Gebändigtes Toben

Daniel Harding und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks eröffnen das Musikfest Berlin 2016 mit Tutuguri von Wolfgang Rihm

Von Sascha Krieger

„Tobende Ordnung“: Als vor einigen Monaten das Programm des Musikfest Berlin vorgestellt wurde, kristallisierten sich schnell diese beiden Worte als inoffizielles Motto heraus. Sie stammen vom französischen Schriftsteller und Theatertheoretiker Antonin Artaud. „Alles muss haargenau in eine tobende Ordnung gebracht werden“, schrieb dieser im Jahr 1947. Ein neues, rohes, unmittelbares Theater, eines, das sich nicht mehr im Korsett von Sprache oder Handlung gefangen sah, schwebte ihm vor, eine neue, befreite Kunst. Eine seiner Inspirationsquellen waren die Rituale der  Tarahumaras, mexikanische Ureinwohner, bei denen er in den 1930er Jahren einige Zeit verbrachte. Ihren zentralen Ritus von der schwarzen Sonne, ein rauschhaftes – und rauschmittelbewährtes –Reinigungsritual setzt er in ein Gedicht um. Tutuguri heißt es, liegt in zwei Fassungen vor und inspirierte 1982 den 28-jährigen Wolfgang Rihm zu einem Werk, das Grenzen niederreißt. Über zwei Stunden ist es lang, erfordert neben einem großen Orchesterapparat ein gigantisches Schlagwerk – sechs Schlagzeugsolisten und vier zusätzliche Tamtams, einen Sprecher und einen Chor vom Band. Rihm, der sich nie in irgendeine theoretische Schule pressen lassen wollte, der die Musik immer als Ort der Freiheit angesehen hat, schuf mit Tutuguri sein vielleicht freiestes Werk, eines, das Grenzen nicht sprechen will, sondern sie gar nicht erst akzeptiert.

Daniel Harding dirgiert das Eröffnungskonzert des Musikfest Berlin 2016 (Bild: Peter Adamik)

Daniel Harding dirgiert das Eröffnungskonzert des Musikfest Berlin 2016 (Bild: Peter Adamik)

Mit diesem werk eröffnet nun das Musikfest Berlin 2016. Das ist sicher auch symbolisch zu sehen. Im spätsommerlichen Festivalzirkus zwischen Salzburg, Luzern und London, hat sich Berlin unter der künstlerischen Leitung von Winrich Hopp als Heimat des Experimentellen, thematisch stringenter Programme jenseits des Gewohnten, als Ort des „Unerhörten“, wie Festspiele-Intendant Thomas Oberender beim Eröffnungsempfang sagt, etabliert. Ein Werk wie Tutuguri wirkt sicher nicht ganz ungewollt wie ein Schlag ins Gesicht des üblichen Festival-Konsens. Und ein Schlag ist es, einer, der gut zwei Stunden lang andauert. Der Schlag ist sein Grundprinzip und das machen Daniel Harding und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks vom ersten Takt an klar. Die Geburt der Musik aus dem Schlag – auch so lässt sich Tutuguri lesen und genau so interpretiert es Harding. Der Schlag als disruptives Element, als Störung, als Moment des Auf- Ein-, Niederbrechensbrechen. Aber auch als kollektivierende Kraft, als Grundkomponente des Rhythmus, jener Macht, die Heterogenes zusammenzwingt, Gemeinschaft schafft, einen Sog erzeugt, der stets am Rande des Totalitären wandelt.

