Die verschwundene Finsternis

Wolfram Lotz: Gülünç Karanlık – Die lächerliche Finsternis, Bakırköy Belediye Tiyatrosu, Istanbul (Regie: Nurkan Erpulat)

Von Sascha Krieger

Eigentlich ist das ja ein spannendes Experiment: Wolfram Lotz‘ Erfolgsstück Die lächerliche Finsternis in der Türkei, mit türkischen Darstelle*innen und für ein türkische Publikum zu inszenieren (und natürlich auch, das Ergebnis dann zurück nach Deutschland zu bringen). Im Stück fahren zwei Bundeswehrsoldaten den Hindukusch – ja, das ist in Lotz‘ Joseph-Conrad-und Francis-Ford-Coppola-inspirierten absurden Parallelwelt ein Fluss – hinauf, hinein ins Herz des afghanischen Urwalds (!), um einen außer Kontrolle geratenen Offizier zu liquidieren. Dabei treffen sie auf ein italienisches Blauhelm-Camp, das zu einer Art Zwangsarbeitslager für die Einheimischen mutiert ist, einen einsamen Händler aus Ex-Jugoslawien, Opfer der NATO-Bombardements von 1999 und eine christliche Mission, die sich als Umerziehungscamp und Zivilisationsschule für die „Wilden“ versteht. Für Nurkan Erpulat, türkischer Regisseur, der seit 18 Jahren in Berlin lebt, sind es diese Begegnungen, die das Herz von Wolfram Lotz‘ Stück bilden. Erpulat inszeniert es als Farce, als satirisch absurde Entlarvung westlicher Überheblichkeit und rassistisch getränkten Kolonialismus‘.

Gülünç Karanlık – Die lächerliche Finsternis gastierte am Berliner Maxim Gorki Theater im Rahmen des Festivals "Uniting Backgrounds". (Bild: Esra Rotthoff)

Gülünç Karanlık – Die lächerliche Finsternis gastierte am Berliner Maxim Gorki Theater im Rahmen des Festivals „Uniting Backgrounds“. (Bild: Esra Rotthoff)

Die weißen Uniformen des Bundeswehrduos erinnern denn auch als kolonialistische Truppen – ebenso wie ihre grenzenlose Ignoranz einer Welt gegenüber, die sie nicht für voll nehmen. Hauptfeldwebel Pellner ist ein ebenso aggressiver wie arroganter Unsympath, sein Sidekick Stefan Dorsch ein gutmütiger Schelm, dem zum Schwejk jedoch der Durchblick fehlt. Dabei kommen sie um einiges besser weg, als die anderen Vertreter der Kolonialmacht Europa: Der italienische Offizier Lodetti ist ein weinerlich hysterisches Würstchen, der Leiter der Mission ein kalter Tyrann, der seine moralische Leere kaum verbergen kann. Dagegen darf der fliegende Händler echte Verzweiflung spielen, schließlich ist er ja selbst Opfer. Dass ausgerechnet er, der Europäer, die einzige Stimme der Unterdrückten sein darf, stößt in dieser Inszenierung stärker auf als in anderen Interpretationen des Stücks. Der Tonfall des abends ist fiebrig, der Text wird hektisch, panisch, hysterisch herausgeschleudert. Die aggressiv düstere Musik (etwa PJ Harveys „Down by the Water“ und Pearl Jams „Do the Evolution“), die live dargeboten wird, verstärkt die Stimmung ebenso wie kluge Lichtregie, die vom gleißenden Tag über kaltes Zwielicht in die pure Angst totaler Findternis führt. Da spendet auch Händels arie „Lascia ch’io pianga“ keinen Trost, gerät sie zum zarten Gesang des Zivilisationsverlusts.

Zwischendurch bricht der Abend auch einmal ab, fragt sich einer der Darsteller, welchen Sinn dieses Theatermachen hier eigentlich habe, wenn draußen, in der realen Welt Menschen sterben. Ein seltsam didaktischer Moment, der vielleicht versucht, die türkische Gegenwart hereinzuholen und den Abend doch eher zerreißt. Denn um das Hier (bezogen auf die Türkei) und Jetzt geht es nicht, der Abend wirkt weit weg, selbst wenn er dort gastiert, wo seine Zielscheiben stehen. Die doppelte Distanzierung führt nicht zu Nähe – viel zu bequem belustigen wir uns über die essenzielle Lächerlichkeit der von Dummheit und Machtgier getriebenen Machtpolitik, die hier auf ihr satirisches Minimum reduziert wird. Das wirkt plakativ und bleibt blutleer – der Preis der karikaturesken Reduktion. Die weiße Bühne wird vom Dreck, den die moralisch so „Überlegenen“ produzieren, die zivilisatorische Fassade erweist sich als papiernes Nichts, unter der eleganten Oberfläche lauert die Barbarei. Das ist so richtig wie erkenntnisfrei. da verpufft des auch die finale Pointe des Stücks, in der ein ertrunkener somalischer Pirat – dem wir zunächst im langen und hier eher als uninspiriert fast als szenische Lesung inszenierten Prolog begegnen – am Ende der Reise auftaucht und zum zweiten Mal Opfer der (Neo-)Kolonialisten wird.

Wie gesagt: Das ist alles richtig und mit einigem satirischem Biss scharf karikiert – aber es lässt eben auch kalt, auch, weil es seinem intendierten Publikum vorheuchelt, mit ihm wenig bis nichts zu tun zu haben. Das ändert sich beim Berliner Gastspiel auch kaum: Lotz’s Text ist eine absurd groteske Verzerrung einer Wirklichkeit, die wir nur allzu gern nicht wahrnehmen und schon gar nicht reflektieren möchten. Erpulat nimmt nun dieses Zerrbild und deformiert es weiter – als grelle Farce, in der der Westen so stark überzeichnet wird, dass das wovon der Abend spricht, sich am Ende so wenig ernst nehmen lässt, dass der entlarvende Gestus irgendwas auf der Strecke bleibt. Erpulat dreht die Ironie- und Verzerrungsschraube so lange weiter, bis von ihrer Vorlage nichts mehr übrig bleibt. Natürlich ist es ein großer Theatermoment, wenn die Darsteller*innen von der Heimat singen, mit jeder Strophe die Tonart erhöht wird, bis aus der berührenden Melodie schrille Kakophonie geworden ist. Aber er steht eben neben leeren Klischeebildern wie dem Schluss: Da wickeln die „Sieger“ den Leichnam des Somaliers in Papier ein, posieren mit ihm wie reiche Großwildjäger mit ihrer Beute, bevor der „Tote“ seinen widerständigen Arm emporstreckt. Da darf sich der Wohlstandsbürger gern ein bisschen schlecht fühlen und sich hinterfragen, worauf sein privilegierter Status gebaut sein mag. Doch, ach, es gelingt ihm nicht. So stark Erpulat auf atmosphärische Dichte setzt – der Stachel der Farce reißt das Dunkel immer wieder auf. Die Finsternis macht sich vom Acker und das Publikum bleibt zurück.

 

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