Die Schwarzmaler

Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Ivan Panteleev)

Von Sascha Krieger

Irgendwann in diesen gut zwei Stunden kommt ein seltsamer Gedanke auf: Was, wenn Regisseur Ivan Panteleev gar nicht Goethes ewigen Oberstufenschreck Iphigenie auf Tauris inszenieren will, sondern dem Publikum deutlich zu machen sucht, dass das vermeintlich klassischste aller klassischen Stücke, das mal als Triumph der reinen Seele und dann wieder als aufklärerisches Leerstück reinterpretiert wurde, sich heute gar nicht mehr auf die Bühne bringen ließe, weil die Vernunft- und Läuterungsgeschichte im Post-Irgendwas-Zeitalter längst zur sinnentleerten Hülle verkommen ist? Hinter diesem seltsamen, von so manchem Gähnen durchzogenen Gedanken steckt ein anderer, eine Art Minimalkonsens, den sich Zuschauer einreden, mit dem jeweiligen Theatermacher eingegangen zu sein, wenn sie ihm ein paar Stündchen ihrer Lebenszeit anvertrauen: die Grundannahme, dass das, was auf der Bühne geschieht, irgendetwas zu bedeuten hat, dem Publikum irgendetwas sagen will, und sei es die bewusste Negation illusorischer Sinnversprechen. An diesem Abend gibt es jedoch so manchen Moment, da sich auch der geneigteste Besucher ertappt fühlen mag, diesen Minimalkonsens in Frage zu stellen. Vielleicht ist das ja auch gar nicht so wenig.

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Bild: Arno Declair

Aber gut, fangen wir noch einmal an. Und zwar mit dem Positiven: Johannes Schütz heißt der Bühnenbildner, was erst einmal eine gute Nachricht ist. Von Aufklärung und Hoffnung spricht seine Bühne nicht. Schwarz ist der enge, hermetisch abgeschlossene und sich nur ins Publikum, nun ja, öffnende Bühnenkasten. Schwarz auch die wohl an den Diana-Altar des Stückes gemahnende schlichte Brückenkonstruktion, schwarz die Stühle, auf der die Darsteller*innen auch zwischen ihren Auftritten Platz nehmen, und die Leiter, mit der allein man auf die obere Ebene gelangt. Doch nein: Die ersten Minuten des abends verbringen die Darsteller*innen damit die Bühne weiß zu streichen, wobei sie natürlich nur bis zu einer gewissen höhe kommen. So strahlend hell die Bühne jetzt sein mag – das Schwarz bleibt die Grundfarbe. Das ist sicher als Metapher für das aufklärerische Versprechen der Verbesserungsfähigkeit und grundsätzlichen moralischen Güte des Menschen zu lesen, das man dem Stück lange Zeit wohl auch nicht ganz zu Unrecht unterstellte – und das Panteleev, langjähriger Gotscheff-Weggefährte und damit natürlich Bewohner des Heiner-Müller-Universums, selbstverständlich nicht teilt.

Seine Darsteller*innen, allesamt vollständig unterfordert, lässt er den Text mechanisch herunterrattern, weitgehend emotionslos, und wenn einmal etwas erregter, dann so aufgesetzt, dass jeglicher Versuch des Zuschauers, hier eine irgendwie geartete menschliche Ebene zu finden, sofort scheitert. Der Text ist der Feind, seine Menschlichkeitsvision nichts weiter als Augenwischerei. Und so findet denn auch keine Läuterung irgendeiner Seite statt, sondern ein schnöder Machtkampf. Kernelement vieler Gotscheff-Inszenierungen war die Trennwand, die zu überwinden sich die Figuren mühten und es doch nie ganz vermochten. Hier hat der Brückenaltar, ins Vertikale gewendet, eine ähnliche Funktion. Er trennt oben von unten, Macht von Ohnmacht. Wer oben ist und dazu noch auf dem einsamen Stuhl sitzt, ist in der Oberhand. Das ist an diesem Abend meist Iphigenie, die sich natürlich männlicher Dominanz erwehren muss, am penetrantesten dargestellt vom herrisch brüllenden Pylades. Und die selbst das Machtspiel perfekt versteht, mit ihrer stoischen Leidensinszenierung ihre Umgebung manipuliert und am Ende ihr Ziel erreicht. Da grinsen sie und der Bruder teuflisch ins Publikum, während Thoas, der „Barbaren“-König und bei Panteleev so etwas wie der Menschlichkeitsrest, zum finalen, seine eigene Niederlage bestätigenden und als erzwungenes Versöhnungszeichen in das Narrativ der Sieger eingepressten „Lebe wohl“ quält, als würde er gerade vergewaltigt. Dabei steht er übrigens oben, hat sich das Gefüge umgedreht, Iphigenie ihre eigene Ordnung geschaffen. Am Ende wird – und bleibt – alles schwarz.

Und war es stets: Denn so stringent Panteleevs Interpretation des Stoffes wirkt, so verdankt sie besagte Stringenz eben auch einer gewissen gedanklichen Schlichtheit. Ihm Schwarz-Weiß-Denken vorzuwerfen, wäre falsch, hier gibt es nur Schwarz. Die Menschheit ist schlecht, die Vernunft eine Waffe im Kampf um Macht, ein Unterwerfungs- und Unterdrückungsinstrument, hier im kleinen wie draußen in der Welt im großen. Hier ist das ziel – in Form des entlarvenden Schlusstableaus – das Ziel und der weg lang und steinig. Fast zwei Stunden lang wird sonor und mit einigem Pathos deklamiert, als wären wir in einem Laientheater der 1960er-Jahre, man spricht meist von der Rampe, zelebriert Steh- und Sitztheater der statischsten Sorte und befindet sich meist weit entfernt von einander. Die exzellenten Schauspieler, die namentlich zu nennen vielleicht nicht zielführend werde, dürfen sich zu Holzpuppen reduzieren, die über weite Strecken nichts andere tun als vorzuführen, wie sinnentleert und gar heuchlerisch dieser Text sein soll. Dazu ein bisschen Oben-Unten-Choreografie – mehr passiert in dieser buchlosen Lesung lange nicht. Und eigentlich auch nicht am Schluss, wenn der Abend zwar seine Haltung ausplaudert, damit aber das Vorangegangene zum viel zu langen Prolog degradiert. Gegen die Blutleere des Abends kann auch sein Ende nichts mehr tun. Zwei Stunden lang versucht er alles, um jegliche Kraftbehauptung aus Text und Spiel zu saugen und wundert sich dann, dass keine mehr da ist. Dem Applaus ist die Erleichterung anzumerken. endlich wieder durchatmen, endlich wieder ein bisschen Leben.

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Ein Gedanke zu „Die Schwarzmaler

  1. Schlatz sagt:

    Ihr Pensum möchte ich einmal schaffen, Respekt. Ich als Theater-Laie würde ja vermuten, dass Iphigenie eher was fürs Lesen ist.

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