„Eine Mischung aus Predigt und Darkroom“

She She Pop: 5o Grades of Shame. Ein Bilderbogen nach Wedekinds “Frühlings Erwachen”, Münchner Kammerspiele / Hebbel am Ufer (HAU1), Berlin

Von Sascha Krieger

Was ist verboten? Mit dieser Frage beginnt She She Pops neuer Abend 50 Grades of Shame. Dass es dabei um Sexualität und ihr Ausleben geht, muss gar nicht explizit dazugesagt werden. Welcher andere Lebensbereich ist schließlich so sehr mit Regeln, Verhaltenkodizes, mit Tabus und Svhweigegeboten belegt wie der intimste, persönlichste und nicht nur biologisch betrachtet essenziellste. Und so sprudeln die Antworten nur so, reichen von gesetzlichen Verboten (Sex mit unter 16-Jährigen) über kuriose Benimmregeln (bei Sex in der Studenten-WG die zimmertür schließen) bis zum Selbstverständlichen (kein Jogging ohne Hose!). Gegen Ende des Abends wird dann die Gegenfrage gestellt: Was ist erlaubt? Plötzlich müssen die Darsteller*innen (drei Performer*innen von She She Pop, örtliche Schauspieler*innen und stets ein „echter Teenager“) improvisieren, stammeln unsicher antworten hervor, versuchen das Mikro weiterzureichen? Was ist zwischen den beiden Fragen passiert, was unterscheidet sie? Es ist das Thema des Abends: die Scham, jedes seltsame, gesellschaftlich eingepflanzte Gefühl der Verunsicherung, ja, der Schuld, das aktiviert werden soll, wann immer es um das goldene Kalb sozialer Sanktionierung geht, die Sexualität eben.

Bild: Judith Buss

Bild: Judith Buss

Wie kommt man da heraus, fragen sich und uns She She Pop, ist es überhaupt möglich die Sexualität „der Nacht zu entreißen“, wie die 14-jährige Fee Aviv Marschall, die in den Berliner Aufführungen die Teenagerin geben darf, gegen Ende fragt? Und wie stellt man diese Frage überhaupt, wie versucht man sie zu beantworten? Am besten, so Berit Stumpf zu Beginn, wäre eine „Schule der Liebe“, bei der sich jeder im Saal zunächst auszöge und man sich gemeinsam der Erforschung des vermeintlichen Mysteriums Sexulität widme. aber da das natürlich nicht ginge – auch hier gelten natürlich zahlreiche „Verbote“ – müsse man es auf herkömmlichere Weise probieren, mit „Rollenspiel und Frontalunterricht“ oder, blumiger ausgedrückt: „einer Mischung aus Predigt und Darkroom“. Die Versuchsanordiung: Auf der rechten Seite der Bühne steht ein Podium, an dem ein Mitglied des „lehrkörpers“ dozier, auf der linken stehen die „Schüler*innen“. Vierzehn Lektionen gibt es, in denen es um Scham geht. um die „männliche Regung“, um Masturbation, Sexualtechniken und den Tod. Das volle Programm also.

Dabei ist „Lehrkörper“ wörtlich zu verstehen – und kollektiv. Als ein Grundproblem wird die Vereinzelung ausgemacht, die Abdrängung des Sexuellen ins Private, Verborgene, den Darkroom eben. Um diese aufzuheben, wird zunächst weiter fragmentiert, womit wir beim ästhetisch-theatralen Kern des abends werden. Diesen bilden die beiden Videowände in der Mitte der Bühne. Hier erscheinen die Körper der Performer*innen, hier zersplittern sie und setzen sich neu zusammen. Zunächst werden Köpfe, Ober- und Unterkörpern der Darsteller*innen miteinander kombiniert, später einzelne Körperteile, bis hin zu überraschenden Verkehrungen, wenn Beine durch gespreizte Finger oder Köpfe durch einzelne Brüste ersetzt werden. Die „vollständigen“ Performer*innen sind dabei zumindest teilweise auf der Bühne zu sehen, während sie sich per Video zu neuen, ungewöhnlichen und alle Rollenvorgaben sprengenden Misch- und Kollektivkörpern zusammensetzen. Während also darüber gesprochen wird, wie die Scham in den Körper kommt oder wie man Sex macht, erzählen die Körper ihre eigenen Geschichten, stellen sie ihre eigenen Forschungen an.

Und so entspinnt sich ein spannender und natürlich hochkomischer – Lachen war selten befreiender und erhellender als hier – Dialog zwischen den verkrampften und zuweilen hilflosen Versuchen, über Sex zu sprechen, der verbalen Offenlegung einer gesellschaftlich auferlegten partiellen Sprachlosigkeit und einer zunehmenden Experimentier- und Spiellust der visuell befreiten Körper. Natürlich geht es auch um die Bebilderung von Sexualität, um die Macht gesellschaftlich akzeptierter oder klischeemäßig tabuisierter Bilder, die durch die Zerstückelung und Neuzusammensetzung dekonstruiert und dadurch erst wirklich sichtbar gemacht wird. Derweilen quält man sich durch die ratlose Verzweiflung der Jugendlichen in Frank Wedekinds Frühlings Erwachen und die aufs Technische reduzierte Sexualität von E.L. James‘ Weltbestseller 50 Shades of Grey, ersteres, ein Erklärungsversuch der Macht, die das Konzept der Scham bis heute innehat, letzteres ein Angebot zu einer Befreiung der Sexulität aus ihren gesellschaftlichen Bedeutungsvorschriften. Am Ende fragt Fee Aviv, ob sich zukünftige Generationen nicht wundern werden, wie sehr wir versuchten, Sinn und Bedeutung über die Sexualität zu finden. Die Frage, wie es denn um uns bestellt wäre, wenn wir dem Sex diese Last nähmen, stellt der Abend auch, beantworten will er sie nicht.

Und so ist 50 Grades of Shame natürlich eine Sinnsuche, aber eine, die danach strebt, sich selbst überflüssig zu machen. Wenn die älteren Darsteller*innen über Sexpraktiken sprechen, werden ihre Münder in das Gesicht der 14-Jährigen eingesetzt. Das könnte Schockwert haben, wirkt hier aber – ja, das Wort ist in diesem Text schon arg strapaziert worden – befreiend. Wenn sich ihr Gesicht immer wieder zu einem leichten Grinsen verzieht, liegt darin eine Hoffnung. Jene, von der auch der zugegeben doch recht alberne Totentanz am Ende spricht: die Hoffnung, die lähmende Aufladung von Körperlichkeit und Sexualität, die sanktionierende Normierung des Körpers, die Zuschreibung von Rollen und Verhaltensvorgaben, die Objektifizierung und Zweckorientierung des menschlichen Körpers irgendwie und irgendwann aufheben zu können. Das ist natürlich Utopie, vielleicht auch Illusion – Gesellschaft braucht regulierende kollektive Narrative – aber wer diesen „Bilderbogen“, wie sich der Abend im Untertitel nennt, gesehen hat, mag das Theater mit dem Gefühl verlassen, dass eine solche Utopie vielleicht doch denkbar sein könnte. Das ist viel Konjunktiv und doch alles andere als wenig.

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