Das Kippen der Welt

Frei nach Motiven von Christa Wolf: Kein Ort.Finsternis, LICHTHOF Theater, Hamburg / Theater unterm Dach, Berlin (Regie: Anne Schneider)

Von Sascha Krieger

Hut ab zunächst einmal für den Service-Gedanken. Gerade für Berliner Theatergänger wird es zunehmend schwer, sich bei aller Fülle des theatralen Angebots überhaupt noch auf einen Abend vorzubereiten. Mehr als die kurze – und oft genug eher irreführende – Inhaltsangabe auf der Theaterwebsite ist da selten drin. Bei Kein Ort.Finsternis ist nicht einmal die nätig. Wenn der Besucher den Raum – beim Theater unterm Dach von Saal zu sprechen verbietet sich – betritt, ertönen aus dem Off Dialog- und Textfetzen aus Tobi Katzes Buch Morgen ist leider auch noch ein Tag, in denen es um Depression geht, um die Unfähigkeit, über sie zu kommunizieren und den Unwillen der Umgebung, sie als real zu akzeptieren. Der Zuschauer tut gut daran, diese Eingangssequenz im Kopf zu behalten, während Regisseurin Anne Schneider versucht, aus Christa Wolfs fiktiver Begegnung zweier suizidaler Dichter*innen Kein Ort. Nirgends ein Lehrstück über die „Volkskrankeit“ (welch seltsam unangebracht klingendes Wort) Depression herauszulesen. In Wolfs Buch begegnen sich die verkannten Dichter*innen Heinrich von Kleist und Karoline von Günderrode, Außenseiter, Zweifler, nicht zugehörig zum glanzvoll polierten Literaturbetrieb unserer Zeit. Was bei Wolf vor allem eine politische Ebene hatte – es ging nicht zuletzt um die Rolle allgemein des Individuums und speziell des Künstlers in klaustrophobisch engen gesellschaftlichen Zwängen – wird hier zum Porträt zweier Menschen, die ihren Weltbezug verloren haben, die nicht hineinpassen in den lebensbejahenden Konsens, die sich nach dem Tod sehen und Wahrhaftigkeit meinen.

Bild: Anne Schneider

Bild: Anne Schneider

Die Realität ist für die Leidenden verzerrt, der feste Boden des Faktischen zu einer bedrohlichen Kippfigur geworden. Wie das dreidimensional verbogene Quadrat aus Holzlatten, das den Mittelpunkt der Bühne (Ausstattung: Giulia Paolucci) bildet. Die vermeintlich so klar strukturierte Welt ist eine ins Rutschen geratene. Man kann sich vorsichtig auf ihr entlang robben, hochklettern und absteingen, vielleicht auch einmal vorsichtig balancieren – festen Halt gibt sie nicht. Zumal das Bretterkonstrukt zuweilen auch die Anmutung von Gitterstäben gewinnt. Die Welt als Gefängnis – keine ganz originelle Metapher für depressive Zustände. Kleist (bis zur Teilnahmslosigkeit sachlich: Rainer Strecker) und Günderrode (sehr dominant und überraschend optimistisch auftretend: Judith Rosmair) bewegen sich auf ihr und außerhalb, die versuchen sich in der Realität zu halten und kommen doch auch außerhalb ihrer ins Schwanken. Die restlichen vier Darsteller*innen sind mal die gesichtslose Gesellschaft, dann wieder die innere Dämonen der Gepeinigten. In sparsamen, von Victoria Hauke erarbeiteten, Choreografien suchen die Körper krampfhaft Bewegungsraum zu finden, später gar mit einander zu kommunizieren und kommen doch nicht heraus aus ihren Korsetten. Eindrucksvoll Haukes sich windendes physisches gegen sich selbst Ankämpfen auf einer Plattform mit Bodenmikrofon. Da wird der Körper und das Scheitern an der Welt und der eigenen Inkompatibilität mit dieser, die aus ihr und durch ihn spricht, zum Instrument, die Depression zu non-verbaler Sprache, das Leiden zu Klang, das Nichtakzeptierte zu greifbarer Realität.

Ein zwingend eindringliches Bild, das Episode bleibt, wie auch die körperliche ebene meist Beiwerk ist.  Denn der Abend ist vor allem eines: Sprache. Das ist per se nicht schlecht, schließlich liefert Christa Wolfs vielschichtige Prosa durchaus ein komplexes, von Untiefen nur so strotzendes Spielfeld, das Schneider, Strecker und Rosmair leider viel zu oft links liegen lassen. Die Unmittelbarkeit, die Hauke erzeugt, findet sich im Rest von Kein Ort.Finsternis kaum. Auch, weil sich der ausführlich gesprochene, meist distanziert rezitierte und kaum gespielte Text, immer wieder gegen seine Interpretation stäubt. Denn die Geschichte der Unangepasstheit zweier unabhängiger Geister, ihr Zweifeln am Selbst und Ringen mit der Welt ist bei Wolf eben keine der Depression, auch wenn sich in beiden Hauptfiguren sicherlich Züge depressiver Erkrankungen erkennen lassen. Und so entweicht irgendwann der thematische Rahmen kaum merklich, emanzipieren sich Text und Sprache von ihrer Reduktion auf die eine Ebene, ohne dass sie den Raum erhalten, auch einmal um die Ecke zu schauen. Das Ergebnis ist eine gewisse Blutleere, die der thematisierten Krankheit nicht unangemessen ist, um sich selbst aber nicht so recht zu wissen scheint. Das Lachen, das am Ende durch die Finsternis klingt, ist kein Erhellenden, sondern ein aufgesetztes, ein falscher Hoffnungsschimmer, auch weil es nichts mehr hat, wogegen es anrennen kann.

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