Reibungsenergie

Musikfest Berlin 2016: Gustavo Dudamel dirigiert das Orquesta Sinfónica Simón Bolívar de Venezuela mit Werken von Villa-Lobos und Messiaen

Von Sascha Krieger

Über El Sistema, das weltweit bewunderte Programm, mit dem in Venezuela Musikerziehung und -ausbildung genutzt werden, um Kindern und Jugendlichen Perspektiven im Leben zu schaffen, ist genug geschrieben worden. Auch darüber, dass das in erster Linie für soziale Ziele konzipierte System längst auch Musiker von höchster Qualität hervorgebracht hat. Aushängeschild von El Sistema ist das Orquesta Sinfónica Simón Bolívar de Venezuela, ein ehemaliges Jugendorchester, das mittlerweile nicht nur aufgrund seiner Herkunft auf den Bühnen dieser Welt gefeiert wird. Sein Leiter ist das berühmteste Produkt von El Sistema, Gustavo Dudamel, einer der begehrtesten Dirigenten seiner Generation. Dem man gern nachsagt, seine Interpretationen strotzten nur so von Energie und Leidenschaft, wären aber oft strukturell unklar und analytisch unscharf. Wer seinen Auftritt beim diesjährigen Musikfest Berlin miterleben konnte, mag darüber nachdenken, diese Ansicht ein wenig zu modifizieren. So viel Energie dieser Konzertabend erzeugt, so klar und konzeptionell stringent ist  auch der Zugriff Dudamels auf die beiden so unterschiedlichen Werke, die er dirigiert.

Gustavo Dudamel dirigiert das Orquesta Sinfónica Simón Bolívar de Venezuela (Bild: Gerardo Gómez)

Gustavo Dudamel dirigiert das Orquesta Sinfónica Simón Bolívar de Venezuela (Bild: Gerardo Gómez)

Da wären zunächst, als eine Art musikalische Vorspeise, die zweiten der Bachiana Brasileiras von Heitor Villa-Lobos. Dudamel hält sich nicht lange auf mit den Bach-Bezügen des an die im Barock beliebten Suiten angelehnten viersätzigen Werks. Konturenscharf lenkt er den Blick auf die ausgreifenden, meist der populären brasilianischen Musik entlehnten Melodien, die er mit sattem, oft filmisch anmutenden Klang und geschliffener Eleganz spielen lässt. Die tiefen Register geben den Grundton vor, bilden das Fundament, auf dem diese angenehme, mit kontrolliert und punktuell eingesetzter klar akzentuierter und trotz imposantem Schlagwerk nie dominierender Rhythmik unterlegte Musik sich ausbreiten darf. besonders gelungen der Schlusssatz, in dem Dudamel den fließenden Streichergesang durchaus ironisch mit der trippelnden Rhythmik der musikalischen Umsetzung einer Eisenbahnfahrt kontrastiert, bevor die Stimmung abrupt kippt, das musikalische Material sich auflöst, der Klang sich ausdünnt, bis Partikel übrig bleiben, die alsbald im Raum verschwinden. Der schöne Glanz, er war doch nur Illusion.

Damit ist der Boden bereitet für den Hauptgang, Olivier Messiaens monumentale Turangalîla-Symphonie, der Kulminationspunkt seiner ersten, von opulenten Klangerforschungen geprägten Schaffensphase. Bei Dudamel und seinem Orchester wird das 75-minütige Werk zu einem Ort, an dm elementare Kräfte miteinander ringen, rhythmische, klangliche, dynamische Kräfte. Vom ersten Takt an herrscht eine ungeheure Spannung. Das massige, dunkle, statuenhafte, repetitive Hauptthema steht sofort im Konflikt mit Kräften, die voran wollen, dem getragenen Stillstand entgegentreten mit kompromisslos atemlosem Stakkato. Angetrieben von Jean-Yves Thibaudets Klavier tritt zur Feierlichkeit der tiefen Register eine schärfe, die verunsichert, aufbricht, stört und zerstört. Apropos Thibaudet: Der Star-Pianist versteht sich an diesem Abend vor allem als Rhythmiker und Schlagzeuger, stellt sich ganz in den Dienst des großen Ganzen und bildet mit seinen treibenden, harten Schlägen und vor allem auch den zerrissenen, disruptiven und alle vermeintliche Ordnung stets durcheinander neu sortierenden Solo-Passage Kraftzentrum und Gravitationsfeld des Werks. Er setzt in Bewegung und bringt zum Stillstand, er ist die Mitte, die diese musikalische Welt doch eigentlich gar nicht hat.