In Hardings Lesart ist alles perkussiv: die menschliche Stimme – der Abend beginnt mit der Rezitation des Gedichts durch den Schauspieler Graham Forbes Valentine, der spricht, als wäre er ein Schlaginstrument – der Chor, die anderen Instrumentengruppen. Insbesondere die Streicher agieren immer wieder perkussiv, bis hin zum Pochen der kraftvoll gezogenen Saiten der Kontrabässe. Aber auch die einsamen und wie in ein Vakuum gestellten repetitiven Rufe der Holzbläser im zweiten Bild sind weniger melodisches Material als rhythmisches Element. Das Primat des Schlages – es bleibt unwidersprochen, gerade weil Harding die Gegenbewegungen durchaus betont. Die Streicherflächen und lang gehaltenen Akkorde des zweiten Bildes, die ausgedehnten Pausen und Annäherungen an die stille im gesamten Werk: Sie sind Reibungsfläche und Nährboden zugleich für die Urkraft des Auf- und Umbrechens, das Grundprinzip der Veränderung. Man kann es auch Leben nennen. Rihm wird später vom Ineinandergehen von Werden und Vergehen, der Gleichzeitigkeit von An- und Abwesenheit als Essenz von Musik sprechen. Tutuguri ist ein lang anhaltender Bruch, einer, aus dem etwas wird, entsteht, wächst, das doch sogleich wieder zusammenbricht. Eindringlich vor allem der Schlussteil, der allein dem Schlagwerk auf der nun weitgehend leeren Bühne gehört. Mal spielen sie homogen als Einheit von beinahe gewalttätiger Kraft, nur um sich gleich wieder aufzuspalten in seine klangliche Vielfalt, zu der sie nicht mehr die anderen Instrumente brauchen. wo zuvor streicher und Blechbläser klangliche Ambivalenzen und überraschende Verbindungen produziert haben, übernimmt nun das Schlagwerk allein diese Aufgabe, öffnen etwa ganz am Schluss die Becken eine ganz neue klangliche Dimension, in der sich die Härte des Schlages, auf der bislang alles basierte auflöst, umwandelt in etwas Neues, Werdendes, wohl auch Vergehendes.

Wolfgang Rihm (Bild: Kai Bienert)

Wolfgang Rihm (Bild: Kai Bienert)

Tutuguri ist ein Werk, das erschüttert, überwältigt, mitreißt, kurz: das den Zuhörer an keiner Stelle kalt lassen sollte. Doch genau das gelingt Harding und seinen Musikern nicht. Die Spannung, die mitunter die Schwelle zum Erträglichen überschreitet, können sie nicht halten, immer wieder schleichen sich Momente des „Das haben wir doch schon gehört“ ein. Das hat mit der interpretatorischen Haltung Daniel Hardings zu tun. Er nähert sich dem Werk auf analytische Weise, mit einer Distanz, die ihm nicht unangemessen ist. Tutuguri ist natürlich tief verwurzelt im 20. Jahrhundert. Strawinsky-Vergleiche drängen sich auf, die Faszination mit dem „Ursprünglichen“, dem archaischen Ritus als Abwehrbewegung moderner Überforderung erscheint uns wenn nicht fremd, so doch wie ein alter Hut. Harding seziert das musikalische Material, zerteilt es in seine Komponenten und breitet sie vor dem Publikum aus. Mit mitunter überdeutlicher Klarheit und geschärftem Blick zeigt Harding jede Nuance, jede Klangfarbe, jede Inkarnation des Grundprinzips Schlag. Die Ordnung, die Artaud suchte, ist da, doch das Toben fehlt. Und vielleicht muss dieses Werk heute auch genau so klingen, wie eine seltsam zerklüftete Landschaft, die fasziniert, die man jedoch besser aus sicherer Entfernung betrachtet. Ein Stück Vergangenheit auch, auf das sich der Blick geändert hat. Skeptischer ist er geworden, den jugendlichen Forscherdrang und Optimismus hat er abgestreift. Womöglich meint Rihm das, wenn er bewundernd sagt, so habe er sein Werk noch nie gehört. Wir, die wir mit ihm hören, stehen nicht mehr inmitten der Ritus, seine reinigende Kraft kann uns nicht mehr erreichen. Und doch dringt sie durch, durchbricht sie hier uns dort die distanz, aus der wir schauen. Vielleicht muss das reichen. Vielleicht ist das gar nicht einmal so wenig.

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Ein Gedanke zu „Gebändigtes Toben

  1. Schlatz sagt:

    Jaja, Rihm ist einer der Besten.

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