unruhe geprägt ist Naganos Lesart, so als wäre die Musik unsicher ob des gleißenden Lichts, das auf sie scheint. Die Ambiguität des Werks, das zurückschaut auf die Spätromantik Wagners und Liszts und voraus auf die musikalische Revolution, die gerade Schönberg initiierte, arbeitet Nagano sehr fein heraus. Das Werk wechselt zwischen Ruhe und Unruhe, klarer gesanglicher Linienführung und gezielt eingesetztem vermeintlichem Durcheinander. Nagano zieht die Zügel an und lässt die 15 Instrumentalist*innen einen klaren, schlanken, konzentrierten Klang erzeugen, der weiß, wo er hin will – und er lässt sie locker, erlaubt den Instrumenten auseinanderzustreben, Klangverwirrung zu erzeugen, der er bewusst jede Transparenz verweigert. Das ist klug gedacht, erzeugt nach einiger Zeit allerdings den Eindruck von Repetitvität. Es gelingt nicht, einen Spannungsbogen herzustellen, der das ganze, gut 20-minütige Stück über hält.

Einen anderen Aspekt beleuchtet danach Joseph Haydns Sinfonia concertante für Oboe, Fagott, Violine, Violoncello und Orchester. Fricsay wollte von Beginn an Musiker, die selbst Solist*innen waren, Individualist*innen, die im Orchester zusammenkommen und ihre individuellen Fähigkeiten zu etwas größerem vereinen. Ein Konzept, das heute längst Konsens ist. In Haydns Werk treten denn auch vier Stimmführer*innen des Orchesters als Solist*innen auf. Nagano betont die Beziehung aus solistischer Arbeit und Orchestergemeinschaft, indem er die Solostimmen ins Orchesterganze integriert, sie zunächst kaum merklich aus diesem aufsteigen lässt und später wieder dorthin zurückführt. Vor allem im Kopfsatz wirkt es oft so, als würden Einzelstimmen aus dem allgemeinen Lärmen kurz heraustreten, so wie man in einem vollen Raum immer mal wieder einzelne Stimmen wahrnimmt, die bald erneut im generellen Gewimmel untergehen. Dazu lässt er das Orchester einen exquisiten, eleganten klassischen Klang erschaffen, der hell ist und dunkel geerdet zugleich, der fast zu glatt wirkt, was die Vierkadenz gegen Ende besonders akzentuiert, weil hier die Haydnsche Harmonik kurz unmotiviert aufbricht. Trotzdem bleibt der erste Satz der stringenteste. was auch an Wei Liu liegt: Der erste Konzertmeister ist ein begnadeter Geiger und spielt sich zunehmend in den Vordergrund. Das bringt die Balance des Werks etwas ins Wanken und bietet wenig Raum für die anderen drei Solist*innen, von denen bestenfalls Cellist Mischa Meyer sich noch ein wenig behaupten kann, während Viola Wilmsen (Oboe) und Karoline Zurl (Fagott) weitgehend untergehen. Und so plätschert der zweite Satz angenehm dahin, ohne groß Spuren zu hinterlassen, während das Finale etwas uneben wirkt. So richtig will Wei Lius fast trotziger Gesang zur ruppigen Bewegtheit des Orchesters nicht passen, auch weil diese zu großen Teilen Behauptung bleibt, zu streng ist Naganos Zugriff. So analytisch der Blick im Detail oft ist, so wenig gelingt es, die Einzelteile zu einem überzeugenden Ganzen zusammenzufügen.

Das gelingt anschließend in Robert Schumanns Klavierkonzert – da Fricsay einst als Versöhnungsgeste mit dem umstrittenen französischen Pianisten Alfred Cortot aufführen ließ – besser. Der Grund dafür heißt Mikhail Pletnev. Der russische Pianist, Dirigent und Komponist lässt seine Melodien wie von fern herankommen, er beschreibt musikalische Suchbewegungen irgendwo zwischen Traum und Wirklichkeit, verleiht seinem Spiel viel Hall und scheint jedem Ton nachzulauschen. Er verzögert immer wieder, lässt die Anschläge wie körperlos im Raum schweben und scheint das Orchester fast dazu zu zwischen, seine Zurückhaltung aufzugeben und sich mit kraftvoll konzentriertem Klang, der mal holzbläsergetränkt nach Beethoven klingt, um dann wieder volltönend in die Breite zu wachsend und streckenweise an Dvořák zu erinnern. Der orchestrale Farbenreichtung und Pletnevs träumend distanziertes Suchen erzeugen eine feine Spannung, die nie ganz zusammenfindet und nie ganz auseinanderfällt. Sehnsüchtig fließend der zweite Satz, bevor sich im Finale die Brüche auftun, der optimistische Fortgang aufbricht und zum Stillstand kommt, nur um sogleich wieder aufzublühen. Nagano fächert die Ausdrucksmodi auf, erweitert das musikalische Spielfeld, über das Pletnev mal vorsichtig, mal affirmativ streicht, jagt, wandelt.  Vergehen und Werden in organischer Bewegung: Was schon den Schönberg auszeichnete, findet Kent Nagano auch hier, in der gelungensten Interpretation des Abends.

Am Ende dann noch ein Repertoireschlachtross erster Ordnung: Maurice Ravels La Valse, ein Lieblingswerk Naganos und des Programms Hommage an seinen Ehrendirigenten. Kürz nach dem ersten Weltkrieg geschrieben, wurde dem Werk oft nachgesagt, es beschreiben den (Toten-)Tanz am europäischen Abgrund. Ravel hat das stets bestritten, doch Nagano lässt das nicht gelten. Er lässt den Walzer sich herausschälen aus dem Nichts, undefinierter klanglicher Ursuppe und organisch heranwachsen zu einer Eleganz, die man jedem Strauss-Walzer nur wünschen kann. Das ist von so wohlklingender Eleganz, dass sich der Zuhörer noch dabei ertappt, sich wohlig zurückzulehnen, wenn Nagano die Schraube bereits weiterdreht. Der Tanz gewinnt an militärischer Schärfe, kippt ins dissonant groteske und fällt doch nie auseinander. Fast klingt dieser La Valse wie eine musikalische Studie in Verführung. Aus angenehmer Harmonie wird rohe Gewalt, doch der Sog dieser Musik nimmt eher noch zu. Der Taumel des Abgrunds, der sich hier manifestiert, lässt nicht los, ihm ist nicht zu entrinnen. Und so gewinnt dieser Abend, der so klar konzipiert ist und doch musikalisch ein wenig zusammengewürfelt wirkt, am Ende eine Schärfe und Unmittelbarkeit, die man ihm schon gar nicht mehr zugetraut hat. Also wolle sich das Orchester seiner Relevanz versichern. Dabei hatten das die reden am Anfang schon getan.

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Ein Gedanke zu „Distanz und Taumel

  1. Schlatz sagt:

    Sehr schöner Schumann

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