Feier des Menschen

Marek Janowski dirigiert Beethovens Missa solemnis mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin

Von Sascha Krieger

Was zu den Sternen will, muss irgendwo starten. Fest auf der Erde verwurzelt ist die Missa solemnis, wenn Marek Janowski sie beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin dirigiert. Ludwig van Beethoven selbst soll die überlange Messe einmal als sein bestes Werk bezeichnet haben. Das mag man bewerten, wie man will, in jedem Fall ist die Musik, die Janowski in ihr findet, eine ganz und gar irdische. Sehr konzentriert, kompakt, dunkel gefärbt ist der Orchesterklang und bleibt so mit ganz wenigen Ausnahmen (etwa einer plötzlich überaus lichten pastoralen Passage kurz vor Schluss) bis zum Ende. Das Orchester repräsentiert hier das Irdische, sie ist der feste, zuweilen auch schwankende Boden, das Fundament, der Grund, auf dem der Mensch mit sich und dem Höchsten ringt. Für letzteres steht der Chor, hier der MDR Rundfunkchor Leipzig, einstudiert von Michael Gläser. Transzendentes Strahlen deutet er bestenfalls an, ansonsten dominiert ein ernster, strenger Grundton, der schon einmal ins Scharfe kippen kann. Ein Gefühl der Unerbittlichkeit strahlt er aus und auch eine gewisse, zuweilen beinahe abweisend wirkende Distanz. Die Macht, die eine göttliche sein mag oder nicht, erscheint hier nicht als helfende Hand, sondern bestenfalls als gleichgültig.

Marek Janowski (Foto: Felix Broede)

Marek Janowski (Foto: Felix Broede)

Bleibt der Mensch mit seinem Sehnen, seinem Flehen, seinem Schmerz. Für ihn steht das Sänger*innen-Quartett, über das sich viel und ausschließlich Gutes sagen ließe. Nur so viel: Die Art und Weise, wie sich die unterschiedlichen Klangfarben zusammenfügen zu einer Einheit, die zugleich Vielfalt ist, kann exemplarisch genannt werden. Will man jemanden herausheben, dann vielleicht die kraftvolle Wärme des Tenors Christian Elsners oder die klangliche Fülle bei höchster Variabilität, die Mezzosopranistin Elisabeth Kulman auszeichnet. Gemeinsam durchschreiten sie das gesamte Spektrum menschlicher Erfahrungen, ausdrucksstark, klanglich voller Leben, unerhört innig (etwa im „Benedictus“ oder in der erschütternden Verletzlichkeit des „Et incarnatus est“), aber nie ins Pathetische fallend. Wie überhaupt diese Missa solemnis auf dem Boden bleibt. Überwältigung ist Janowskis Sache nicht. Er ist ein sachlicher Analytiker, der die oft subtilen Entwicklungen – etwas die sehr sachte Öffnung von Klangraum und Bewegung im „Kyrie“ – nachzeichnet, ohne überdeutlich zu werden.

Sehr klar und dezidiert herausgearbeitet dagegen die Wechsel in Ausdruck und Dynamik im „Credo“, wo Janowski das menschliche Ringen um Sinn und Sein in all seinen Facetten hörbar macht. Der Mensch führt, sein sehnender, flehender Gesang treibt das werk voran, nicht immer in gerader Linie, mal mäandernd, mal im Kreis gehend. Doch wird zunehmend klar, dass die Dreifaltigkeit kein Konstrukt einer realen oder erfundenen Gottheit ist. Der Einklang mit der Natur (Erde)und der Sinngebung des Seins (Himmel) sind Grundpfeiler der menschlichen Existenz. Und so gehört das Hauptaugenmerk des Abends dem Zusammenklang der drei Sphären, werden die Solist*innen immer mehr zum Bindeglied zwischen gedämpftem, erdigem Dunkel und klarem, kaltem Strahlen. Sie pumpen Menschlichkeit, Wärme, Gefühl Leben in diese Polarität. Und so wird diese Missa solemnis zu Feier des Menschen in all seiner Zwerrissenheit, seinem Zweifeln, seiner Geworfenheit in diese seltsame Welt. Eindrucksvoll denn auch der Abschluss mit dem auch das „Agnus Dei“, das sich aus fast geisterhaftem fahlen Zwielicht herausschält zu sonnenumglänztem Strahlen, nur um von erwähnter pastoraler Idylle überrumpelt zu werden, bevor es einen schlichten, sachlichen Schluss findet. Keine Überhöhung, keine Katastrophe, sondern irgendetwas dazwischen. Das Leben vielleicht?

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