„Einfach ein bisschen größer denken“

Suna Gürler und Ensemble: Stören, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Suna Gürler) – eingeladen zum Theatertreffen der Jugend 2017

Von Sascha Krieger

Jedem Anfang wohnt ein Scheitern inne. Hier zumindest ist es so. „Eine Frau betritt die Bühne“, lautet der Satz, mit dem dieser Abend starten soll. Und schon geht alles schief: Verschiedene Darsteller*innen betreten die Bühne oder scheitern schon am auftritt, doch keine genügt. Zu muslimisch, zu migrantisch, zu tollpatschig, zu androgyn. Also zerrt man die Blonde auf die Bühne, denn schließlich ist ein Bild, ein Frauenbild, zu erfüllen. Wir sind ja nicht zum Spaß hier. Aber die so Auserwählte hat keine Lust auf ihre Rolle und geht ab. Nächster Versuch: Nun also als Kollektiv, die Frau als Gruppe, als Gesamtheit disparater Individuen. Man rennt gegen Mauern, reale und unsichtbare, prallt ab, kippt, rennt an. Stumm, wortlos, ohne weiterzukommen. Zurück auf Null. Bücher fallen auf die Bühne, Sprache, Gedanken infizieren die Spieler*innen. Und plötzlich formt sich etwas, eine Frage. Sexuelle Belästigung ist Alltag in diesem Land, dieser Welt, dieser Zeit. Ist sie das? Wie sich die Frage formt, die Gedanken finden, Indizien sich zusammenballen und die Gewissheit Raum greift, dass, ja, dies alltägliche Erfahrung fast jeder Frau ist – das ist atemberaubend gespielt, choreografiert, gesprochen. Die Verfertigung der Gedanken beim Spielen ließe sich das umschreiben. Am Ende steht ein großes, affirmative Ja und um dieses Ja dreht sich die folgende gute Stunde.

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Eingeladen zum Theatertreffen der Jugend 2017: Stören (Bild: Ute Langkafel)

Die Frau als Objekt, als Betrachtetes, Bewertetes, Einzuordnendes.  Darum geht es in Stören, der ersten Regiearbeit Suna Gürlers auf der „großen“ Gorki-Bühne nach mehreren Arbeiten mit dem Jugendclub „Die Aktionist*innen“ des Theaters. Sechs Darstell*innen wühlen, kämpfen, schlagen sich durch individuelle wie kollektive Erfahrungen: der breitbeinig im U-Bahnwagen sitzende Mann, die objektifizierenden Blicke, die sexistischen Sprüche, das Gefühl, nicht zu genügen, die Gesellschaft, die der Frau die Verantwortung zuschreibt, die angst, die aus jedem Mann ein potenzielles Monster macht, die Schwierigkeit, sexuelle Belästigung als solche zu sehen. „Warum habe ich eigentlich so lange gebraucht zu begreifen, dass das Grenzüberschreitungen sind“, fragt eine. Am Ende der leeren Bühne ist eine halbhohe Mauer aufgestellt. Diese zu erklimmen, bereitet Mühe. Immer wieder rennen die Darsteller*innen gegen sie an scheitern, versuchen es wieder, bis sie oben sind. Irgendwann sind sie oben, alle, sich ihrer selbst bewusst, ihrer Stärke, ihrer Schwächen, ihres Potenzials.

Und drehen den Spieß um: Mit einiger Wut und einem gehörigen Schuss an beißend spöttischem Humor stellen sie den Sexismus des alltags aus, sie stellen Szenen nach, probieren Rollen aus und wechseln die Perspektiven. Etwa in der unglaublich intensiven Passage, in der die einzige Trans-Darsteller*inn ihre Identitätsreise in Stenoform von den anderen Spieler*innen vortragen lässt. „Ich will halt nicht als Frau gelesen werden, sondern als Ich“, heißt es da. „Ich will eindeutig uneindeutig sein.“ Ein Wunsch, nein, eine Forderung, welche die anderen durchaus teilen. Die Raus wollen aus Rollenzuschreibungen, raus aus den Schubladen und einfach nur rauf auf die gleiche Ebene, mit denen, die diese Zuschreibungen vornehmen. Jene, die die Angst erzeugen, sie denen, die sie zu Opfern machen, einimpfen und sich am Ende als Beschützer aufspielen. Die nicht nachdenken, was sie tun, und damit soviel anrichten. „Sollen jetzt die Typen anfangen zu denken oder hörst du damit auf?“, lautet die Schlüsselfrage. Sie bedarf keiner Antwort.

Stören ist eine 75-minütige Tour de Force durch die Abgründe alltäglicher Welterfahrung, der Frauen und Mädchen jeden Tag ausgesetzt sind, unbemerkt zuweilen gar von sich selbst und fast immer von denen, die sie umgeben, die ihnen einreden wollen, es läge an ihnen, etwas dagegen zu tun. Der Abend ist ein Erkenntnislabor, ein Akt des Widerstands, ein trotziges Aufbäumen widerspensitiger Selbstbehauptung. Stellvertretend erobern sich diese sechs Spieler*innen zwischen 18 und 24 diese Bühnen, die die Welt ist oder zumindest Deutschland, machen sie zu ihrem Ort, ihrem Diskurs-, Reflexions- und Spielraum, zu ihrem Erfahrungslabor und zum Spiegel, den sie uns, dem Publikum, der Gesellschaft vorhalten. Und was sehen wir darin: Eine Welt, die längst zum alltäglichen Spießrutenlauf geworden ist, derer, die das herrschende zum „schwachen“ Geschlecht auserkoren hat, derer, die ringen mit den Rollen, die ihnen gegeben sind, und die aus diesen ausbrechen. „Einfach ein bisschen größer denken“, fordern sie zum Schluss, wollen sich nicht mehr klein machen lassen, sich nicht verbergen und verbiegen. Sie erklimmen die Mauer, richten sich auf und springen hinab. In die Welt, die sie zu ihrem Ort zu machen entschlossen sind. Wie? Keine Ahnung. Am besten einfach etwas größer denken.

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