Licht im Dunkel

Die Berliner Philharmoniker unter der Leitung von Bernard Haitink spielen Schuberts Unvollendete und Mahlers Lied von der Erde

Von Sascha Krieger

Plötzlich ist da nichts als die Stimme. Christian Gerhahers, um genau zu sein. Klar, hell, beinahe zerbrechlich versucht sie den Raum zu füllen und findet sich doch im Nichts. Als sei die Philharmonie das kalte, dunkle Universum, in dem sich die menschliche Stimme verliert, einsam, verloren, das Leben eine Fußnote im Lauf der Welten. Zart gesellt sich Emmanuel Pahuds Flöte hinzu, ein zweiter einsamer Wanderer, kein Begleiter. Hat dieser Saal schon bewegendere Momente erlebt als diesen kurzen, so schnell vorüberziehenden mitten im letzten Teil von Gustav Mahlers Lied von der Erde? „Der Abschied“ heißt er und ein Abschiednehmen bringen die Berliner Philharmoniker zu Gehör. Wo in den fünf vorherigen Sätzen das Leben in tausend Farben schillerte, wird es nun fahl und dunkel, wo sich der Klang zu faszinierender Vielfalt öffnete, gehen die einzelnen stimmen nun getrennte Wege, driften sich auseinander, singen sie separat ihre sehnsüchtigen Lieder. Die menschliche Stimme ist da nur eine von vielen , der Reichtum des Lebens zerstiebt entfernt sich langsam, verharrt noch ein letztes Mal im fast geflüsterten Wort „ewig“, bevor er entschwebt ins Nichts oder ins Alles. Gustav Mahler hat seine Vokalsymphonie geschrieben, als er schon um seine Krankheit, die ihm das Leben kosten sollte, wußte. Der niederländische Dirigent Bernard Haitink ist 87, auch sein Blick ist längst auf das gerichtet, was wir das Ende nennen.

Bernard Haitink (Foto: Todd Rosenberg)

Bernard Haitink (Bild: Todd Rosenberg)

Und doch ist hier keine Trostlosigkeit, dirigiert Haitink das letzte vollendete Großwerk Mahlers als Feier des Lebens. Fast übermütig ist die Lebendigkeit in den vorherigen Sätzen, hell und farbenreich, höchst transparent entfaltet das Orchester sein unerschöpflichen Ausdrucksspektrum. Die Musik umspielt und umspült die menschliche Stimme – vor allem im ersten Lied – wie ein ebenso freundlicher wie tödlicher Ozean. Gerhaher singt zurückgenommen, innig, behutsam, ein Sucher, der um das Ende weiß und das Tosen um ihn herum mit fragendem Blick sieht. anders Tenor Gerhard Elsner: Er kämpft mit den Wogen, nur um später selbst an lebendiger Kraft zuzunehmen, wie erquickt vom Farbenreichtum, der ihn umgibt. Lyrisch lichter Gesang – der Solisten wie der Orchesterstimmen – wechselt mit breitem Fließen und zuweilen elegant strahlendem Glanz. Kraftvolle Crescendi und unendlich zarte Pianissimi bilden die Pole der Lebensvielfalt, die Orchester und Solisten durchschreiten. Wenn es dann Abend wird, wenn die Nacht den Tag zum Verstummen bringt, bleibt ein zarter Nachschein, glaubt man die lebendige Fülle in der Stille zu erahnen. In der Ferne, dort, wohin sie gerade entschwand.

Auch Franz Schuberts Unvollendete  ist ein Werk, das über das Hier und Jetzt hinaus schaut, das das Scheitern, das Verschwinden in sich trägt. Und das sich in seiner Unvollkommenheit genügt. Ein unerhört feines Klanggewebe lässt Haitink das Orchester spinnen, lichtdurchflutet ist das orchestrale Farbenspiel. Der zarte, lyrische, sacht fließende Gesang und die strengen Brüche, die ihn stoppen: Sie bilden hier eine Einheit, prallen nicht auseinander, sondern sind durch dezidierte Pausen getrennt und zugleich verbunden. Ying und Yang, Hell und Dunkel, Leben und Tod – das eine ist ohne das andere nicht zu haben. Schwillt die Musik an, verschärft sich der Tonfall, dünnt der Klang spürbar aus. Werden und Verschwinden sind eines, der Weg ins Weite führt ins Nichts. Zart, schlank, ungeheuer facettenreich der Klang, eher klassisch schlicht und formstreng als von romantischem Pathos durchpulst gibt sich diese Musik, die keine lineare Entwicklung durchschreitet. So kling der zweite Satz wie eine Fortführung, wie ein Echo, ein Spiegelbild des ersten. Freudig ist die Sehnsucht des Gesangs, der sich entfaltet, über die Welt ergießt und weiß, dass er nicht von Dauer sein kann.

In jedem Satz gibt es wie ein Leitmotiv, eine Warnung fast, ein musikalisches Zeichen der Vergänglichkeit: Im ersten sind das die zarten, fragilen Fragmente der Celli und Bässe, mit denen das Werk eröffnet, im zweiten die lange gehaltenen Noten der ersten Violinen, welche die Illusion des Voranschreitens ausbremsen, die Stillstand erzeugen und doch ihr eigenes, kaum hörbares Lied singen. Dieser Schubert klingt vergangen, wie eine Reminiszenz von etwas halb Erinnertem, aber er weist voraus: auf den Mahler des zweiten Konzertteils und auf die Stille, das Nichts, der nicht nur sie entgegenstrebt. Sachlich, nicht triumphal ist der Schluss, optimistisch und doch sein eigenes Verschwinden mitdenkend. Der Stoff, aus dem die Träume sind, sei der Mensch, heißt es bei Shakespeare, das Leben ein solcher Traum, eine Illusion, die schnell verflogen ist. Und doch bleibt etwas, unsichtbar, nicht zu greifen. An diesem Abend wird es Musik.

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