Blutbad in Phantomscheiße

Ferdinand Schmalz: der thermale widerstand, Deutsches Theater/Box, Berlin (Regie: Matthias Rippert)

Von Sascha Krieger

Ein Kurbad als Ort gesellschaftlicher Auseinandersetungen und als Schauplatz des ewigen Kampfes zwischen Macht und Moral – das kennt man doch irgendwoher? Natürlich hat man Ibsens Ein Volksfeind im Hinterkopf, wenn man sich dem neuen Stück von Ferdinand Schmalz nähert. War das Kurbad bei Ibsen nur Anlass und Spielball der Auseinandersetzung, wird es hier zu Gegenstand und Ort selbiger zugleich, schnurrt die Stadtgesellschaft Ibsens auf die klaustrophobe Enge eines Thermalbadinneren zusammen. Die Antagonisten sind: Auf der einen Seite Hannes, der neue Bademeister, der seine weiße Uniform zu Kampfauftrag und Berufung überhöht und dessen Kernbegriff jener der Stutzigkeit ist, womit er ständige Alarmbereitschaft und grundsätzliches Misstrauen gegenüber allem, vor allem dem so genannten Neuen meint, die in der Doppelbödigkeit von Schmalz‘ alliterativer und assoziationsfreudiger Sprache aber natürlich auch den Widerspruch gegen sich selbst in sich trägt. Ihm gegenüber stehen die Kurverwaltung in der Gestalt von Frau Roswitha, ihre Handlanger Masseur Leon und Bademeister Walther und die Abgesandte eines Softdrinkriesen, der das Bad übernehmen und zum Wellnesstempel umbauen will. Profitorientierung und das Baden als zweckorientierte Beschäftigung zur Selbstoptimierung: Gegen diese Konzepte setzt Hannes die Idee des freien, zweckfreien Badens in einer Solidargemeinschaft, in welcher der menschliche Körper kein Instrument ist, sondern an der Freiheit partizipiert, die Hannes‘ Kernidee ist.

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Bild: Arno Declair

Freiheit und Solidarität gegen die derzeitige Inkarnation des Kapitalismus: Hier liegt der nicht übermäßig subtile Grundkonflikt des Stücks. Ferdinand Schmalz versucht gar nicht erst, diese ein wenig schlichte Polarität zu untergraben. Im Gegenteil: Seine poetisierende, immer ein wenig quer liegende, assoziationsstarke und metaphernreiche Sprache ist diesmal kein subversives Element, sondern hat vor allem verstärkende Funktion. Der Untergrund, in dem Hannes geht, ist wüörtlich zunehmen und spielt natürlich mit der Rhetorik der 99 Prozent, der Occupy-Ideologie und dem vermeintlichen Kampf von unten gegen oben. Der Vulkan, auf dem das Bad gebaut ist, symbolisiert die Fragilität dieser Gesellschaft, die – Stichwort Finanzkrise – auf falschen Versprechen und virtueller Substanz basiert, die sich sofort verflüchtigt, will man ihrer habhaft werden. Würde sich der Untergrund nur erheben, wäre es mit dem schönen schein schnell vorbei. Die Pumpernickel-Diät, die hier verabreicht wird, verursacht lediglich die Illusion innerer Reinigung. Was sie unter großen Anstrengungen produziert, ist ein großes Nichts. „Phantomscheiße“, wie es treffend heißt.

der thermale widerstand ist ein schwieriger Zwitter: Natürlich birgt das Stück allein sprachlich reichlich komödiantisches Potenzial, lässt es sich natürlich als Satire auf den Selbstoptimierungswahn und den damit verbundenen Zwang, alles müsse einen Zweck haben, auch und gerade der menschliche Körper und seine Pflege, lesen, Aber natürlich ist seiner Grundthese auch ernst gemeint, eine doch recht schlichte Kritik am Turbokapitalismus und seiner Durchdringung sämtlicher Lebensbereiche. Wo auch immer man den Schwerpunkt setzen möchte: Die Untergründigkeit, der gähnende Abgrund unter den Wortspielen, die Doppelbödigkeit jenseits der rein sprachlichen Ebene, die Schmalz‘ frühere arbeiten zumindest zum Teil auszeichneten – hier sucht man sie vergeblich. Matthias Rippert, Regisseur der deutschen Erstaufführung, behauptet sie trotzdem.

Selina Trauns Bühne ist zunächst eine Art Schaufensterfront klaustrophobischer Rückzugsorte, die längst zum Gefängnis sich verbarrikadiert habender Besitzstandswahrer geworden sind. Das biedere Verwaltungsbürochen, die sinnentleerte Schwimmbadandeutung, die leere Sauna – sie sind Schauplatz eines düsteren Psychothrillers mit unheilvoll grollendem Soundtrack, der sogleich zu seiner eigenen Parodie gerinnt. Angespannt und hypernervös schwitzen die grotesken Figuren vor sich hin, eingeschränkt in ihrem Bewegungsrepertoire, mechanisch gesteuerte Puppen ihrer gleichermaßen engstirnigen Weltanschauungen. Spätestens wenn sich Roswitha und Hannes eindrucksvolle anbrüllen, wird klar: In ihrer selbstgefälligen wie selbstsüchtigen Verbohrtheit nehmen sich beide Seiten nichts. Auf die moralische Parteinahme, die sich aus Schmalz‘ Text noch herauslesen lässt, verzichtet Rippert in seiner düsteren Farce, die seinen Figuren viel Raum zum Karikieren lässt. Harald Baumgartners sinister schnoddriger Masseur Leon, Michael Goldbergs trauriges Alt-Bademeisterwürstchen Walther, Linda Pöppels immer am Rande der Panik entlangschrammende Roswitha oder Daniel Hoevels fanatisierter Bademeister-Rebell Hannes schaut man gern und mit wachsender Faszination zu. Dass die von Anne Kulbatzki gespielte Konzernvertreterin in ihrer bizarren Verzerrung und den Logo-Tattoos ein wenig arg abziehbildhaft daherkommt, verzeiht man ebenso schnell wie die Tatsache, dass der Hydrogeologe Dr. Folz, dargestellt von einem arg hibbeligen Thorsten Hierse, hier irgendwie keinen Platz finden will.

Rippert tut gut daran, sich grundsätzlich skeptisch zu zeigen: dem von Schmalz ironisierten Kulturkampf gegenüber ebenso wie der moralischen Ernsthaftigkeit, die immer wieder durch den Text durchscheint. Wenn Hannes Kreidekreis-haft fordert: „Die Bäder denen, die baden gehen!“, lässt Rippert den Satz mit der leeren Phrasenhaftigkeit stehen, die ihm angemessen ist. Der Abend dekonstruiert alle Seiten und stellt eine Horror-Farce auf die Bühne, die Lächerlichkeit und Gefährlichkeit ideologischer Fanatisierung – am Ende gibt es als einzig wirkliches Bad ein Blutbad –  gleichermaßen aufzeigt, aber immer auch ein Augenzwinkern bereithält. Am Ende will der thermale widerstand vor allem eines: unterhalten. Und das tut er reichlich in diesen kurzen 60 Minuten. Dass der Erkenntnisgewinn eingeschränkt und die Dekonstruktion des Textes wenig Substanz übrig lassen, ist einkalkuliert und schmälert den Spaß des Zuschauers nicht. Vielleicht muss das Theater auch nicht immer die großen Menschheitsprobleme lösen und reicht manchmal eine streckenweise mitreißende Genreparodie. Vielleicht.

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