Die Turangalîla-Symphonie in dieser Interpretation ist pure Reibung und erzeugt durch diese eine Energie, die unmittelbar scheint, fast körperlich auf den Zuhörer einwirkt und lange nachhallt. Messiaen trennt die großen Instrumentengruppen – Streicher, Blechbläser, Holzbläser sowie Schglagzeug und Tasteninstrumente – klar in ihren Funktionen und klanglichen Qualitäten. Ihr Gegeneinander ist das Herz, das diesem Werk Leben gibt. Immer wieder stehen die weiten melodischen Bögen der Streicher gegen den pochenden, treibenden oder disruptiven Rhythmus der zehn Schlagzeuger. Der satte Streicherklang löst sich wiederholt auf in flirrende Ambivalenz, aus selbstbewusster Kraft wird brüchige Auflösung, je lauter die Musik wird, desto mehr sucht sie die Stille. exemplarisch der Mittelteil: Der fünfte Satz ist ein langes Crescendo, eine stetige Zunahme an klanglicher Kraft und rhythmischer Intensität, aufgebrochen von Solopassagen Thibaudets findet er letztlich zu einer zwingenden Bewegtheit, die etwas Unausweichbaren, ja beinahe Totalitäres hat. Doch dann der sechste Satz: Die ganze Energie ist verpufft, langsam und schwerfällig muss die Maschine wieder angeworfen werden. Die Streicher spielen plötzlich flächig, zunächst luftig leicht, dann immer schwerer, massiver, das Klavier setzt glockenhafte Akzente, aus der zwingenden Bewegung ist ein ebenso konsequenter Stillstand geworden.

Was hier einander gegenübersteht, findet sich im Rest des Werks auf engerem Raum immer wieder. Dunkelheit und Licht, satter Orchesterklang und karge Reduktion, weite melodische Bögen und pointierte Rhythmik, lebensvoller Lärm und bedrückende Stille: Die Turangalîla-Symphonie lebt von der Gleichzeitigkeit des Disparaten. Das nur selten, etwa zu Beginn des Finalsatzes, verschmelzen, sich zumeist jedoch gegenseitig in die Parade fahren, einander widersprechen, immer wieder miteinander ringen. Oft scheint es, als erzählte die Musik jeweils zwei, gar drei unterschiedliche Geschichten, die miteinander nichts zu tun haben. Selbst die Rhythmik kennt diesen Widerspruch, etwa im siebten Satz, wenn das zerrissene Mäandern des Klaviers auf das stete Klopfen der Holzblöcke trifft. Wo Holzbläser und oft auch Streicher kreisen, preschen Schlagzeug voran, grundiert vom stetigen Fluss der Blechbläser und doch ist auch in den Instrumentengruppen der Stachel des Widerspruchs stets präsent.

Dudamel und seinem fabelhaften Orchester gelingt es, dieses Ringen auf jeder Ebene herauszuarbeiten – mit einer Klarheit, die zuweilen sprachlos macht. Auf der klanglichen tobt ein Kampf zwischen hell und Dunkel, zwischen der Sicherheit des vollen Orchesters und der Bedrohung fragmentarischer Ausdünnung, ein Kampf, der nicht selten auch innerhalb der Instrumentengruppen geführt wird. Rhythmisch und strukturell herrscht der Widerstreit zwischen auf Stillstand hinarbeitenden Kreisbewegungen und einem gnadenlosen Vorwärts, auf dynamischer jener zwischen orchestraler Kraft und Auflösung in die Stille, Lebensfülle und Tod. 75 Minuten lang reiben sich die Kräfte aneinander, ohne Lösung, ohne Sieger außer vielleicht dem Zuhörer, der die Energie spürt, die diese Reibung erzeugt, das Feuer, das aus dieser Musik schießt und das in jedem Moment zugleich lebenspendend und zerstörerisch ist. Ein Lied von der Liebe, der universalen, letztlich göttlichen Liebe will Messiaen hier singen. eine Liebe, die erkämpft sein will, ihren Preis hat, das Dunkel so gut kennt wie das Licht.

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