Gib Gummi, Schamane!

Przemek Zybowski: Exit Ayahuasca, Ballhaus Ost, Berlin (Regie: Tobias Yves Zintel)

Von Sascha Krieger

Gut, beginnen wir mit dem Titel: „Exit“ ist der Name einer Schweizer Sterbehilfeorganisation, die auch Deutsche, in deren Land Sterbehilfe jeder Art nach wie vor verboten ist, beim selbst gewählten Freitod begleitet. „Ayahuasca“ ist eine der Bezeichnungen für einen stark halluzinogenen Pflanzensud, der von einigen indigenen Stämmen Südamerikas für Heilungs- und und Reinigungsrituale eingesetzt wird. Beide Begriffe bilden die Pole der Rahmenhandlung des abends, wenn man das narrative Fragment um den deutschen Rentner Kurt Widmer so nennen will. Dieser hat mindestens einen Herzinfarkt hinter sich, möchte aus dem Leben scheiden und hat dazu eine Exit-Mitgliedschaft erworben. Die Sterbehilfe wird ihm jedoch verweigert, weil ihm Psychiater nicht bescheinigen wollen, geistig gesund zu sein. Eine von ihnen nimmt ihn dann mit nach Südamerika, wo sie Ayahuasca-Rituale durchlaufen, er eine Todeserfahrung macht und ihr Leben sich grundlegend verändert. Ein Plausibilitätspreis lässt sich mit dieser Geschichte sicher nicht gewinnen, das wird Autor Przemek Zybowski aber kaum stören, schließlich sind ihm Handlung und Figuren weitgehend egal. Er braucht sie nur, um irgendeinen narrativen Aufhänger zu haben, der das Publikum animiert, sich knapp eineinhalb Stunden mit schamanischer (Pseudo-)Medizin zu befassen.

Bild: Robert Funke

Bild: Robert Funke

Die eigentliche Hauptfigur ist denn auch nicht Widmer (seltsam aufgekratzt: Johannes Suhm) oder die  hyperstoische Ärztin Dr. X (Tamara Saphir), sondern der finnische (!) Schamane, mit vollem Körpereinsatz und meist blanker Brust gespielt von Rasmus Slätis. Er gibt den Conférencier, lädt das Publikum zu Atemübungen ein, um dann das Programm der folgenden „Sitzung“ vorzustellen. Die Idee, diese als Rahmen zu setzen und das Publikum damit quasi zu Beteiligten zu machen, vergisst der Abend ziemlich schnell, wie er ohnehin ein wenig sprunghaft und – der Seitenhieb sei erlaubt – kurzatmig daherkommt. Unmotiviert die Übergänge zwischen szenischem Spiel und Erzählebene, die mal aus dem Off, mal von einer der Darsteller*innen absolviert wird, es wird vom Bewusstsein der Pflanzen und der Kommunikation der DNS-Stränge schwadroniert, die Metamorphonse des Schmetterlings wie in einem VHS-Vortrag langatmig erläutert, bis auch der letzte begriffen hat, hey, die Verwandlung der Raupe in die geflügelte Schönheit ist eine Metapher!

Philip Wiegard hat ein hübsches Bühnenbild aus bunten Gummischläuchen gebastelt, die zu Tunneln, Raupenkörpern und gar einem Videoscreen werden. Dazu ein transparenten Schamanenzelt, in dem Steev Lemercier schön esoterisch singt. Regisseur Tobias Yves Zintel arbeitet hart an einer entsprechenden Stimmung, die an einer Stelle in Richtung von Shakespeares Zauberern weist – mit Text aus Macbeth  und einer netten Tempest-Anspielung – aber auch das ist so schnell verpufft, wie es kam. Das Magische, Sinnerweiternde, Erfahrungsprengende wird versucht zu visualisieren und endet in Klischeebildern indigener Medizinmänner, zuckenden Körpern und neckischen Metamorphosen im Zusammenspiel zwischen Mensch und Gummischlauch. Die Schulmedizin ist der Feind des Abends: Sie kommt daher als engstirnig totalitäre Disziplinarkommission und als Seil, das ihr Opfer fesselt und an der Entfaltung hindert. Viele Bilder probiert der Abend und durchschreitet dabei das weite Spektrum zwischen plump und hilflos. Und wenn dann am Ende plötzlich eine Metaebene eingezogen wird, die drei Darsteller*innen das gerade gezeigte abfällig als übertrieben abtun, um am Ende durch den langen Raupengang zu entschwinden, dann entfleucht mit ihnen alle vorherige Sinn- und Substanzbehauptung dieses Abends, der in keinem Moment zu wissen scheint, was er eigentlich sagen möchte. Das ist natürlich auch eine Metamorphose.

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