Der Riss, der bleibt

Musikfest Berlin 2016: Valery Gergiev dirigiert die Münchner Philharmoniker mit Werken von Schostakowitsch und Ustwolskaja

Von Sascha Krieger

Schon der Beginn des Abends ist passend: Als Dirigent Valery Gergiev und Schauspieler Alexei Petrenko die Bühne betreten, schallt ihnen erst einmal ein veritables Buh-Gewitter entgegen. Das liegt diesmal nicht an Gergievs durchaus umstrittene Nähe zu Wladimir Putin – die bekanntlich schon vor seinem Münchner Amtsantritt zu massiven Protesten geführt hatte – sondern daran, dass beide Publikum und Musiker etwa zehn Minuten warten lassen, ohne dass eine Erklärung gegeben wird (Anmerkung: In einem Statement gaben die Festspiele heute bekannt, es handelte sich um eine Indisponiertheit Petrenkos). Die Atmosphäre im Saal ist damit schon vor dem ersten Ton recht angespannt. Das ist dem Programm durchaus angemessen, schließlich führt Gergiev sein Publikum auf die Schattenseite der menschlichen Existenz. Den Anfang macht die dritte Symphonie der bis heute kaum bekannten Galina Ustwolskaja, einer ganz und gar eigenwilligen Stimme in der russischen Musik, ehemalige Schostakowitsch-Schülerin und eine der wenigen, von denen dieser einiges hielt. Dabei könnten ihre Klangwelten von denen ihres Lehrers kaum weiter entfernt sein. Ihre „Dritte“ ist ein kompaktes Stück  von 15 Minuten länge, gebaut um ein kurzes Gebet eines Benediktiners aus dem 11. Jahrhundert. Petrenko trägt es mit stillem Pathos, leicht bebender Stimme, zunehmender Innigkeit vor, doch es bleibt intim, persönlich, seltsam fehl am Platze inmitten diesen großen Konzertsaals.

Valery Gergiev dirigiert die Münchner Philharmoniker beim Musikfest Berlin 2016 (Bild: Kai Bienert)

Valery Gergiev dirigiert die Münchner Philharmoniker beim Musikfest Berlin 2016 (Bild: Kai Bienert)

Auch weil Gergievs Lesart des Werks diese leise Intensität nicht teilt. Er stellt die Musik als Monolithen auf die Bühne, massig, undurchdringlich, ein wenig bedrohlich. Der Grundton ist düster, hellere Klangfarben, schmerzlichere Töne können sich kaum behaupten. Der Eindruck von Eintönigkeit wird weiter unterstützt durch eine Reduzierung der bei Ustwolskaja gern mal sehr extremen dynamischen Kontraste und die Betonung des immer gleichbleibenden, hier bewusst schleppenden Grundtempos. Wenn dies ein Gebet sein soll, dann ist es kein flehendes oder gar hoffnungsvollen, sondern eines jener, die dem Gläubigen in der Beichte zur Buße auferlegt werden. Seltsam spannungsarm kommt das Werk daher, die für die Komponistin so typische Klangdichte geht in der Blockhaftigkeit des auf seinen dunklen Grundton reduzierten Werks weitgehend unter. Erst ganz am Ende lässt Gergiev den Zuhörer etwas nähertreten. Wie ein versiegender Herzschlag, der sich weiter und weiter entfernt, ist das karge, stille Pochen der drei Trommeln. Ein letzter Säufzer an den tauben Gott.

