Hinaus in die Welt

Musikfest Berlin 2016: Kirill Petrenko, Frank Peter Zimmermann und das Bayerische Staatsorchester mit Werken von Ligeti, Bartók und Strauss

Von Sascha Krieger

Nein, ein ganz normaler Abend im Rahmen des Musikfest Berlin ist das nicht. Das liegt an dem stillen, freundlich lächelnden Mann, der da am Dirigentenpult steht. Kirill Petrenke, ehemalischer musikalischer Leiter der Komischen Oper Berlin, hat sich rar gemacht in Berlin in den vergangenen Jahren. Und ist doch in aller Munde, nach dem ihn die Berliner Philharmoniker im Juni vergangenen Jahres zu ihrem nächsten Chefdirigenten gewählt haben – und das nach gerade einmal drei Auftritten mit dem Orchester und mindestens nochmals so vielen Absagen. Er hat in der darauf folgenden Spielzeit hier nicht gastiert und lässt die Philharmoniker und ihr Publikum noch bis kommenden Frühjahr auf seinen Antrittsbesuch als designierter Chefdirigent warten. Und so ist sein Gastspiel mit dem Bayerischen Staatsorchester, dem der gebürtige Russe seit drei Jahren vorsteht, die erste Begegnung des Berliner Publikums mit ihm seit seiner Wahl. Es ist eine, das darf man nach zwei Stunden in der Philharmonie sagen, vielversprechende. Und auch das ist eigentlich eine Untertreibung.

Kirill Petrenko dirigiert das Bayerische Staatsorchester beim Musikfest Berlin 2016 (Bild: Monika Rittershaus)

Kirill Petrenko dirigiert das Bayerische Staatsorchester beim Musikfest Berlin 2016 (Bild: Monika Rittershaus)

Dass sich das Publikum am Ende begeistert zeigt, ist keinesfalls selbstverständlich. Zum einen hat das Programm seine Ecken und Kanten, zum anderen ist Petrenko das Gegenteil eines auf Wirkung bedachten show-Dirigenten. er ist ein Meister des Subtilen, der Zwischentöne, des Understatement. Und beweist, dass weniger manchmal tatsächlich so viel mehr zu sein vermag. Das gilt bereits für das erste Werk des Abends, György Ligetis Lontano, ein gut zehnminütiges klangliches Kontinuum, dem Petrenko subtilste Farbentwicklungen und -wechsel entlockt, die sich ganz natürlich zu ergeben scheinen, ein mitunter kaum merkliches Werden, Vergegen und sich Verändern, das jedoch stets ungeheuer transparent bleibt. Auch nuancierteste Farbdetails bleiben nicht verborgen, ohne das sich der Blick je vom Effekt des Ganzen löst. Petrenko legt die Klangschichten frei, die Ligeti erzeugt, löst ganz kurz nur die Oberfläche von ihrem Grund, nur um hörbar zu machen, welches mehrdimensionale Klanguniversum sich hier entfaltet. Und sein Orchester folgt ihm, mit einem so feinen Klanggewebe, dass es gar nicht anders kann, als durchsichtig zu wirken. Man kann kaum von Präsenz sprechen und doch steht das etwas im Raum, bleibt dort, lange nachdem der letzte Ton verklungen ist, und lässt den Zuhörer nicht los.

