Tränen mit Überbiss

Filmkritik: Toni Erdmann (Regie: Maren Ade)

Von Sascha Krieger

Fangen wir am Anfang an. Ein stinknormales Häuschen irgendwo in Deutschland. Ein Paketbote klingelt. Ein reichlich hemdsärmeliger älterer Mann öffnet, behauptet, das Paket sei für seinen Bruder. Dieser erscheint, mit offenem Hemd und Sonnenbrille. Behauptet, es sei eine Paketbombe zum Entschärfen drin. Die beiden „Brüder“ sind natürlich ein und dieselbe Person: Winfried Conradi, Musiklehrer und Freund nicht selten grenzwertiger Scherze. Unspektakulär, wie beiläufig hebt dieser Film an, die Handkamera (Patrick Orth) immer nahe dran. Fast dokumentarisch wirkt das, als wären wir zufällig Zeuge dieser und der nachfolgenden Szenen, die sich nie nur für die Kamera zu ereignen scheinen. Wenig später lernen wir Ines kennen, Winfrieds Tochter. Eine taffe Unternehmensberaterin, stets das Handy am Ohr, selbst wenn am anderen Ende keiner ist. Wo ihr Vater das Überflüssige, das Nicht-Effiziente pflegt, ist sie Pragmatismus und Effektivität in Person. Immer auf der Hut, immer im Dienst, jede Sekunde zielführend verplant. Sie ist immer kurz vorm Zerreißen, die Panikattacke nur Sekunden entfernt und doch stets alles unter Kontrolle. Doch so entspannt, wie er tut, ist auch der Vater nicht. Der alte Hund Willi ist alles, was er hat, selbst seine Schüler kommen ihm langsam abhanden. Als Willi stirbt, bleibt ihm nichts. Außer der Tochter.

Bild: Komplizen Film

Bild: Komplizen Film

Also fährt er nach Bukarest, wo sie für einen Ölkonzern ein Rationalisierungskonzept erarbeitet. Sie ist wenig begeistert, schleppt ihn mit zu Empfängen und ins Spa und hat für seine Fragen, ob sie glücklich sei, keine Zeit. „Spaß, Glück, Leben, kann man das ein bisschen ausdünnen?“, schleudert sie ihm zurück. Kurz, der Besuch ist ein Desaster, Winfried reist ab. Und taucht bald darauf wieder auf: als Toni Erdmann, Coach, Berater, mit Langhaarperücke und falschen Zähnen. Er drängt sich da hinein, wo Winfried nicht recht hinkam: in Ines‘ berufliches Leben. Mischt sich ein mit ausgewählten Peinlichkeiten – gegenüber Ines‘ Chef, dem Kunden, den so genannten Freundinnen. Er sät Chaos, bis Ines wenig andere übrig bleibt, als mitzuspielen. Und plötzlich passieren seltsame Dinge mit ihr, die im wohl skurrilsten Geburtstagsbrunch aller Zeiten gipfeln. Einsamkeiten prallen aufeinander, aber auch diametral entgegengesetzte Weltsichten: Hier der Alt-68er mit seinen mehr nostalgisch gepflegten Werten, dort die Agentin der Globalisierung, die Exekutorin purer Nützlichkeit. Ein Clash zweier Welten, nicht ganz neu, und doch hat man so etwas noch nicht gesehen, im deutschen film schon gar nicht.