Was dem Werk seiner Schülerin an diesem Abend fehlt, wird dem Lehrer mit vollen Händen gegeben. Dmitri Schostakowitschs vierte Symphonie wird oft als Bekenntnis seines Komponisten interpretiert. Ein sperriges, eigenwilliges, sich der Unterordnung unter eine ideologische Vorgabe verweigernde musikalische Selbstbehauptung, die der Komponist jahrzehntelang zurückhalten musste, weil sie ihm den Kopf hätte kosten können, entstanden, während Schostakowitsch bei jedem Klopfen, jedem Klingeln an der Tür damit rechnen musste, von Stalins Geheimpolizei abgeholt zu werden. Die Vierte ist ein komponierter Abgrund, das alles andere als nur persönliche Porträt eines Lebens, das stets am Rande der eigenen Auslöschung wandelt. Gergiev dirigiert das Werk wie einen einstündigen Ausnahmezustand. Jede Kante ist messerscharf, jeder Ton eine potenziell tödliche Waffe, jedes Crescendo wie eine alles vernichten könnende Explosion. Extrem druckvoll der Beginn, schnell gewinnt das Orchester eine schneidende Schärfe, die es bis zum letzten Takt behalten wird. Ein voller, satter, etwas erdiger Orchesterklang kann nicht verbergen, dass es in jeder Sekunde brodelt, dass hier in jedem Moment etwas dabei ist hervorzubrechen. Das gilt gerade auch für die stilleren Passagen, in denen die Luft bis zum Zerreißen gespannt scheint.

Alexei Petrenko, Valery Gergiev und Mitglieder der Münchner Philharmoniker bei der Aufführung von Galina Ustwolskajas dritter Symphonie (Bild: Kai Bienert)

Alexei Petrenko, Valery Gergiev und Mitglieder der Münchner Philharmoniker bei der Aufführung von Galina Ustwolskajas dritter Symphonie (Bild: Kai Bienert)

Starke Kontraste prägen diese Lesart: Tempi, Dynamik, Rhythmus polarisieren sich in ihre Extreme und prallen ungebremst aufeinander. Dabei entstehen Brüche, Risse, in denen der Abgrund gähnt. Unerbittliches Vorwärtsdrängen trifft auf abruptes Abbremsen, der Stillstand ist nicht weniger bedrohlich als die zuweilen fast unerträglichen Ausbrüche, wenn sich die widerstrebenden Kräfte zusammenballen, nur um sich gleich darauf wieder in Fragmente zu zersplittern. Jede Instrumentengruppe, zum Teil auch einzelne Instrumente, erscheint autonom, die Symphonie ist ein dauerndes Versuchen und Scheitern eines Zusammenkommens, in dem selbst Gewalt liegt. Im kurzen zweiten Satz kommt das Geschehen beinahe zum Erlegen, eine Kreisbewegung, die doch nichts Tröstliches hat. In diesem Auf-derStelle-Treten liegt nicht weniger Unruhe als in den zerklüfteten Klanglandschaften der ausgedehnten Ecksätze. Da kommt der Trauermarsch zu Beginn des Finales fast ein wenig hüpfend daher, sich in seiner selbstgewissen Setzung nicht recht trauend. Nein, auch die Dunkelheit ist sich ihrer nicht sicher, gleißendes Licht dringt durch sie und kündet doch nur von weiterer Gefahr.

Rastlos hastet die Musik voran, mal treibend, mal getrieben. Und kulminiert ganz am Ende: Extrem die Reduktion der fragil flirrenden Streicherflächen, extrem auch der Zug ins Weite einer Entladung, die nun mehr alles unter sich begrabende Lawine als zeitlich begrenzte Explosion ist. Ein letztes Mal reiben sich Hell und Dunkel, Gewalt und Trauer, Lärm und Totenstille aneinander. Kaum erträglich das Ende: Da flirren die Streicher ein letztes Mal, steigt die Spannung ins Unermessliche. Kein Stillstand, kein Atemholen, es ist die Stille im Auge des Sturms, die Ruhe vor dem großen, letzten Ausbruch, der sich kommt, in seiner Antizipation, der Musik gewordenen Erwartung und Angst vor ihm aber noch viel bedrohlicher wirkt, als wenn er durch die Philharmonie tobte. Es ist nie vorbei, sagt dieser Schluss, die Angst bleibt, solange wir uns am Abgrund entlang hangeln. Und wenig deutet daraufhin, dass wir dessen Rand in absehbarer Zeit verlassen könnten.

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Ein Gedanke zu „Der Riss, der bleibt

  1. Schlatz sagt:

    Wie immer stammt die sorgfältigste Besprechung von Stage and Screen 🙂

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