Auf der Suche

Musikfest Berlin 2016: John Adams dirigiert eigene Werke bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Vielleicht ist ja Peter Sellars Schuld. Der war bekanntlich im vergangenen Jahr „Artist in Residence“ bei den Berliner Philharmonikern. Mit dem US-amerikanischen Komponisten John Adams verbindet ihn eine jahrzehntelange Zusammenarbeit – sämtliche Musiktheaterwerke Adams‘ entstanden gemeinsam mit Sellars. Ob dieser dem Orchester die Anregung gab, den 69-Jährigen zu seinem ersten „Composer in Residence“ zu machen, ist nicht bekannt. In jedem Fall wird Adams den Philharmonikern in dieser Spielzeit eng verbunden sein – und beschert dem Berliner Publikum zum Start gleich eine dreifache Premiere: Zu seinem eigenen Debüt als Dirigent des Orchesters gesellen sich das der amerikanisch-kanadischen Geigerin Leila Josefowicz und die deutsche Erstaufführung des für sie – und mit ihr – verfassen Werks Scheherazade.2, einer „dramatischen Symphonie“, wie der Komponist vor der Aufführung sagt. Er hat die Geschichte der ums Überleben geschichten erzählenden Frau weitergesponnen. Seine Scheherazade, so sagt er, ist nicht mehr nur ihre eigene Frau, die der Gewalt einer männlich dominierten Welt widersteht, sondern eine, die zurückschlägt.

John Adams (Bild: Christine Alicino, Boosey & Hawkes Inc.)

John Adams (Bild: Christine Alicino, Boosey & Hawkes Inc.)

Ihre Stimme ist die von Josefowicz‘ Violine. Sie ist eine Suchende, die sich nach Befreiung sehnt, die widersteht und widerspricht und einen Platz für sich einklagt, von dem sie noch nicht genau weiß, wo dieser sein sollte. Josefowicz‘ Spiel ist unendlich klar, sie scheut weder fließende, Gesangslinien noch extremes Vibrato, vereint Fragilität und Pathos, nur um gleich darauf wieder fast wütend wilde rhythmische Volten zu schlagen. Die „Handlung“ erzählt von Verfolgung, Liebe und Flucht. Die Grundstruktur des Werks ist eine dialogische, die der Dirigent Adams klar herausarbeitet: Hier die energische und zugleich lyrische Solistin, die eine weites Spektrum menschlicher Emotionen, Erfahrungen durchschreitet, Hoffnung und Schmerz vereint, dort eine feindliche Welt, verkörpert durch das Orchester, hart, wütend, scharf. Fast panisch flirren die Streicher, verfallen immer wieder in dezidierte Kreisbewegungen, als wollten sie ein Netz spinnen, aus dem die „Heldin“ nicht entkommen kann. Fragmentarische Einwürfe wirken wie Giftpfeile, klangliche Verdichtungen erinnern an Gewaltausbrüche. Doch die treibende Kraft bleibt die Solovioline. Sie setzt den Ton, sie bringt den dramatischen Grundgestus in das knapp 50-minütige Werk. Es ist ihr Dramas, sie ist die Handelnde, das Orchester ist verdammt zu reagieren.

Josefovicz meistert die ungeheuer schwierige Partie, die kaum Pausen kennt, meisterhaft, hat von dramatischer Schärfe und rauem, fast rohem Ton bis zu zartester, zuweilen beinahe schwelgender Lyrik alles im Repertoire, was ihre „Figur erfordert“. Das Orchester spielt hellwach, konturenscharf, jedes Detail betonend. Stark die bruchstückartigen Einwürfe der Celli über den bedrohlichen Wellenbewegungen der hohen Streicher im Schlusssatz. Ein würdiger Gegner, der am Ende jedoch der einsamen Sängerin das Feld überlassen muss. Nicht zu einem Triumph, aber zumindest zum Weiterleben. Suchend und verloren wandert die Solovioline voran und davon. Wohin? Das bleibt offen.

Offen ist auch der Schluss von Harmonielehre, ein Schlüsselwerk in Adams‘ Schaffen und mittlerweile mehr als 40 Jahre alt. Hier überzeugt vor allem der letzte Satz, in dem die Doppeldeutigkeit des Titels – der die musikalische Kategorie der Harmonik ebenso meint wie die Suche des Menschen nach Harmonie mit sich und der Welt – deutlich wird. Er hebt an wie ein Traum. Harfe, Xylophon und Holzbläser schaffen ein lichtes, feines Funkeln, das nicht von dieser Welt scheint. Nach und nach treten weitere Klangfarben hinzu, öffnet und erweitert sich der Klangraum Stück für Stück, schält sich melodisches Material aus diesem Werden, das zum immer selbstbewussteren Gesang heranwächst und sich bald einer Wellen- und Kreisbewegung gegenübersieht, die erbarmungslos auf Stillstand pocht – das Pochen ist hier wörtlich zu nehmen und schnurrt zusammen auf ein existenzielles Zittern. Die Binnenspannung steigert sich bis zum Zerreißen, Stagnation und höchste Bewegung paaren sich im gleichen musikalischen Material. Dann ist Schluss und der Zuhörer holt tief Atem. Wer John Adams‘ musikalisches Universum verstehen will, für den ist dieser Satz in dieser Interpretation ein guter Anfang. Die Verbindung aus zirkulärer Struktur, dramatischer Grundhaltung und der Erforschung des Klangs als Keimzelle musikalischer Entwicklung gelingen hier ebenso exemplarisch wie eindrucksvoll.

Da stört es kaum, dass die ersten beiden Sätze ein wenig spannungsarm, zuweilen fast blutleer wirken, leidend vielleicht unter der Schwierigkeit eines Komponisten, sein eigenes Werk zu dirigieren. Da liegt der Fokus auf metrischer Präzision, werden alle klanglichen, rhythmischen, harmonischen Komponenten so deutlich ausgestellt, dass sie kaum dazu kommen, miteinander zu reagieren, eine wirkliche musikalische Erfahrung im Hier und Jetzt zu schaffen. Das ist über weite Strecken ein wenig zu akademisch geraten, ein musikwissenschaftliches Seminar in Noten. So wirkt der erste Satz ein wenig zu schroff und uneben, der zweite ein wenig schleppend, auch wenn sich strukturelle und formale Entwicklungen sehr gut verfolgen lassen. Eine Unmittelbarkeit musikalischen Erlebens, wie sie der Schlusssatz bietet, stellt sich nur selten ein. Das lässt sich verschmerzen an einem Abend, der John Adams‘ Musik dem Berliner Publikum näherzubringen sucht. Das gelingt ihm ohne Zweifel, auch wenn der weg dorthin eine zuweilen mäandernde Suche darstellt, die nicht immer direkt zum Ziel führt. Auch damit ist er nahe am Werk seines Protagonisten.

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