Musik zum (Be)Greifen nah

Musikfest Berlin 2016 – Andris Nelsons dirigiert die Berliner Philharmoniker mit Werken von Debussy, Varèse und Berlioz

Von Sascha Krieger

So ist das mit Altbekanntem: Irgendwann glaubt man, alles darüber zu wissen und nimmt doch nichts mehr wirklich wahr. Das ist mit bekannten, populären Musikstücken, die oft gespielt und oft gehört wurden, nicht anders und gilt für Zuhörende wie Ausführende. Andris Nelsons ist sich dieser Gefahr durchaus bewusst. Und so ist sein Zugang von großer Vorsicht geprägt, lässt er die Berliner Philharmoniker sich ganz behutsam hinein- und herantasten, wenn er mit ihnen zwei der meist gespielten Werke der Musikgeschichte angeht: Claude Debussys Prélude a l’après-midi d’un faune und Hector Berlioz‘ Symphonie fantastique, die man getrost zu Nelsons‘ Lieblingswerken zählen kann. Um es vorweg zu sagen: Letzterem Werk bekommt der Ansatz um einiges besser als ersterem. Debussys Zehnminten-stück lebt vom klanglichen Farbenspiel, von seinem unvergleichlichen Atem. Der hier stottert: Solo-Flötist Mathieu Dufour geht das berühmte Solo sehr reduziert, beinahe brüchig an, hält es im Zwielicht, erlaubt ihm nicht zu strahlen. Dabei spielt das Orchester nicht nur hellwach, sondern auch mit höchster Transparent. Da ist viel Licht, aber wenig funkeln. Kein Präludium, eher ein Nachgedanke, der schnell wieder verschwindet. Wenngleich in  sehr berührender Weise: Der zarte, verloren suchende Schluss ist eindringlich in seiner Annäherung an die Stille.

Andris Nelsons (Foto: Marco Borggreve)

Andris Nelsons (Foto: Marco Borggreve)

Besser gelingt die fragende Herangehensweise beim um einiges massiveren der beiden Werke, der Symphonie fantastique. Auch hier tasten sich Orchester und Dirigent erst einmal heran an die romantische Fülle und die jugendliche Experimentierlust des gerade 27-jährigen Komponisten. Das Orchester präsentiert sich in Höchstform. Ungeheuer nuancenreich arbeitet es jedes Detail heraus und verliert doch nie den Blick fürs große Ganze. Ein voller, geerdeter Klang, der zugleich von höchster Transparenz ist, öffnet die Musik für den Raum, energisch stürzen sich die Musiker ins Werk, ohne je die fragende Grundhaltung ganz zu verlieren. Den Walzer im zweiten Satz lässt Nelsons fließen, die Ausdruckswechsel sind klar herausgearbeitet, verbinden sich mit dem den Satz bestimmenden Walzer jedoch auf organische Weise. Der einsame Gesang von Flöte und Klarinette steht wie eine Insel im Raum und gewinnt noch an Intensität durch den Kontrast mit der fließenden Fülle um ihn herum. Überraschen dramatisch dann der Mittelsatz. Von pastoraler Idylle zunächst keine Spur – erst nach und nach erkämpfen sich die Holzbläser ihren Raum neben den zunächst sehr dominanten Streicher. Es entspinnt sich ein spannendes Zwiegespräch zwischen der urbanen und der ländlichen Sphäre, dem mondänen Salon und der gebändigten Ländlichkeit eines englischen Gartens. Das ist zuweilen stürmisch und endet in der verlorenen Klage des Englischhorns (Dominik Wollenweber). Lebensfülle ohne den Versuch einer Nivellierung: Hier steht das Disparate nebeneinander und gehört doch untrennbar zusammen.

Sehr unruhig dann der Hinrichtungs-Fiebertraum des vierten Satzes. Er beginnt stark reduziert,  zieht immer wieder an und bremst doch genau so oft ab. Das Schlagwerk dominiert und lässt sich doch zugleich auch unterspülen von anderen, melodischen Kräften. Die festlichen Bläser bilden ein Gegengewicht zur harten Düsternis, die sie umgibt. Auch hier regiert die Vielfalt, sind Licht und Dunkelheit ineinander verschlungen. Sehr keck meckert die Klarinette von Werner Seyfarth im Schlusssatz, der sehr kraftvoll daher kommt und diese Kraft vor allem aus der Vielfalt der versammelten Ausdrucksmodi schöpft. Hier brodelt das musikalische Material vollends, herrscht eine schöpferische Unruhe, die sich aus strengem Korsett (Dirigent) und hoher Spielfreude (Orchester) nährt. Der Schluss ist beinahe freudig zu nennen, in dieser immer kontrollierten und gleichzeitig immer wieder über den Tellerrand lugenden Lektion in Lebensfülle. Da erstaunt am meisten, wie frisch diese tausendmal gehörte Musik zu klingen vermag.

Mit dem Problem der Familiarität hat Edgar Varèses Arcana, das die Mitte des Abends bildet, weniger. Hier gilt der Blick vor allem der Vielfalt der Klangfarben, die Varèse als eigenständiges musikalisches Ausdrucksmittel begreift. So idiosynkratisch und einzigartig der Komponist in der Musikgeschichte steht, so wenig bewegt auch er sich im luftleeren Raum. Und so findet Nelsons in dem Stück vor allem zu Beginn überraschend viele Querverweise, lässt es zuweilen erstaunlich stark nach Mahler klingen. Später wird es sperriger, doch interessiert Nelsons hier der Zusammenhalt mehr als die Einzelteile, die er nichtsdestotrotz klar akzentuiert und aus denen er das Ganze zusammenbauen lässt. In seiner inneren Bewegtheit weist das Werk auf den nachfolgenden Berlioz hinaus (oder zurück), große Detailschärfe und der Mut zu auch grellen, extremen Klängen erzeugen Spannung und betonen die Körperlichkeit dieser immer greifbar wirkenden Musik. Orchester und Dirigent blicken praktisch ins Innere des Werks und teilen diesen Blick mit dem Publikum. So kommt das Werk näher, wird es konkreter, lädt es ein zur Auseinandersetzung, erweist sich als so lebensvoll wie nie ganz enträtselbar wie der ganze kraftvolle Konzertabend.

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Ein Gedanke zu „Musik zum (Be)Greifen nah

  1. Schlatz sagt:

    Ja, spannendes Konzert, wie immer mit Nelsons

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