Der Ort des Überflüssigen

René Pollesch: Diskurs über die Serie und Reflexionsbude (Es beginnt erst bei Drei), die das qualifiziert verarscht werden great again gemacht hat etc. Kurz: Volksbühnen-Diskurs. Teil 1: Ich spreche zu den Wänden + Teil 2: Es beginnt erst bei Drei, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: René Pollesch)

Von Sascha Krieger

Der Titel, ach der Titel. Die sind bei René Pollesch bekanntlich immer schon Theater und Teil der Verwirrungsmaschine. wer wissen will, „worum es geht“ (bei Pollesch ohnehin ein seltsames Konzept) ignoriert besser, wie der Abend heißt. Außer vielleicht in diesem Fall, sofern man gleich bis zum Ende springt. Denn da steht „Volksbühnen-Diskurs“. Es soll also um dieses Haus gehen, seine Besonderheit und sein bevorstehendes Ende. Tatsächlich muss der Zuschauer lange warten, bis in der zweiten Hälfte des ersten Teils (Pollesch hat nicht mehr viel Zeit, also gibt es gleich zwei Abende auf einmal) die Sprache tatsächlich auf diesen Ort kommt. Martin Wuttke ist es, der das Thema anschneidet, so kryptisch komplex wie stets bei René Pollesch. Er spricht von den Ortlosen und meint die Dercon-Verteidiger, die globalisierte Kunstmaschinerie, die diesen Ort nicht kennen und nicht brauchen, die nicht verstehen, was es heißt, einen Ort zu haben, einen, an dem man sich, wie Wuttke im zweiten Teil sagen wird, sich selbst hören kann.

Bild: Sascha Krieger

Bild: Sascha Krieger

An diesem Ort, so Wuttke, gebe es „eine Ebene der Auseinandesetzung, die ich aus keinem anderen Arbeitszusammenhang kenne“. Es ist ein Ort der Reflexion – die „Reflexionsbude“ im Titel bezieht sich natürlich auf die „Eventbude, zu der Claus Peymann die Volksbühne unter Dercons Leitung reduziert sehen möchte – des anarchischen ausprobieren meist scheiternder Diskurse, des Hinterfragen, der künstlerischen Freiheit, die keinen Nutzbarkeitszwängen unterliegt und eines nicht muss: verstanden werden. Die Castorfsche Volksbühne hat sich immer als Insel des freien Diskurses inmitten spätkapitalistischer Effizienz gesehen und in ihren besten Momenten war – ist – sie das auch. Hier muss nicht alles Sinn machen oder einen Zweck haben. Da fährt man schon mal, wie zu Beginn des zweiten Teils zehn Minuten lang zu den Klängen des „Donauwalzers“ auf einem Sofa hin und her, fährt eine Videowand herunter, nur um Sekunden später wieder zu entschwinden. tauchen Kulissen teile auf und wieder ab und wird (ok, das gehört nicht zum Abend, aber irgendwie doch, schließlich sitzt man hart und unbequem darauf) der Zuschauerraum mal eben asphaltiert. Ein Schutzraum, ein Möglichkeitsort, der verschwinden wird: „Ich kann das nicht mitnehmen“, sagt Wuttke, „das ist dann einfach weg. Weg weg weg.“

An diesen beiden Abenden, der natürlich eigentlich einer ist – die ersten Worte des zweiten Teils, „Moment mal, das war jetzt völlig überflüssig“, sind Programm – führt Pollesch noch einmal alles vor, was diesen Ort und sein Theater so einzigartig macht. Er beginnt nach einigem Vorgeplänkel mit einem Satz, den Wuttke erregt berichtet und der in wenigen Worten Polleschs Theater zusammengefasst: „Ich fand dich ganz toll, aber ich habe nichts verstanden.“ Wuttke fragt, ob das Nichtverstehen nicht vielleicht ein Symptom sei und weiß natürlich, dass es die Essenz dessen vorstellt, was er, Milan Peschel und Trystan Pütter hier auf der Bühne veranstalten. das Nichtverstehen ist so etwas wie ein Leitmotiv. Immer wieder reden zwei gleichzeitig (Lacan lässt missverstanden grüßen), heben die Polarität von Einzelnem und Kollektiv auf und werfen dem Publikum ein Dazwischen, ein alternatives vor, das in der Ideologie der „Anderen“ (also der Dercon-Globalisierer) gar nicht vorkommt. Das Nichtverstehen ist hier – und war es immer bei Pollesch – ein Akt des Widerstands. Und der Ehrlichkeit: Es sind Abende, die „von Leuten gemacht werden, die in einer Lebenssituation sind, wo sie nichts wissen.“

