Klassenkampfposen für Theaterwissenschaftler

She She Pop: BESESSEN – Ein kollektiver Monolog, Theaterdiscounter, Berlin (im Rahmen des Monologfestivals 2016)

Von Sascha Krieger

„Aus Liebe zur Welt: Die Umordnung der Dinge“: So lautete das Motto des vierten Monologfestivals im Berliner Theaterdiscounter. Um die Umbrüche in der Welt, der großen wie der vor der eigenen Tür, sollte es gehen, um sich ändernde Regeln im kollektiven Miteinander und die Möglichkeit eines Umbruchs. natürlich auch um die Wiederbelebung und Hinterfragung des Formats Monolog, dessen Bedeutung in der Theatergeschichte tendenziell eher abgenommen hat. Ein reflektierende, in Frage stellendes Format, in dem der Sprechende immer auch am Fundament kratz, auf dem er steht. Einige größere Namen der deutschsprachigen Theater- und Performancelandschaft waren eingeladen, PeterLicht zum Beispiel, Monster Truck oder Gintersdorfer/Klaßen – und She She Pop natürlich. Die Stars der freien Szene durften das Festival beenden – mit BESESSEN, einem „kollektiven Monolog“ über das, was der Ansicht des Performancekollektivs zufolge, die Weltordnung bestimmt und wo jeder Versuch einer Veränderung ansetzen müsste: Besitz, Eigentum und die klaffende Lücke zwischen denen, die haben und jenen, die nicht haben.

Das ist ja bekanntlich noch immer relevant und damit das auch jedem Zuschauer klar ist, sorgen She She Pop dafür, dass die monologische Reflexion über den Zustand der Welt eine ist, die den Besucher nicht nur einschließt, sondern seine eigene sein soll. Oder zumindest so tun, als wäre das so. Also sprechen hier die Zuschauer selbst. Und das geht so: Der Text wird auf die Wand projiziert und dazu, wer ihn sprechen soll. Dies sind mehr oder weniger repräsentative Teilgruppen der Gesellschaft, die exemplarisch ihre (Klassen-)Standpunkte wiedergeben – Brechts Idee des Lehrstücks lässt grüßen. Das ist zunächst recht spannen, ist doch der Zuschauer gezwungen, sich selbst zu positionieren, zu entscheiden, ob er zum „Chor der Erb*innen“ gehört oder doch zu den „späten Müttern“ oder den „jungen Männern ohne geregeltes Einkommen“, ob er sich als Anarchist*in oder Unzufriedene siegt, als „armer Schlucker“ oder als „radikale Stimme“. Dabei gibt es ein paar Aha-Momente, etwa wenn der „Chor der Unzufriedenen“ aus zwei dünnen Stimmchen besteht, beim „Chor der Theaterwissenschaftler*innen“ dagegen fast der ganze Saal spricht. Darin könnte man bereits ein Problem dieses Abends erkennen.

Es ist nicht sein einziges. natürlich sind die aussagen über Eigentum und dessen Verpflichtung plakativ, das müssen sie auch sein. Aber sie sind eben auch nicht scharf oder gar radikal. Die Reichen sind mildtätig, die Klassenkämpfer müde. Auch das ist per se nicht schlecht, führt aber die ganze Grundkonstruktion ad absurdum, zumal She She Pop auch in die Falle tappen, alles ironisieren  den Abend mit einem fortwährenden Augenzwinkern bestreiten zu müssen. Auch die „Gruppen“ werden so weit von der Lebenswirklichkeit entfernt, dass es bald nicht mehr um die Selbstpositionierung geht, sondern nur noch darum, dass überhaupt einer spricht. Eine Auseinandersetzung mit dem Gesagten und der eigenen Haltung findet spürbar nicht statt, es wird aufgesagt, aber nicht reflektiert.  Wobei der Text immer wieder darauf hinweist, dass er eben nicht von denen stammt, die ihn sprechen. Hier könnte sich Spannung aufbauen, in der Dissonanz zwischen Sprechendem und Gesagten, aber nein: Das Ganze gerät zum großen Spaß, zum harmlosen Rollenspiel, bei dem jenseits des gesprochenen Textes nichts passiert, dieser in dem Moment verschwindet, da er aufgesagt ist.

Am Ende wird das „geschehene“ als theatrale Probe für gesellschaftliche Wandlung deklariert, was natürlich ironisch gemeint ist aber auch ein wenig ernst. Leider hat der Text viel zu wenig Substanz, um ein solches Szenario überhaupt denkbar zu machen, erfreut man sich  am ironischen Witz von Klassenposen, ohne diese je zu dekonstruieren oder eben mit theoretischem oder praktischem Inhalt zu füllen. Wenn überhaupt, ist der Abend etwas für Theaterwissenschaftler*innen, die sich am ungewöhnlichen spiel erfreuen, selber mal Theater „machen“ dürfen und hin und wieder wissend mit dem Kopf nicken dürfen. Für alle anderen bleibt eine harmlose und erschreckend denkfaule Fingerübung, die ärgerlich wäre, würde sie länger dauern als die kurzen 30 Minuten. So ist BESESSEN so schnell vergessen wie vergangen – und das ist schon das Beste, was sich darüber sagen lässt.

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