Die Rache des schönen Scheins

Elfriede Jelinek: Schatten (Eurydike sagt), Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Katie Mitchell)

Von Sascha Krieger

Katie Mitchell und Elfriede Jelinek: Gäbe es ein Spiel, die unpassendsten Regisseur*in-Autor*in-Kombinationen zu finden, stünde diese zumindest auf der Shortlist. Ja, beide Künstlerinnen sind glühende Feministinnen, womit ihre Gemeinsamkeiten auch schon zu Ende sind. Auf der einen Seite die assoziationsstarke Wortwanderin, die mäanderne Sprachakrobatin, deren Texte sich selbst über die Seiten jagen, in den Schwanz beißen, ins Wort fallen und ins Straucheln bringen, abschweifen, in Sackgassen enden und ihre eigenen Grenzen niederreißen, bevor sie ganz anderswo landen, ohne genau zu wissen, wie sie dort hingekommen sind. Auf der anderen die Meisterin der Bilderzeugung, deren Theater in erster Linie visuell ist, über das Bild und dessen Verfertigung spricht. Wie soll das zusammen gehen?

Bild: Gianmarco Bresadola

Bild: Gianmarco Bresadola

Eine Frage, die sich Mitchell zweifellos gestellt haben wird. Ihre Antwort: Sie macht erst einmal das, was sie (fast) immer macht. Das Filmset, zuletzt in Ophelias Zimmer durchaus schmerzlich vermisst, ist wieder da. Die Bühne, dominiert von einer übergroßen Leinwand, ist Filmstudio. Links eine Garderobe, die schnell zum Set wird, in der Mitte die Hauptbühne, um sie herum ein paar zum Teil zusammensetz- und verschiebbare Nebenkulissen, dazu eine Sprecherkabine –die klassische Mitchellbühne ist zurück und sie ist transparenter denn je. Während sonst viel im Inneren hermetisch abgedichteter Schauplätze passiert, ist hier das meiste offen. Außer in den Fahrstuhlszenen hat der Zuschauer immer einen zumindest teilweisen Blick auf die Realität dessen, was die Kameras für die Videowand produzieren. Es geht bei Mitchell immer um Bilder und ihre Produktion. Das ist in der Regel auch im übertragenen Sinne zu werten: Sie zeigt, spielt nach, seziert, wie die Gesellschaft sich ein Bild macht vom Menschen – bei Mitchell sind es meist Frauenbilder – und wie schwer oder unmöglich es ist, diese Bilder zu verlassen.

Schatten (Eurydike sagt) ist eine Reimagination des Orpheus-Mythos, in dem der titelgebende Sänger die verstorbene Gattin aus der Unterwelt zurückholt, sie aber endgültig verliert, weil er zu früh zurückblickt auf die Verlorene. Bei Jelinek steht die Verschiebung schon im Titel: Hier ist nicht Orpheus die Hauptfigur – mehr noch: er hat nicht einmal einen Namen, sondern ist nur „der Sänger“ – sondern die stumme Frau, die eine Stimme erhält, sich subjektifiziert und den Objektstatus verlässt. Hier setzt Mitchell an: Ihre Eurydike ist eine, die sich ihrer selbst erst langsam bewusst wird, sich ihrer Fremdbestimmung nur dadurch entledigen kann, indem sie auch ihr eigenes Bild von sich abstreift. Fremd- und Selbstbild bedingen einander, das eine ist ohne das andere nie ganz loszuwerden. Doch hier liegt bereits die Krux: Dieser Erkenntnisprozess ist bei Mitchell vor allem einer des Leidens. Jule Böwe schaut verloren, traurig, resigniert, still verzweifelt in die Kamera, 75 Minuten lang. Und wirft sich damit mitten hinein in eines der größten Klischees überhaupt: das der leidenden Frau, die sich selbst durch den eigenen Schmerz findet. Das ist nicht feministisch, sondern eben auch nur wieder eine weitere Objektifizierung des Weiblichen.

Dabei ist Katie Mitchells Erzählung überaus stringent. Dunkel ist die Stimmung, ernst der Tonfall, dräuende Klänge und düstere Nahaufnahmen siedeln das Geschehen irgendwo zwischen Film noir und David Lynch an, ein Mystery-Psycho-Thriller, der sich vor allem im Kopf der Protagonistin abspielt. Mitchell gelingen eindrucksvolle Bilder größter Verlorenheit, Hoppereske Einsamkeitsmotive in tiefstem Schwarz, klaustrophobische Miniaturen in kalten Fahlrstühlen und durch menschenleere Tunnel fahrenden Autos. Die Spaltung der Titelfigur in eine Spielende (Böwe) und eine Sprechende (Stephanie Eidt) ist ebenso sinnig wie die Szenenaufspaltungen in Projiziertes und „Reales“ plus der zusätzlichen Ebene der Fragmentierung von Bilder in ihre separat aufgenommenen Einzelteile. Vor allem Eurydike ist von sich selbst immer wieder weit entfernt, das einheitliche Bild auf der Videowand hat mit der „Realität“ wenig zu tun, die wiederum auch nur dafür da ist, das schöne Scheinbild zu produzieren. Wer den Blick schweifen lässt, verfängt sich schnell in der Bildverfertigung, die natürlich immer auch Ausdruck und Instrument von Macht, von Unterdrückung, von Kontrolle ist.

Leider ist das hier gar nicht so einfach, denn der Film, den Mitchell dreht, zieht den Zuschauer von Anfang bis Ende in seinen Bann. Das düstere, atmosphärisch dichte innere Drama, das er zeigt, ist stringent, zwingend und von einer erstaunlichen visuellen wie technischen Perfektion. Da ist die ganze Produktionsebene mit ihren philosophischen und psychologischen Assoziationen ebenso schnell vergessen wie der eigentlich so wiederborstige Text Jelineks. In macht Mitchell angenehm stromlinienförmig beraubt ihn damit jedoch seiner widerspenstigen und widerständigen Kraft. Was bleibt, ist das zunehmende langweilige und selbstgefällige Gejammer einer Frau über ihren Objektstatus und ihre Ergötzung am Leiden als Lebensinhalt, ein klischeehafter egomanischer Mann (Renato Schuch) und ein paar Genreanspielungen (Maik Solbach als mysteriöser Unterweltwächter, der direkt einem David-Lynch-Film entstammen könnte), die sich selbst genügen. Der Vorwurf, der Mitchell oft gemacht wird, sie wäre eher Filme- als Theatermacherin, erweist sich hier vielleicht noch stärker als nicht unberechtigt als sonst. Am Ende ist es das Produkt, also die zusammengesetzten Bilder über den Köpfen der Darsteller*innen und des Filmteams, das einen Großteil der Aufmerksamkeit auf sich lenkt, nicht die zersplitterte Realität, die fragmentierten Identitäten oder gar die Textvorlage. Wenn es zuletzt sogar noch ein kleines Happy-End gibt, ist das eher Teil des Problems als der Lösung. Denn am Ende siegt hier, das, was an diesem Abend eigentlich auf den Müllhaufen hätte wandern sollen: der schöne Schein.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: