Der Bruch in der Welt

Sir Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker eröffnen die neue Spielzeit mit Boulez und Mahler

Von Sascha Krieger

Man kennt das ja: der erste Arbeitstag nach dem Sommerurlaub – da dauert es ein bisschen, bis man wieder zurück ist im Rhythmus. Beim diesjährigen Saisoneröffnungskonzert der Berliner Philharmoniker scheint es so, als sei das Problem auch dem vielleicht besten Orchester der Welt nicht gänzlich unbekannt. „Leidtragender“ ist diesmal Pierre Boulez oder besser sein zehnminütiges Stück Éclat aus dem Jahr 1965. Ein ungewöhnliches Stück für Boulez, in dem er dem Dirigenten erstaunlich viel Freiheit lässt, ein kleines Klanexploratorium, in dem der Zuhörer dem Entstehen und Verschwinden, dem Sich-Zusammensetzen und Aufspalten von Klängen lauschen kann. Nicht so hier. Das Hinterherlauschen ist die Sache Rattles an diesem Abend nicht. Affirmativ und mit großer Kantenschärfe setzt er die Fragmente in den Saal, widmet sich der dialogischen Struktur vor allem des Schlussteils – den Nachhall, die Zwischentöne sucht er nicht. Viel „éclat“, wenig Freiheit. Ein Auftakt, der schnell vergessen ist.

Sir Simon Rattle dirigiert die Berliner Philharmoniker beim Saisoneröffnungskonzert 2016 (Bild: Monika Rittershaus)

Sir Simon Rattle dirigiert die Berliner Philharmoniker beim Saisoneröffnungskonzert 2016 (Bild: Monika Rittershaus)

Die Gefahr besteht bei Gustav Mahlers siebter Symphonie kaum. 1999 hat Rattle sie erstmals bei den Philharmonikern dirigiert – dem Vernehmen nach kein ganz unwesentlicher Grund dafür, dass ihn das Orchester wenig später zu seinem nächsten Chefdirigenten wählte. Jetzt eröffnet er damit  seine letzte Spielzeit, die exklusiv seinem Berliner Orchester gewidmet ist – 2017/18 wird er parallel zu seiner letzten Philharmoniker-Saison bereits die Chefposition des London Symphony Orchestra übernehmen. wer nun befürchtet hat, eine altersmilde, nostalgische oder gar routinierte Interpretation zu hören, sieht sich schnell getäuscht. Schon der eröffnende, extrem massiv gespielte Hornruf zeigt: Hier ist und bleibt Musik eine Herausforderung an das Publikum, hier ist der Platz des Zuhörers auf der Sitzkante und nicht entspannt zurückgelehnt im Sitzmobiliar der Philharmonie. Gerade der Kopfsatz macht es dem Publikum nicht gerade leicht. Im Gegenteil: Sehr schwer ist der Grundgestus, das Orchester verleiht der Musik so viel Masse, dass es gerade noch erträglich ist. Nervös wirkt dieser Beginn, von großer Unruhe durchpulst – eine Unruhe, die dem ganzen Werk als sein Herzschlag verbunden bleiben wird. Die viel gerühmte Rattlesche Transparenz: Hier ist sie zurückgefahren zugunsten einer Aufgewühltheit, die ihre Rätsel nie vollständig preisgibt.

Rattle betont die Auf- und Abbrüche, stellt die Motive, Themen, Stimmungen in scharfem Kontrast einander gegenüber, lässt sie aufeinanderprallen und sich aneinander reiben. Dunkle Klangfarben und schrille Klänge nehmen den Satz fast in die Zange. Eine Mitte ist schwer zu finden, hier ist alles stets kurz vor dem auseinanderbrechen. Romantischer Rückblick oder zukunftsfroher Jahrhundertwechseloptimismus bleiben Fehlanzeige. Dabei gibt es helle, lichte Momente, die meist den brillanten Holzbläsern gehören. Sie streben ins Licht, an die Luft, in die Weite und bleiben doch nur Augenblick. Die grelle Fratze des Jahrhunderts der Kriege – es scheint in Mahlers Siebter schon mitgedacht. Hier wird es zu einem Werk, dass alte Gewissheiten  antestet, sie aber nicht mehr als belastbar einstuft. Mahler ist ein Wendepunkt der Musikgeschichte, in einigen Punkten auch ein Endpunkt. Das Scheitern des Alten und die Drohung des Neuen – Rattle und die Berliner Philharmoniker machen es zu Musik.

Da überrascht es wenig, dass sie beiden „Nachtmusiken“ hier keine Inseln der Ruhe darstellen. Der Hornruf zu Beginn der ersten stellt sofort die Verbindung zum Kopfsatz her. Auch hier scheitern die Aufbrüche, fragmentarisiert sich das material, dürfen die ersten geigen mal fast wienerisch samtig schwelgen und schneiden doch im nächsten Moment messerscharf durch die aufgeheizte Luft der Philharmonie. Die zweite „Nachtmusik“ beginnt dagegen pastoral und wir doch schnell ausgebremst. Die Stimmung verdunkelt sich, später dünnt Rattle des Klang aus, bis kaum ein Gerüst übrig bleibt. dann werden große, romantische Bögen versucht, am Ende bleibt der Eindruck von Fragilität, von Brüchigkeit, vom Nebeneinander überlieferter Ausdrucksmodi, die nicht mehr recht zünden wollen. Am wenigsten eindrucksvoll gelingt wohl das zwischen beiden Sätzen stehende gespenstische Scherzo. Dieses gerät sehr sperrig, hier fruchtet der Hang zur Überbetonung und zur harten Setzung, die das ganze Werk durchzieht, weniger. Sehr spröde kommt der Satz daher, ein wenig bedrohlich, aber atmosphärisch ein wenig zu stark reduziert.

Bleibt das Finale. Treibend, hart, perkussiv der Beginn – eine Bestandsaufnahme des bislang gehörten und zugleich ein unruhiger Versuch, weiterzukommen, irgendeine Lösung zu finden. Diese sucht Rattle im Feierlichen, sodass die Blechbläser spätestens jetzt in den Mittelpunkt rücken. Immer wieder brechen sie durch die Abfolge unterschiedlichster Stimmungsfragmente hindurch – das Pastorale, das Dramatische, das kraftvoll Explosive. Mitunter prallen sie auf engstem Raum aufeinander und doch ist die Grundfarbe des Satzes heller, der Klang offener, der Gestus optimistischer. beinahe freudig klingen die Blechbläser zuweilen, auch wenn die harten Kontrate, die scharfen Brüche, die schweren, dunklen Färbungen nie den Platz räumen. Das Werk endet in dieser Ambivalenz, unaufgelöst, aber nicht resignierend. Beim anschließenden Empfang plädiert der ebenfalls scheidende Philharmoniker-Intendant ungewöhnlich leidenschaftlich für die verbindende Kraft der Musik, für ihre Rolle bei der Verteidigung einer offenen Gesellschaft, für den widerstand, den sie  den „Vereinfachern und Populisten“, wie Hoffmann sagt, entgegensetzen kann. Dieser Mahler war alles andere als einfach oder eindeutig. Seine Zerrissenheit und seine Bereitschaft, den Mut nie sinken zulassen, lassen sich als programmatisch interpretieren. Nicht nur für eine Konzertsaison.

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