Also wirft er unzählige Themen und Brocken auf der Bühne, die erst einmal keinen Sinn ergeben. Wie an früheren Abenden werden ausgiebig Filme zitiert – hier bewegen wir uns zwischen Cassavetes, „Hangover“ und Western-Klischee – die drei Darsteller kommen in knallroten Strampelanzügen und Cowboy-Hut auf die Bühne und wissen nicht, wo sie sind. Das Bühnenbild (im ersten Teil eine Holzwand mit Türen und dahinter liegender nichtsbedeutender Neonreklame, dazu ein Kran für spektakuläre Auftritte) ist nicht passend, sie selbst passen nicht hinein. Der Rahmen ist pure, für nichts stehende Show, die Substanz Verlorenheit an einem Ort, der nicht mehr erkannt wird. Sind das schon die Entwurzelten nach dem Verlust ihres Ortes? Mit fast manischer Lust wird abgeschweift, Film nachgespielt, Minutenlang inhaltsleer geplaudert, Milan Peschel darf Ballett machen und bis zur Erschöpfung Sportarten aufzählen, die er toll findet. Das zentrum des Diskurse ist immer das Nichts, ein Nichts, das Pollesch im Kapitalismus verortet und das er schonungslos – auch dem Zuschauer gegenüber – ausbreitet. Man redet über das Prinzip der Serie, das erst nach dem dritten Teil greift, erst dann wir die zu etwas Dauerhaftem, Nachhaltigem und natürlich wird es diesen dritten Teil nie geben. Zu Beginn des zweiten ist die Verwirrung vollständig: Nicht nur sind die Inhalte der drei Einkaufstüten vertausch, auch die Körper der drei Spieler sind es. „Du hast meinen Arsch!“, heißt es empört. Der ortlose Mensch verliert seine Mitte seinen Boden, sein Ich.

Natürlich fasert das aus, sieht sich der Zuschauer immer wieder animiert, verständnislos mit dem Kopf zu schütteln. Was soll etwa der riesenhafte Käfer, der irgendwann auf die Bühne gehievt wird? Ach ja, das Tier zeichnet gegenüber der Pflanze aus, dass es ein Territorium hat, wie wir hören. Eines, das diesen Gestalten – und natürlich sind Wuttke, Peschel und Pütter in ihrem komödiantischen Furor, in ihrer radikalen Seltbstbeschämung ein Ereignis – genommen werden soll. Und so tun sie, was sie noch tun können: Verweigern sich dem Nützlichkeitszwang und dem Verstehenmüssen – Wuttke nennt es „Deutungswahn“ und spielen einfach. Sinnlos, nicht zielführend, enervierend zügellos. Und finden genau darin so etwas wie Wahrheit, oder wenn nicht das, zumindest Freiheit, die Möglichkeit zu denken, wozu es, wie der Abend sagt, immer zwei braucht. Braucht es den zweiten Teil, ist er nicht komplett überflüssig? Selbstverständlich, und genau deshalb ist er auch so notwendig. Die Alternative liegt irgendwo zwischen Ego und Kollektiv, wo und was auch immer dieser Ort sein mag. „Man stirbt und bis dahin ist die Frage, ob man einigermaßen geschmackvolles Theater gemacht hat.“, sagt Wuttke gegen Ende. Vielleicht ist das alles. Oder eben auch – Alles.

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