Übervolle Leere

Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter. Eventuell von Christoph Marthaler, Anna Viebrock und Ensemble, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: Christoph Marthaler)

Von Sascha Krieger

Die Zeit lügt nicht. Auch wenn der Asphalt im Zuschauerraum noch frisch ist und die schwarzen Glitzervorhänge an den Wänden von Erneuerung sprechen: Es ist nicht nur, wenn mal wieder die Kassentechnik ausfällt, nicht zu übersehen, dass 25 Jahre Verausgabung an der Berliner Volksbühne ihre Spuren hinterlassen haben. Fotos hinter Glas erinnern an Bert Neumann oder Christoph Schlingensief, im Foyer werden buchgewordene Bilanzen von Frank Castorfs Theaterleben verkauft, altmodische Röhrenfernseher zeigen Inszenierungsfetzen der vergangenen Jahre. Die Erinnerung ist allgegenwertig, sie erfüllt das Haus, sie schafft seine Gegenwart. Ob dies der richtige Zeitpunkt ist, die Ära Castorf zu beenden, darüber darf gestritten werden und wird es bekanntlich auch, dass nach wie vor hier auch großes, wichtiges Theater geschaffen wird, ist nicht zu leugnen. Doch die Zeichen stehen auf Abschied, auf Rückblick, und wer in den vergangenen Jahren aufmerksam zusah und hinhörte, wird bemerkt haben, dass dies schon länger der Fall ist.

Bild: Sascha Krieger

Bild: Sascha Krieger

Nun ist sie also gekommen, die „letzte Spielzeit“, die für so manchen einer Theaterapokalypse gleichkommt. Und sie beginnt ohne Paukern und Trompeten, leise, langsam, zart, ein wenig melancholisch und nie ganz ohne Augenzwinkern. Eine Mediation über das Verschwinden, über den Abschied des Menschen von sich selbst, über die Vergänglichkeit auch der Kunst hat Christoph Marthaler dem Haus, in dem er fast 25 Jahre lang seine künstlerische Heimat fand, geschenkt. Einen hohen, leeren museumsartigen Raum hat Anna Viebrock auf die Bühne gestellt. Außer ein paar Klavieren und einem einsamen Tisch ist da nichts auf dem abgenutzten Parkett, dass nur dort hell glänzt, wo einst Möbel gestanden haben mögen. Die Bilder sind längst abgehängt, nur ihre Umrisse an den Wänden sind geblieben. Das Vergangene, das abwesende füllt den Raum. So sehr, dass Ulrich Voß, der greise Hüne, keinen Platz findet für seinen Stuhl und unverrichteter Dinge wieder abziehen muss. Denn Kunst und Leben hinterlassen Spuren. Auch wenn sie abwesend, vergangen zu sein scheinen, füllen sie die Welt mit der Substanz, die einst sichtbar war und noch immer spürbar ist. Als Erinnerung, Erbe, Inspiration, Mahnung oder Bürde. Wie der Raum selber: Auch er ist Vergangenheit, 16 Jahre alt, entstanden für einen anderen, früheren Marthaler-Abend im Jahr 2000.

Ein Mann im grauen Kittel räumt verpackte Exponate aus dem Fundus, eingerollt in Luftpolsterfole, umwickelt mit schweren Decken, verstaut in Kisten oder Kartons. Die Exponate, das sind die Künstler selbst, Musiker*innen, Sänger*innen, Schauspieler*innen, die Theaterfamilier des Christoph Marthaler, Ueli Jäggi, Sophie Rois, Irm Hermann, Olivia Grigolli und all die anderen. Sie rollen und kämpfen sich aus ihren Hüllen oder werden aus ihnen befreit und säuberlich im Raum verteilt. Doch sie sind widerständig, singen, tanzen, rezitieren, lassen sich nicht zu stummen Zeitzeugen degradieren. Und so versucht der „Hausmeister“ (Marc Bodnar), die Ordnung wieder herzustellen, presst sie zurück in ihre Kosten, verlädt sie auf seinen Hubwagen und bringt sie zurück ins Lager, von wo sie immer wieder zurückwandern, auf ihre Bühne, in ihren Erinnerungsraum, der ntürlich von der Volksbühne spricht, aber die Welt meint. Musik ist ihre Sprache, der Bogen weit von der Renaussance bis zur Neuen Musik, von religiösen Chorälen bis zur deutschen oder italienischen Volksmusik. Auch alte Utopien klingen an: Hauchzart wird aus dem Kampflied „Brüder zur Sonne, zur Freiheit“ ein Flüstern erstorbener Träume, der in stummen Lippenbewegungen endet. Die Mechanik ist noch da, aber ihre Bedeutung ist entglitten. Gegen Ende mutiert eine karikaturhafte Ballettroutine zum Zucken defekter mechanischer Puppen.

Doch sie bleiben, starr lächelnd, sich mechanisch bewegend – und singend. Ein fast rebellisches „Kyrie Eleison“, ein inniges „Lascia ch’io pianga mia cruda sorte“, ein herzbluterfülltes „In einem kühlen Grunde“, ein tiefschwarz erschütterndes „Ich bin aus tiefem Traum erwacht“ durchbrehcen die Stille und akzentuieren sie. Sophie Rois bellt italienische Lieder, als ginge es um alles. dabei ist nichts zu retten in diesem Labor menschlicher Geworfenheit, in diesem Ballsaal der Geister der Vergangenheit, in dem Lächerlichkeit kein seltener Gast ist, das Publikum über die grotesken Versuche des Weitermachens lacht – aber auch mit den traurigen Narren, die sich nicht verdrängen lassen. Und doch ist da Leben, vielleicht nicht mehr in dem verstaubten „Exponaten“, aber in der Kunst, die sie repräsentieren. Im Spiel, im Tanz, in der Literatur und in der Musik. So leer dieser Raum ist, so erfüllt ist er von dem, was nicht mehr verschwindet, was sich nicht vertreiben lässt, auch wenn es vielleicht unsichtbar ist. Der Abend ist auch ein leidenschaftliches Plädoyer für die Kraft von Kunst und Kultur, die verbindet, vermenschlicht, die Empathie und Verständnis fördert, die Sinn gibt, die Gegenwart mit ihren Wurzeln verbindet, uns sagt, wo wir herkommen und wohin wir gelangen könnten, wenn wir es uns nur zutrauten. Ein melancholischer, berührender und doch so unfassbar leichter, heller Abend. Am Ende scheint kurz der „Danke“-Chor auf, mit dem einst Marthalers legendärer Murx-Abend endete. Dann wird es schwarz und bleibt doch so unendlich hell. Am Ende schenkt Christoph Marthaler „seiner“ Bühne noch einen ganz großen Abend. Man möchte weinen und lachen zugleich.

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Ein Gedanke zu „Übervolle Leere

  1. […] unbedingt ins Festspielhaus hätten schaffen müssen, ist überschaubar. Eigentlich fehlt nur Christoph Marthalers Volksbühnen-Abschied wirklich, auch wenn Sebastian Hartmanns Berlin Alexanderplatz oder Thomas Ostermeiers Professor […]

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