Der Klang der Verunsicherung

Marta Górnicka: M(other) Courage, Staatstheater Braunschweig (Regie: Marta Górnicka)

Von Sascha Krieger

Das Theater und die Wirklichkeit, das ist bekanntlich so eine Sache. Natürlich soll und will Theater gesellschaftliche Relevanz haben, kommentieren, sich einmischen, hinterfragen, analysieren, was in unserer Welt so vor geht, warum der Mensch tut und lässt, was er eben so tut und lässt, Resonanzboden sein für gesellschaftliche Diskurse und solche, die sich mit den ersten und letzten Fragen befassen, mit dem Universellen oder eben dem, was die jeweilige Gegenwart davon hält. Hier würde die Einigkeit über die Rolle des Theaters aber schon enden, wäre sie überhaupt so weit gekommen. Denn es gibt natürlich auch jene, die nicht einmal diesen winzigen gemeinsamen Nenner akzeptieren. Geht es dann ins Konkretere, zersplittert das Bild schnell in tausend Einzelteile und landet bald beim Konzept der Authentizität. Soll Theater „authentisch“ sein, Lebenswirklichkeit abbilden, spiegeln, dekonstruieren oder was auch immer? Und selbst wenn ja, was heißt Authentizität auf der Bühne? im Zuge dieser Debatte hat in den vergangenen Jahren ein theatrales Instrument wieder an Bedeutung gewonnen, das längst schon in die ersten Kapitel der Theatergeschichte abgeschoben war: der Chor, im antiken Drama die Stimme des Volkes im antiken Drama, aber auch ein distanzierendes Element, das das Geschehen über das Konkrete hebt, Realismusbehauptungen untergräbt, abstrahiert. Regisseure wie Volker Lösch haben den Chor benutzt, um (vermeintliche) Realität auf die Bühne zu bringen, während andere, allen voran Einar Schleef, seine verfremdende Wirkung in den Vordergrund stellten und ihn eher gegen die Realismusillusion des Theaters in Stellung brachten.

M(other) Courage gastierte am Berliner Maxim Gorki Theater im Rahmen des Festivals "Uniting Backgrounds". (Bild: Esra Rotthoff)

M(other) Courage gastierte am Berliner Maxim Gorki Theater im Rahmen des Festivals „Uniting Backgrounds“. (Bild: Esra Rotthoff)

Die junge polnische Theatermacherin Marta Górnicka geht gleich einige Schritte weiter. Bei ihr hat der Chor nicht länger dienende oder unterstützende, kommentierende oder aufbrechende Funktion – bei ihr wird das Theater zum Chor und der Chor zum Theater. Ihre Stücke bestehen aus nichts anderem und das ist auch bei M(other) Courage so, einer von Brecht ausgehenden Jetztzeitbetrachtung am Staatsschauspiel Braunschweig. Ensemblemitglieder*innen, Schauspielstudierende und „normale“ Bürger mischen sich zu einer 20-köpfigen Gesamtheit, die – und das ist eine der Besonderheiten von Górnickas Chören – sich immer aus Individuen zusammensetzt. Zunächst wohnen wir der Gemeinschaftswerdung bei: Eine einsame Stimme beginnt einen Kinderreim abzuzählen, weitere treten hinzu, am Ende skandiert der ganze Chor die Verse mit einer Aggressivität, die mit Kinderspiel nichts mehr zu tun hat. Das „Lass mich ein“ wird zur Forderung und zur Drohung zugleich und fällt das Publikum an mit einer Direktheit, die gerade so noch das gequälte Lachen als Illusion eines Auswegs zulässt. Da sind wir schon mittendrin in „Flüchtlingskrise“, offener Gesellschaft, Absschottungsfantasien und Wutbürger-„Angst“.

Brechts Mutter Courage ist die Mutter Europa, ist vielleicht Deutschland, womöglich gar Angela Merkel, und versteckt die Ausgestoßenen, Verlorenen, Schutzsuchenden auf ihrem Planwagen. Die offene Gesellschaft ist Zuflucht, Bedrohung und Kriminalitätsschauplatz. Vom Willkommen für Flüchtende zum Bordell Europas zum aufkeimenden Rassismus von Pegida und AfD ist der Weg nicht weit, doch stets gewunden. Górnicka stellt Gegensätzliches nicht nur nebeneinander, sie verschränkt es, so dass es bald kaum mehr zu entwirren ist. Klar verortbare Passagen, etwa die lächerlich entsetzliche Etüde über junge Mädchen, die Dschihadisten wie Popstars feiern und für die der Islamismus zum Erfüllungsversprechen wird, sind selten. Meist regiert die Gleichzeitigkeit des Disparaten. Schubert und Heavy Metal, klarstimmiger Gesang und gewalttätiges Skandieren, polyphone Vielfalt und unverständliches Sprachwirrwar bilden keine Pole, sonder verschlingen sich ineinander, bis alles Ambivalenz geworden ist, weiß schwarz und alles grau. Oder bunt. Je nach Perspektive.

Górnicka, die ihren Chor live dirigiert, behandelt Sprache wie Musik. Kurze Sätze werden so lange wiederholt, bis sie pures Material geworden sind, sie werden, zerdehnt, komprimiert, verknetet, mutieren zu ihrem Gegenteil und werden leere Hüllen, die sich auf unterschiedlichste weise aufladen lassen. Parolen wie „Wir sind das Volk“ gerinnen zu trommeln, die zum Marsch rufen, zu Waffen, mit denen Machtkämpfe ausgetragen werden, sie meinen nichts mehr, sondern sind Kampfmittel. Es wird mit süßer Stimme und entrücktem Lächeln von Frieden gesungen und im gleichen Moment mit aggressivem Duktus ein Schlaflied intoniert, das Kriegsruf, Proteststurm und verzweifelter Trauergesang ist. alles zugleich und nichts von allem. Die Realität des Verhandelten wird geleugnet, die Wahrheit negiert und der Trostruf „Europa – es wird dir an nichts fehlen“ zur Drohung.

Die Sprache ist der Grund unseres Denken, das Fundement, auf dem Ideen entstehen, Gesellschaft verhandelt, Zusammenleben ermöglicht wird. Bei Marta Górnicka gerät sich ins Rutschen, treten Verwerfungen auf, verschieben sich Bedeutungen, bis nichts mehr sicher scheint, der vermeintlich feste Grund schwankt, sich aufbäumt und keinen Halt mehr bietet. M(other) Courage entlarvt die Sprache als Kriegswaffe, indem der Abend sie dekonstruiert, materialisiert, aufbricht und in einer Art vielstimmiger Klangwand in ihrer puren Gewalttätigkeit neu zusammengesetzt. Er ist satirisch und erschütternd, berührend und gewalttätig, ein aus rhythmischer Energie gespeister 45-minütiger Frontalangriff, bei dem am Ende nur eines klar ist: dass nichts klar ist und nichts klar sein kann. M(other) Courage verortet die Realität im Dazwischen, im Sowohl-als-Auch, in der Unsicherheit und Verunsicherung, aus der sich Angst speist. Da ist der Kinderreim Verheißung und Drohung, die offene Gesellschaft Freiheitsraum und Unterdrückungsapparat, Europa Versprechen und Tod, wie der Chor Gemeinschaft und Einzelner ist. Eine Übung in Gesellschaftsfindung und -verlust, der auf den Zuschauer fast physisch wirkt. Und hoffentlich lange nachhallt.

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