Achilles-Verse mit Troika

Volker Braun: Die Griechen, Berliner Ensemble (Probebühne), Berlin (Regie: Manfred Karge)

Von Sascha Krieger

Zunächst ist alles in schönster Ordnung: Fünfzehn Stühle stehen aufgereiht auf und vor dem makellosen Weiß von Beatrix von Pilgrims Bühne. Auf den Stühlen würdige, weißbehandschuhte Herren im Frack und Damen in Abendgarderobe. Alles sehr gediegen, edel, respektabel. Das bleibt nicht lange so, wenn Volker Braun und Manfred Karge von der fast vergessenen und doch noch längst nicht ausgestandenen Krise des Landes erzählen, das sich nicht nur selbst als Wiege der Demokratie und Geburtsort Europas sieht. Die Erzählung beginnt in der Spätphase der Regierung Papandreou, der letzten eines Systems, das sich über Jahrzehnte durchgewurschtelt hat. Jochen Nimtz versucht sich als Held, doch sieht sich bald gelähmt und aufgehalten – im Wortsinn – von den Monstern, die er schuf. Bald steht er da, entblößt und machtlos. Schon kommt ein nächster, mit Motorradhelm, offenem Hemd und Stinkefinger. Auch ihn hindert man am Fortschreiten, auch er endet abgerissen, ohne Hemd – nicht bevor er es noch mit der verhassten Krawatte versucht hat– ein Bettler, wie sein Land.

Bild: Thomas Eichhorn

Bild: Thomas Eichhorn

Volker Braun, im Hauptberuf Lyriker, macht aus der realen griechischen Tragödie eine theatrale. Er arbeitet mit Versmaß und Chor, beschwört Aischylos und Euripides, jagt den deutschen Finazminister als „Eurotaurus“ durch die Arena, tituliert die berühmt-berüchtigte Troika als an Medusa gemahnendes „Dreihaupt“. Natürlich weiß auch Braun, dass moderne Untergänge nicht zur Tragödie neigen, dass die Götter heute andere sind, profanere, doch nicht weniger mächtig. Und meist zu dritt auftauchen: Die „Institutionen“, die den Griechen ihre Bedingungen aufzwingen im „ersten Geldkrieg“, aber auch die Medien, die manipulieren, Stimmung machen, mal in jene, mal in eine andere Richtung, die hochschreiben und stürzen. Nein, die Tragödie funktioniert nicht mehr, sie liegt ja ohnehin, wie Braun sagt, gleich neben der Komödie, das Marx-Wort von der Wiederholung der Geschichte drängt sich auf.

Also was ist diese sprachmächtige Textmasse nun, die über Putzfrauen erzählt, als wären sie Euripidessche Tragödinnen, die fragt, welche Wahl der Mensch hat, was er mit seiner Stimme, die er erhebt oder abgibt, anzufangen vermag, wer eigentlich dieses Schicksal, das sich ergießt über die Geschlagenen, bestimmt? Der bürokratische Minotaurus? Die populistischen Politiker? Die Banken? Oder doch das Volk, das stets rebelliert, wenn es unterstützen sollte, und stillschweigt, wenn es Zeit wäre, sich zu erheben? Alles zusammen, sagt Braun, aber natürlich doch einige4 (das korrupte System, die geldgeile Finanzwelt, die machtbesessenen Erpresser in Berlin und Brüssel) mehr als andere. Das ist, nun ja, Satire, Farce, Postdramatik, Ballade und womöglich so manches mehr. Es klingt wie Aischylos, reicht Jelinek die Hand und landet doch immer wieder in den Armen von Mario Barth. „Der Griechen einer – ein Kriecher“, „Kein Heller bleibt Hellas“, am Ende lässt man „Drachmen steigen“: So kalauert sich Braun durch ein Szenario, das Bühne sein will, die Welt meint und doch nur ein schwarzes Loch sieht.

Denn was so hehr und hoch tönt, was sich so assoziations- wie faktenreich gibt, was Mythos und Realität verschränken und gegenseitig mit Bedeutung und gar Erkenntnis aufladen will, ist doch kaum weniger als schlichter und kein bisschen komplexer Kulturpessimismus. Die Demokratie ist tot, erschlagen vom Machtkonglomerat aus Gier und Geld, die Krise wird ewig weitergehen, der „kleine Mann“ und die „kleine Frau“ werden weiter leiden, die Banken profitieren und so weiter und so fort. Aus der Tragödie wurde eine Farce im Seifenoperformat, Europa hat nichts dazu- und vieles verlernt, der Blick ist zusammengeschnurrt und trifft bestenfalls noch den eigenen viel zu dicken Bauch. So viel Material Braun hier zusammenträgt, so sehr er sein Publikum mit Fakten und Daten überschüttet, so wenig bleibt da hängen. Vielleicht weil da nicht allzuviel ist.

Und Manfred Karge? Er illustriert und plakatiert, wie man es in seinem Haus gewohnt ist. Natürlich beeindruckt der präzise, kraftvolle Chor vor allem im ersten Teil, wie er rhythmisch prägnat durch die Untiefen der (jüngeren) Geschichte watet, die Aufstiege und Fälle wie gottgegeben erhöht und auf den Boden der Tatsachen zurückschleudert. Doch kennt er eben keine Zwischentöne: Die Troika flicht sich Teufelshörnchen, der Eurotaurus trägt grauen Beamtenanzug, die Gefallenen sind abgerissene, entblößte Verjagte, das Volk trägt Putzfrauenkittel und rote (!) Gummihansdschuhe – Swetlana Schönfeld etwa gibt eine veritable Mutter Courage aus der Mottenkiste. Am Ende fällt der Vorhang, paart sich die Leere des Raums mit der Unordnung auf der Bühne, platte Sinnbilder, die nichts erklären. Und als wäre das alles noch nicht genug, wird das ganze gerahmt vom berühmt berüchtigten Sirtaki aus Alexis Sorbas, zu Beginn im Original, am Ende als A-Capella-Trauergesang. Es geht um Griechenland, Leute. Ach so. 80 Minuten können sehr lang sein.

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