Denn Ade verzichtet auf alles Plakative, jegliches Gut-Böse-Schema vermeidet sie konsequent. Wenn die großen Themen aufkommen, entstehen sie wie alles in diesem Film: aus dem Allerkleinsten, aus Momenten, Situationen, einem Satz oder Blick. Ade geht ganz nach ran, an die Lebenswirklichkeiten der rastlosen Tochter und des ratlosen Vaters. Oder ist es die erfolgreiche, zielstrebige Tochter und der eulenspiegelnde, schelmisch liebevolle Vater? Oder ein seltsames Gemisch aus all dem und vielem mehr? Da fängt sie schon an, die Komplexität dieses Films, dem man die Länge von gut zweieinhalb Stunden – eigentlich absolutes Kassengift – nie anmerkt. Der Kamerablick entlarvt nicht, er beobachtet. Er zeigt die Logik wie die Unerbittlichkeit eines kalten, globalisierten Kapitalismus, aber auch seine kleinen und großen Lächerlichkeiten. Aber er verfährt eben genauso mit Winfrieds reichlich naiven, romantischen und willentlich nostalgischen Blick. Wer recht hat, wem das Publikum zustimmt, mit wem es fühlt, ändert sich zuweilen mehrfach in einer Szene.

Sandra Hüller hat jede Zeit der Welt, ihre Ines mit all ihren Fassaden samt deren Bruchstellen, mit ihrem Ergeiz, ihrem Selbstbewusstsein und ihrer Eitelkeit vor dem Zuschauer auszubreiten. Gleiches gilt für Peter Simonischek als Winfried, der so virtuos mit den immer neuen und sich aufeinander türmenden Rollen spielt, und doch nicht verdecken kann, dass darunter eine große Traurigkeit und Leere liegt. Wie immer bei Maren Ade ist das großes Schauspielerkino, das Duett von Hüller und Simonischel, das nie nur ein Duell ist, atemberaubend, gerade weil es nicht spektakulär ist, sich im Alltäglichen abspielt, in Zwischentönen, Seitenblicken, kleinsten mimischen Entgleisungen. Am ende sehen wir hier zwei Menschen zu, die ein Leben suchen in einer Welt, die sich nicht verstehen, die sich ihre Nische schaffen, und dort doch nie glücklich werden können, weil sie viel zu viel ausschließt. Beide sind Verlorene und stehen doch mitten im Leben. Das erscheint seltsam und ist doch eigentlich nur die Realität: Mittendrin sein und doch draußen zu stehen – es ist unwahrscheinlich, dass dies auch nur einem Zuschauer gänzlich unbekannt ist.

Wer den Text bis hierhin gelesen hat, wird sich schwer tun, zu ermitteln, was der film nun eigentlich ist: Komödie, Familiendrama, Gesellschaftssatire? Man könnte es sich einfach machen und sagen: alles davon. Und doch kommt das der Wahrheit kaum näher. Es gibt Tränen zu lachen und zu weinen in Toni Erdmann, es gibt unfassbar berührende Momente und kaum erträglich komische. Ines und Winfried alias Toni stolpern durchs Leben, von Situation zu Situation, von einem messerscharf beobachteten Detailausschnitt (post)modernen Lebens in den nächsten. Dabei ändern sie sich, doch eine wie auch immer geartete Läuterungsgeschichte gibt es nicht. Ines bleibt Ines und ist doch nicht die Gleiche. Ähnliches gilt für Winfried. Warum auch? Die Komplexität dieser Figuren bietet Platz für Kälte und Wärme, für Irrtümer und lichte Momente, für richtig und falsch, gut und böse, Winfried und Ines. Und Toni. Und einen bulgarisches Fellmonstrum, das böse Geister austreiben soll. Und das großartigste Whitney-Houston-Karaoke der Filmgeschichte.Und ein Furzkissen.  Großes ist klein in diesem Film, die ganze Welt ein Blick, eine Geste, eine Umarmung vielleicht. Womöglich hat Maren ade ein neues Genre geschaffen. Es zu benennen, wird sich dieser Rezensent nicht erdreisten.

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Ein Gedanke zu „Tränen mit Überbiss

  1. Martina sagt:

    Wer nach dieser wunderbaren Rezension, die absolut auf dem Punkt bringt, warum dieser Film so sehenswert ist, dieses großartige Werk immer noch nicht sehen will, ist einfach selber schuld.

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