Mit großer Zartheit hebt dann Béla Bartóks ersters Violinkonzert an. Frank Peter Zimmermann ist der Solist und er gibt dem Werk einen beinahe klassisch zu nennenden Ton. Eis ist ein lichter, klarer, sehr zarter Gesang, den er seiner Stradivari entlockt, ein sachtes Sehnen, dem sich das Orchester kongenial anschließt. Dessen Spiel ist zunächst sehr reduziert, blüht dann wie organisch auf und wächst nach und nach heran zu einem Partner des Solisten auf Augenhöhe. Das Orchester grundiert Zimmermanns Spiel und verstärkt seinen klassisch reduzierten Tonfall durch eine subtile Öffnung des Klangfeldes, eine nuancierte Auffächerung der Klangfarben, bevor es zunehmend auch als Dialogpartner in Erscheinung tritt. Der Klang ist hochtransparent, farbenreich und stets schlang an der Grenze zur Kargheit. Hier walten keine großen Gesten, Petrenko und Zimmermann interpretieren das der vom jungen Bartók angehimmelten Geigerin Stefi Geyer gewidmete Werk als intimes Bekenntnis. Auch im bewegten zweiten Satz: Zimmermann fliegt leichtfüßig durch die sich belebende rhythmische Landschaft, Dirigent und Orchester breiten einen schlanken, sehr konturenscharfen Klangteppich aus, verdichten die Anschwellbewegungen zu kraftvollen Momenten höchster Lebendigkeit, akzentuieren die zunehmenden Abbrüche und Neuanfänge, als immer wieder scheiternden Versuche, die richtigen Worte zu finden. Dem liebenssehnen der Solovioline setzen sie eine durchaus nervöse Lebendigkeit dabei, deren Unsicherheit mit der unerfüllten Liebe korrespondiert. Bartók, der Modernisierer, bleibt an diesem Abend fremd. Er wird nicht vermisst.

Frank Peter Zimmermann, Kirill Petrenko und das Bayerische Staatsorchester beim Musikfest Berlin 2016 (Bild: Monika Rittershaus)

Frank Peter Zimmermann, Kirill Petrenko und das Bayerische Staatsorchester beim Musikfest Berlin 2016 (Bild: Monika Rittershaus)

Die größte Überraschung ist dann jedoch Richard Strauss‘ nicht ganz zu unrecht unterschätzte Symphonia Domestica, ein symphonisches Familienporträt, das stets an der Grenze zur Belanglosigkeit entlangschlittert. Petrenko wirft sein Orchester sofort in erstaunlich stürmische Fluten. Konturenscharf, höchst lebendig und beinahe zerklüftet erscheint der Beginn, ein Feuerwerk ungebremster Lebendigkeit, das immer wieder zu überraschend scharfen ausbrüchen führt. dem gegenüber stehen berückend zarte lyrische Gesangspassagen, getragen von unerhört klar tönenden Streichern, ins weite geführt vom warmen, lichten Gesang der Holzbläser. Die zum Teil weiten Melodiebögen wirken nie schwer, Petrenko lässt sie im Raum schweben, eine Weite suchen, die Strauss wohl gar nicht so vorgesehen hat. Die Themen wandern durch die Instrumentengruppen, der klang öffnet sich Stück für Stück, ein vielfarbig glitzerndes Strahlen stellt sich ein, das Familienporträt wird zur feinen, detailscharfen Miniatur einer Lebensfülle, der die vier Wände eines großbürgerlichen Anwesens nicht ausreichen. Innerlich bewegt ist diese Musik, sie will in die Welt hinaus, ins Licht und vielleicht auch ins Dunkel. Vielleicht sollte die Symphonia Domestica so nie gehört werden. Das Publikum scheint jedoch dankbar zu sein, diesen Weg mitgegangen zu sein.

Und ertrotzt noch eine Zugabe: Das Hausorchester der Bayerischen Staatsoper gibt denn noch eine Meistersinger-Ouvertüre zum besten, die ungewöhnlich lebhaft, fast ruppig und durchaus ein wenig launisch daherkommt. Von Mittelalterverklärung und feierlichem Pathos keine Spur, diese Musik atmet Ungeduld, will hinaus in die Welt und mit Strauss‘ Kleinfamilie Neues entdecken. da ist kein Platz mehr für subtile Detailarbeit, eine ganze Wagner-Oper durchzusitzen, ist nach diesem Vorspiel unvorstellbar. Eine lange und von Glücksmomenten reiche Amtszeit Kirill Petrenkos am Philharmoniker-Puklt jedoch keineswegs.

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Ein Gedanke zu „Hinaus in die Welt

  1. Schlatz sagt:

    Schöner Bericht!

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